Schmerzhafte Selbstfindung
Religiöse und nationale Minderheiten in der Türkei kämpfen um Anerkennung
Von Charlotte Schmitz
Das Gebäude der Zeitschrift „Agos“ in der Istanbuler Innenstadt ist abgeschirmt wie ein Hochsicherheitstrakt. Besucher müssen sich per Sprechanlage anmelden, eine Videokamera hilft sie zu identifizieren. Eine Schleuse aus kugelsicherem Glas schützt zusätzlich den Eingang zur Redaktion. Dafür gibt es gute Gründe: Es geht um Leben und Tod. Im Januar 2007 wurde der damalige Chefredakteur von „Agos“, Hrant Dink, mitten in Istanbul auf offener Straße erschossen.
Hrant Dink war nationalistischen Kreisen ein Dorn im Auge, denn der Armenier hatte die Zeitschrift zu einem Sprachrohr für alle gemacht, die die Türkei zu einem moderneren, demokratischeren Staat entwickeln wollen. Der Prozess gegen seinen Mörder zieht sich hin. „Wir haben Angst. Deshalb lassen wir alle unsere Artikel von Rechtsanwälten prüfen, bevor wir sie veröffentlichen“, sagt Aris Nacli, der die „Agos“-Redaktion derzeit leitet. Das Amt des Chefredakteurs übernimmt alle vier Monate ein anderer Kollege, denn der Führungsspitze drohen immer wieder neue Anklagen. Deshalb tragen die Journalisten das Risiko reihum. Gummiparagrafen wie der kürzlich etwas entschärfte Paragraf 301 des Türkischen Strafgesetzbuchs, der die „Beleidigung des Türkentums“ unter Strafe stellt, schränken die Pressefreiheit ein.
Die Zeitschrift „Agos“ erscheint in einer Auflage von 7.500 Exemplaren überwiegend auf Türkisch, denn viele Armenier beherrschen nach Jahrzehnten der Assimilation nur die Staatssprache. Nacli schätzt die Zahl der Armenier in der Türkei auf etwa 45.000, die meisten von ihnen leben in Istanbul. Nur wenige seien heute noch Christen, denn der Druck der Verfolgung habe zu Massenkonversionen geführt.
Die Abneigung der sunnitischen Mehrheit gegen die christlichen Armenier erklärt der Journalist mit der Geschichte: Im Osmanischen Reich durften Armenier keine Beamten werden und wandten sich deshalb dem Handel zu. In den 1950er Jahren wurde die christliche Minderheit aus diesem Wirtschaftssektor herausgedrängt. Christen wurden mit Sondersteuern belegt. Muslimische Familien wie die der Sabanci, die heute zu den Reichsten des Landes zählen, hätten damals den Grundstein für ihr Wirtschaftsimperium gelegt, indem sie Armeniern Fabriken zu Spottpreisen abkauften, berichtet Nacli.
Istanbul ist ein Spiegel der Türkei. Unter den geschätzt zwölf Millionen Einwohnern der Megastadt sind alle Völker und Religionen vertreten – auch die muslimische Glaubensgemeinschaft der Aleviten. Ihr ältestes Gebetshaus steht auf der asiatischen Seite der Stadt, nahe am Bosporus. Ein Schild weist den reich mit Ornamenten geschmückten Tempel als Teil des türkischen Kulturguts aus. Offiziell gilt er damit als Baudenkmal, nicht als Gotteshaus.
„Wir Aleviten wurden im Lauf der Jahrhunderte ausgegrenzt, unterdrückt, verfolgt und massakriert“, sagt Gemeindemitglied Miyase Çelik. „Aber trotzdem haben wir überlebt.“ Sie sitzt an einem mächtigen Holzschreibtisch, auf dem mehrere türkische Flaggen postiert sind. Hinter ihr hängt ein großes Portrait des Staatsgründers Kemal Atatürk. Die Aleviten heben ihre staatstragende Haltung hervor, selbst hier in ihrem Gebetshaus. Neben dem Bild Atatürks hängen Porträts des Propheten Ali und seiner Nachfolger. Wie die Schiiten verehren die Aleviten neben Mohammed den Propheten Ali.
Alevitentum ist „Islam Light“
Die Aleviten zählen zu den Muslimen, sind aber verglichen mit der sunnitischen Mehrheit in der Türkei weltlichen Dingen gegenüber aufgeschlossener. Der Konsum von Alkohol ist erlaubt, ihre Frauen verschleiern sich nur bei rituellen Handlungen. Das Alevitentum sei „Islam light“, scherzt Miyase Çelik, die als Redakteurin bei der Tageszeitung Cumhuriyet arbeitet. Dann wird sie ernst: „Wir fasten während des Ramadan nicht, denn wir glauben, Gott ist so groß, dass sich niemand vor ihm verbeugen soll.“ Es gebe im Alevitentum keinen Begriff „des anderen“, vielmehr seien alle Menschen gleich. Die aus dem Vorderen Orient nach Anatolien eingewanderten türkischen Gruppen hätten die alevitische Religion samt Einflüssen anderer Glaubensgemeinschaften mit in die heutige Türkei gebracht.
Çelik schätzt, dass heute etwa ein Drittel der Türken alevitischen Glaubens sind. „Aber Aleviten mussten ihre Religion lange Zeit im Verborgenen ausüben.“ Nach der Gründung der Türkischen Republik im Oktober 1923 wurden sie wie andere Religionsgemeinschaften als „Sekten“ zunächst verboten. Diese Erfahrung wirkt nach. Doch seit etwa 20 Jahren öffnen sie sich zunehmend der Gesellschaft und fordern ihre Rechte ein. „Wir bezahlen Steuern und finanzieren damit die Ausbildung sunnitischer Imame und Moscheen. Aber unsere Gebetshäuser werden nicht staatlich gefördert“, beklagt Miyase Çelik.
Die Türkische Republik hat das Osmanische Reich abgelöst, in dem 800 Jahre lang die islamische Rechtslehre der Scharia herrschte. Mit dem „Amt für Religiöse Angelegenheiten“ schuf die junge Republik eine staatliche Religionsaufsichtsbehörde, die nur vorübergehend existieren sollte, um für die Kontrolle islamische Sekten zu sorgen. Doch bis heute widmet sich das Amt unter anderem der Ausbildung sunnitischer Imame und Muezzine sowie dem Erhalt von Moscheen.
Neben sunnitischen Moscheen und alevitischen Gebetshäusern finden sich auch christliche Kirchen in Istanbul und in vielen anderen Städten der Türkei. Zum Teil handelt es sich um ehemals armenische Bauten, zum Teil um Gebäude aus byzantinischer Zeit. Die Zahl der Christen in der Türkei wird auf etwa 125.000 geschätzt, wobei es sich überwiegend um Armenier handelt. Einige wenige gehören zur syrisch-orthodoxen Kirche. Auch einige wenige Katholiken leben in der Türkei, die wiederum verschiedenen katholischen Kirchen angehören.
Christliche Gemeinden werden in der Türkei häufig der Missionierung verdächtigt. Die ist zwar nicht gesetzlich verboten, wird aber misstrauisch beobachtet. Im Januar wurde ein katholischer Priester in Trabzon an der Schwarzmeerküste erstochen, im April 2007 wurden drei protestantische Christen im zentralanatolischen Malatya ermordet. Im Juni dieses Jahres kam heraus, dass ein angeblich protestantischer Priester in Tarsus am Mittelmeer jahrelang auf der Gehaltsliste des türkischen Geheimdienstes gestanden hatte. Er zelebrierte sein „Outing“ öffentlich und bekannte sich zum Islam. Im Fernsehen beschuldigte er die Christen, sie wollten das „Heilige Land“ zurückerobern und würden dabei von den USA unterstützt. Solche Vorfälle zeigen, dass politische Kreise versuchen, Religionsgemeinschaften gegen-einander auszuspielen. So wurden eine Zeitlang radikalislamische Gruppen unterstützt, um die kurdische Nationalbewegung zu schwächen.
Türkische Journalisten, Politiker und türkeikundige Wissenschaftler auch in Europa vermuten eine Allianz zwischen Geheimdienst, Militär, Wirtschaft und Politik. Anhaltspunkte für die Existenz dieses so genannten „Tiefen Staates“ haben verschiedene Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte geliefert, die auf Verbindungen zwischen diesen Machtzentren hinweisen. Das Militär hat in der Türkei nicht nur eine wichtige Rolle als Hüter des Laizismus und der kemalistischen Grundsätze, sondern besitzt mit seiner Holding OYAK, die den Pensionsfonds der Armee verwaltet, eines der größten Wirtschaftsimperien des Landes.
Mehr Spielraum für religiöse Minderheiten
Dennoch sind auch Fortschritte im Umgang des Staates mit religiösen Minderheiten zu verzeichnen. Die neue Offenheit ist einerseits dem beharrlichen Bemühen von Intellektuellen und Oppositionellen zu verdanken, andererseits dem Druck der Europäischen Union, die Mindeststandards zur Voraussetzung für eine Aufnahme der Türkei formuliert hat. Eine armenische Kirche auf der Insel im Van-See im Osten der Türkei wurde im April 2007 vom Staat restauriert. Die so genannte Aktamar–Kirche soll nun als historisches Gebäude Touristen anlocken. Zwar wurde der armenische Name „Achtamar“ zu „Aktamar“ türkisiert, auch finden dort keine Gottesdienste statt. Doch die Restaurierung lässt hoffen, dass das Kulturerbe der Armenier anerkannt wird, was indirekt zu einer Anerkennung der Armenier als Volksgruppe innerhalb der Türkei führen könnte. Dies könnte auch den religiösen Minderheiten, die keiner eigenen ethnischen Gruppierung angehören, mehr Spielraum verschaffen, denn im Grundsatz geht es hier um die Frage, wie heterogen der türkische Staat sein darf.
Der Weg zu einer offenen Diskussion der armenischen Frage ist allerdings mühsam. Der Istanbuler Verleger Osman Köker organisierte 2005 eine Ausstellung mit 500 historischen Postkarten, die armenische Gebäude und das Leben der Armenier zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Türkei zeigen. Das Interesse war groß: Mehr als 7000 Besucher kamen in nur elf Tagen. Manche von ihnen erfuhren erst hier, dass Gebäude in ihrer Nachbarschaft einst von Armeniern erbaut worden waren. Im selben Jahr war Istanbul Gastgeberin einer internationalen Konferenz über die armenische Frage, die jahrelang verhindert worden war. „Das wichtigste Signal der Konferenz ist, dass sie überhaupt stattgefunden hat“, sagte der Europaabgeordnete der Grünen Cem Özdemir. „Viele in der Europäischen Union verstehen nicht, dass diese Debatte eine für die Türkei neue und schmerzliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstverständnis ist.“
Charlotte Schmitz
ist freie Journalistin in Frankfurt am Main.
