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Zeugnis unvorstellbarer Grausamkeiten

Ein Dokumentarfilm begleitet Militärbeobachter in Darfur

Die Kamera geht nah ran. Sie fängt afrikanische Gesichter, Hände und Füße ein, die sich ruhig  in greller Sonne bewegen. Roter Staub, rostiges Blech, felsige Steine – und wie beiläufig schweift der Blick auch über Gewehre. Die Regisseurinnen Annie Sundberg und Ricki Stern konzentrieren sich in ihrem Dokumentarfilm auf das Wesentliche, das Wesen eines der brutalsten Konflikte Afrikas und der Welt. Ruhig und beharrlich folgen sie ihrem Thema, wohltuend anders, als es der reißerische Titel „Die Todesreiter von Darfur“ (The Devil Came on Horseback) befürchten lässt.

Es ist ein Film über eine Entwicklung: Brian Steidle, der mit Anfang 30 seinen Dienst bei den US-Marines quittiert, ist ein US-Bürger aus dem Bilderbuch, ehrlich, patriotisch und weitgehend unpolitisch. „Mein Vater hat uns gelehrt, stolze Amerikaner zu sein“, sagt er. Und: „Die Marines fackeln nicht lange. Wir sind fürs Grobe zuständig.“ Der muskulöse junge Mann mit dem Dreitagebart suchte eine neue Herausforderung – und landete im Sudan.

Als Militärbeobachter der Afrikanischen Union ist Steidle nur mit Kamera, Stift und Papier bewaffnet. 2004 wird er Zeuge unvorstellbarer Grausamkeiten, zunächst in den Nuba-Bergen an der Grenze zwischen Nord- und Südsudan, erst recht später in Darfur. Er fotografiert Tote und Überlebende, sammelt Informationen über die Angriffe der Dschandschawid-Reitermilizen, die von der sudanesischen Regierung ausgerüstet wurden. „Wir reichten unsere Berichte ein und hofften, dass ein Wunder geschehen würde.“

Die Kamera reist mit Steidle im Geländewagen durch den Tschad, wo viele Flüchtlinge aus Darfur Zuflucht gesucht haben. Die Erinnerungen des Ex-Marines sind geschickt mit Fotos von Massakern, verzweifelten E-Mails, Originalaufnahmen von waffenstrotzenden Milizionären aus Darfur und Hintergrundinfos aus dem Off verwoben. Die ruckelnde Handkamera bringt die unterschwellige Bedrohung auf die Leinwand. Der Film, obgleich für das amerikanische Publikum gedreht, drückt nicht auf die Tränendrüsen, ist geradezu sparsam mit Emotionen. Die Fotos, die das schreiende Unrecht dokumentieren, sind mit Bedacht und Pietät gewählt. 80 Berichte mögen es gewesen sein, die Steidle und seine Kollegen eingereicht haben. Er mutmaßt, dass sie in einem schwarzen Loch verschwunden sind. Unfassbar für ihn, dass er und seine Kollegen einen angekündigten Angriff auf den Ort Labado mit 25.000 Einwohnern nicht verhindern konnten. Steidle sieht den Ort brennen, hört die Schüsse.

Dann gibt es Hoffnung, dass in der Politik etwas geschehen wird, zum Schutz und zur Rettung der Menschen in Darfur. Der Journalist Nicholas D. Kristof schreibt im März 2005 in der „New York Times“ über Steidle, den „amerikanischen Zeugen“ eines Völkermordes, und veröffentlicht einige seiner Darfur-Fotos. Steidle hält zahlreiche Reden, vor vielen Menschen, tritt in Talk-Shows auf. US-Politiker werden aufmerksam, der damalige Außenminister Colin Powell spricht von Völkermord in Darfur. Condoleezza Rice dankt Steidle für seinen Einsatz. Doch der Film ist auch ein Lehrstück über das Wesen der internationalen Politik. Denn plötzlich schläft alles ein, was so hoffnungsvoll begonnen hat. Neue Themen verdrängen Darfur von der Tagesordnung. Steidle schildert seine Tiefpunkte. „Ich war nur Zuschauer, ich fühle mich schuldig.“

Trotz allem ist „Die Todesreiter von Darfur“ kein resignativer Film. Er ist vielmehr ein Appell an das Gebot der Menschlichkeit. Seine Weltpremiere hatte er im Januar 2007 auf dem Sundance Independent-Festival in den USA. Wenn der Film nun am 28. August in die deutschen Kinos kommt, ist der Darfur-Konflikt immer noch brennend aktuell. 


Elvira Treffinger

„Die Todesreiter von Darfur“, USA 2006, Regie: Annie Sundberg und Ricki Stern, 88 Minuten, Verleih: Polyband-Medien

welt-sichten 8-2008