Einheit in Vielfalt
Religionsführer in Indonesien bemühen sich um ein friedliches Zusammenleben
Gespräch mit David Tulaar
Obwohl in Indonesien weltweit die meisten Muslime leben, ist der Islam keine Staatsreligion. Die Verfassung des Landes garantiert Religionsfreiheit. Damit ist aber für die Bevölkerung auch die Pflicht verbunden, sich zu einer von sechs staatlich anerkannten Religionen zu bekennen. Gegenwärtig lassen sich Tendenzen zu einer Islamisierung der Gesellschaft erkennen. Doch der politische Islam findet bislang wenig Unterstützung.
In Indonesien leben 220 Millionen Menschen. 88 Prozent von ihnen sind Muslime, etwa 9 Prozent Christen. Führt das zu Spannungen?
Meist gibt es eher Spannungen zwischen Volksgruppen. Die Zugehörigkeit zu einer Religion ist stark mit der ethnischen Identität verbunden, verschiedene Volksgruppen werden mit dem Islam oder dem Christentum identifiziert. Das führt oft zu Vorurteilen oder Stereotypen. Wo es in der Geschichte viele Kriege und Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Volksgruppen gab, wird das auf die Religion übertragen. Diese Spannungen sind bis heute zu spüren und eine Ursache von anscheinend religiös begründeten Konflikten. Eine Ausnahme waren die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen auf den Molukken in den Jahren 1999 bis 2002. Auf der Molukken-Insel Halmahera beispielsweise gehört die Bevölkerung derselben ethnischen Gruppe, aber unterschiedlichen Religionen an. Hier wurden der Islam und das Christentum als Gruppenidentität politisch instrumentalisiert.
Wie kann in einer solchen Situation Versöhnung gelingen?
Nach diesem Konflikt war für die Menschen der wirtschaftliche Wiederaufbau am wichtigsten. Merkwürdigerweise ist dort nicht zu spüren, dass sie ein Trauma erlitten hätten. Die meisten sind von den Orten, an die sie sich geflüchtet hatten, wieder zurückgekehrt und leben wieder so zusammen wie vor den Auseinandersetzungen. Sie haben auf ihre gemeinsame Kultur zurückgegriffen und sich gesagt: Die Unterschiede machen uns nur schwächer, warum versuchen wir nicht, uns gegenseitig zu stärken. Das EMS hat dort mit einem Projekt wirtschaftliche Entwicklung und Versöhnung miteinander verbunden. Christliche und muslimische Fischer arbeiten zusammen und vermarkten ihren Fang gemeinsam. Ich habe Halmahera vor einigen Monaten besucht. Inzwischen scheinen die Menschen dort überzeugt, dass die Religion nie wieder Anlass für einen Konflikt sein darf.
Welche Initiativen des interreligiösen Dialogs gibt es darüber hinaus in Indonesien?
Seit der Suharto-Zeit gibt es ein staatliches Programm zur Verbreitung von Toleranz zwischen den Religionen, innerhalb einer Region und zwischen den Religionen und dem Staat. Das hat funktioniert, weil viel Druck in diese Richtung von der Regierung kam. Seit etwa anderthalb Jahren gibt es auf Provinz- und Bezirksebene so genannte Foren zur Eintracht unterschiedlicher Religionen. Sie haben die Aufgabe, den Dialog zu fördern, befassen sich aber auch mit praktischen Fragen wie dem Antrag zum Bau einer Kirche. Außerdem setzen sich eine Reihe von nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) für ein friedliches Zusammenleben der Religionen ein. Vor allem auf lokaler Ebene ist es wichtig, dass es immer wieder eine Möglichkeit gibt, Probleme anzusprechen. Die Initiative muss allerdings aus der Gesellschaft selbst kommen. Wenn eine Kooperation aus Zwang entsteht, hat das immer nur einen symbolischen Charakter.
In der indonesischen Verfassung ist Religionsfreiheit garantiert. Was bedeutet das in der Praxis?
Eine der fünf Säulen unseres Grundgesetzes ist das Prinzip der „All-einen Gottheit“. Damit sind sechs Religionen vom Staat anerkannt: Islam, Protestantismus, Katholizismus, Hinduismus, Buddhismus und Konfuzianismus. Jeder Staatsbürger hat das Recht, seine Religion auszuüben. Aber er hat auch die Pflicht dazu. Religionsfreiheit in Indonesien heißt, eine von diesen sechs Religionen auszuwählen. Die Religionszugehörigkeit ist in unserem Ausweis vermerkt. Andere Glaubensgemeinschaften sind nicht staatlich anerkannt.
Ist es schwierig, zu konvertieren?
Theoretisch nicht. Praktisch wird es einem sehr schwer gemacht. Auch Heiraten zwischen Angehörigen unterschiedlicher Religionen sind schwierig. Unser Ehegesetz verhindert interreligiöse Ehen. Es gibt zwar Lücken und in der Praxis kommen Ausnahmen vor. Aber offiziell ist es nicht möglich. Jeder soll möglichst in der Religionsgemeinschaft bleiben, in die er hineingeboren wurde.
Die Regierung hat im Juni die Glaubensgemeinschaft Ahmadiya in der Ausübung ihrer Religion eingeschränkt. Befürchten Sie, dass dies eine schleichende Islamisierung der Gesellschaft anzeigt?
Was mit Ahmadiya passiert ist, ist unglaublich. Menschen werden plötzlich aufgrund ihrer Religion, die eigentlich zum Frieden beiträgt, kriminalisiert. Bei der Frage nach der Islamisierung muss man aber unterscheiden. Islamisierung in dem Sinne, dass Menschen ihre Religion bewusst ausüben, ist gut. Das heißt, dass die Religion ihnen etwas bedeutet. Die Ideen der politischen Islamisierung hingegen muss man hinterfragen. Da gibt es viele antidemokratische Tendenzen.
Hat der radikale Islam politischen Einfluss?
Die Radikalisierung findet zunächst in kleineren Organisationen statt, etwa in der Front der Verteidiger des Islam (FPI) und der Partei der islamischen Befreiung (Hizbut Tahir Indonesia, HTI), die die Errichtung eines Kalifats zum Ziel hat. In der Gesellschaft ist die demokratische und pro-nationale Strömung viel stärker. Allerdings ist es für viele liberale Muslime schwierig, sich öffentlich gegen die radikalen islamischen Organisationen zu wenden. Sie haben Angst, dass ihnen das als Kritik am Islam als Religion ausgelegt wird. Islamische Parteien haben bisher nur geringen politischen Einfluss. Ein interessantes Beispiel ist die Partei für Wohlstand und Gerechtigkeit (PKS). Das ist eine islamische Partei, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt. Bei den Wahlen 2004 hat sie viele Stimmen bekommen. Vor einigen Monaten hat sie das islamische „Label“ aufgegeben und sich zur nationalen Partei erklärt. Viele Leute bezweifeln, ob es ihr damit ernst ist. Ich meine aber, das ist eine Chance: Die Partei hat erkannt, dass man politisch nicht weit kommen kann, wenn man unter der Flagge „Islam“ segelt.
Hat der „Krieg gegen den Terror“ zur Islamisierung der Gesellschaft beigetragen?
Eine anti-amerikanische und anti-westliche Haltung war schon zuvor in vielen Gruppen sehr stark vertreten. Bei vielen Studenten hat bereits mit der islamischen Revolution im Iran in den späten 1970er Jahren eine Radikalisierung des Denkens stattgefunden. Man findet auch eine Identifizierung mit Osama bin Laden, nicht mit dem Islam, sondern mit der Person. Es ist erstaunlich, dass eine einzige Person wie der holländische Filmemacher Geert Wilders mit seinem anti-islamischen Film so große Aufregung hervorrufen kann: der Westen, die Christen, die Atheisten – die sind doch alle gleich.
Die Islamisierung auf politischer Ebene wird im Übrigen auch dadurch verstärkt, dass die Zentralregierung seit dem Jahr 2000 eine Reihe von Entscheidungs- und Machtbefugnissen an die Regionalregierungen delegiert hat. Auf der nationalen Ebene gab es zwischen 2000 und 2004 immer wieder Versuche, die islamische Gesetzgebung, die Scharia, in der Verfassung zu verankern. Das hat aber nicht funktioniert. Deshalb haben sie es auf der regionalen Ebene versucht. In mehreren Regierungsbezirken gibt es jetzt Scharia-ähnliche Verordnungen, die auf islamischen Rechtsgrundsätzen basieren. Sie schreiben die Einhaltung einer islamischen Kleiderordnung vor oder die Verpflichtung für junge Muslime, den Koran rezitieren zu können. Die Zentralregierung hat das Recht, diese lokalen Gesetze zu überprüfen, ob sie mit der indonesischen Verfassung vereinbar sind. Doch das ist bislang nicht geschehen. Einige liberale muslimische Organisationen erstellen zurzeit Studien über diese lokalen Gesetze und wollen eine Überprüfung erreichen.
Wie sind die Christen in Indonesien organisiert?
Das Christentum wurde von vielen Missionswerke nach Indonesien gebracht. Die meisten protestantischen Kirchen sind lokale Stammeskirchen. Viele von ihnen sind zur Gemeinschaft der Kirchen in Indonesien (PGI) zusammengeschlossen, die 1950 entstanden ist. Die Zahl ihrer Mitglieder ist von etwa 30 auf mittlerweile 86 gewachsen. Die katholische Kirche hat dagegen eine nationale Prägung. Es gibt einen Kardinal und Bischöfe sowie eine Bischofskonferenz. Damit haben sie auch eine einheitliche Vertretung nach außen. Pfingstkirchen, Adventisten und Evangelikale haben ihre eigenen Zusammenschlüsse.
Gibt es eine starke evangelikale Bewegung, die auch versucht, zu missionieren?
Ja. Diese Gruppen schüren mit ihren sehr aggressiven Veranstaltungen die Angst der Muslime vor Christianisierung. Diese Angst ist immer da. Viele chinesischstämmige Indonesier gehören solchen evangelikalen Gruppen an. Die sind nicht politisch aktiv, aber schwer zu kontrollieren, weil sie sich ständig in neue Gruppierungen aufspalten. Zwar gibt es Möglichkeiten, beispielsweise innerhalb der Foren zur Eintracht unterschiedlicher Religionen, mit dieser Art von Fundamentalismus umzugehen. Problematisch wird es vor allem, wenn die Medien diese Gruppierungen groß herausbringen. Auch wenn sie Gottesdienste in Orten feiern, in denen viele Muslime leben, kommt es zu Spannungen.
Ist für die protestantischen Kirchen Mission noch ein Thema?
Es gibt eine staatliche Regelung, dass man niemanden missionieren darf, der schon eine Religion hat. Die Missionsarbeit zielt deshalb mehr auf soziale Gerechtigkeit, Friedensförderung und die Stärkung der Fähigkeiten, das capacity building, von Kirchen. Bekehrung im ursprünglichen Sinn ist aber kein Thema mehr.
Sind die christlichen Kirchen auch im Gespräch mit der Regierung?
Ja, sie können sich bei Anhörungen im Parlament zu Wort melden. Außerdem haben wir in Indonesien ein Religionsministerium, das eigentlich gegründet wurde, um die Angelegenheiten der Muslime zu regeln. Inzwischen ist es für alle Religionen da. Dadurch gibt es Kanäle, an die Regierung heranzukommen. Das Ministerium ist ein starkes Instrument der Regierung, um Gespräche mit den Religionen zu führen, sie aber zugleich ein Stück zu kontrollieren.
Wie ist denn zurzeit das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen?
Das Verhältnis ist eher gut. Auch auf nationaler Ebene gibt es eine Zusammenarbeit. Der Generalvorsitzende des PGI ist mit dem Leiter der größten muslimischen Organisation, der Nahdatul Ulama, befreundet. Das PGI, die Bischofskonferenz und die Nahdatul Ulama haben sich gemeinsam mit vielen NGOs der Nationalen Allianz für Glaubens- und Religionsfreiheit (AKKBB) angeschlossen, um gegen den Ahmadyia-Erlass zu protestieren. Es gibt auf oberer Ebene ein starkes Interesse, dass das friedliche Miteinander bestehen bleibt.
Indonesien hat ja das Motto „Einheit in Vielfalt“. Aber viele Muslime haben Angst vor dem Pluralismus, dem Einfluss des Westens und davor, dass der Islam seinen Wahrheitsanspruch verliert. Zum Glück hat die Regierung die Ahmadyiah nicht aufgelöst, sondern nur eingeschränkt, wenn auch erheblich. Wenn das passiert wäre, wäre ein Präzedenzfall für die einheitliche Interpretation des Islam als des einzig wahren Glaubens geschaffen worden. Dann wäre jede andere Religion bedroht. Im Blick auf die Wahl im kommenden Jahr wird das Thema sehr brisant sein.
Das Gespräch führte Gesine Wolfinger.
David Tulaar
ist Indonesien-Referent beim Evangelischen Missionswerk in Südwestdeutschland und Pastor der Christlich-evangelischen Kirche in Minahasa in Nordsulawesi.
West-Papua: Warnung vor neuen Konflikten
Die International Crisis Group (ICG) hat sich besorgt über wachsende Spannungen zwischen Muslimen und Christen in der indonesischen Provinz Papua geäußert. Angesichts einer zunehmenden Radikalisierung der religiösen Gruppen auf beiden Seiten sei das Risiko eines Konflikts groß, heißt es in einem Bericht der Organisation von Mitte Juni. Es bestehe zudem die Gefahr, dass der Konflikt über die Autonomie West-Papuas wieder aufflammt. Indonesien hat die vormals niederländische Kolonie 1969 übernommen und ihr am 1. Januar 2001 nach blutigen Kämpfen um Unabhängigkeit eine Sonderautonomie zuerkannt. Das geht vielen der ursprünglichen Einwohner, die mehrheitlich Christen sind, laut ICG nicht weit genug. Muslimische Zuwanderer hingegen favorisierten eine engere Anbindung an die Zentralregierung in Jakarta.
Zu den Gründen für die gegenwärtigen Spannungen zählen laut dem Bericht die stetige Zuwanderung von Muslimen aus anderen Teilen Indonesiens und die Entstehung neuer, fundamentalistischer Gruppen, die fürchten, von der jeweils anderen Religion dominiert zu werden. Die Regierung in Jakarta hat seit 1969 mit dem Transmigrasi-Programm Zehntausende Menschen von der Hauptinsel Java auf andere Inseln umgesiedelt. In West-Papua hat sich dadurch von 1964 bis 2004 der Anteil der Muslime an der Bevölkerung offiziell von 6,5 Prozent auf 23 Prozent fast vervierfacht. Inoffizielle Schätzungen gehen von einem Anteil von bis zu 65 Prozent aus. Kirchen und Menschenrechtsorganisationen werfen der indonesischen Regierung Diskriminierung und Marginalisierung der einheimischen Papua vor.
(gwo)
