Wüstenstrom: eine saubere Lösung?
Das geplante Desertec-Projekt ruft nicht nur Begeisterung hervor.
Die Idee klingt bestechend: Afrikas Wüsten sollen künftig sauberen Strom für Europa liefern. Nach den Plänen der Desertec-Initiative, zu der sich Mitte Juli zwölf unternehmen zusammengeschlossen haben, sollen bis 2050 mit hilfe großer solarthermischer Kraftwerke in der Sahara 15 Prozent des europäischen energiebedarfs gedeckt werden. Die notwendigen Technologien sind laut Industrie bereits erprobt, off en scheint nur noch die Finanzierung. Dennoch stößt das Projekt auch auf Kritik.
PRO:
Die Chancen von
solarthermischen
Kraftwerken müssen genutzt werden
Von Andree Böhling
Die Produktion und der Import von Solarstrom aus sonnenreichen Wüstengebieten Nordafrikas und den Ländern des Nahen Ostens ist eine echte Alternative zur derzeitigen Energieversorgung. Sie ist viel realistischer und zukunftsweisender als die Abspaltung und Speicherung von Kohlendioxid (CO2) aus Kohlekraftwerken oder der Bau vieler neuer Atomkraftwerke. Und sie ist natürlich viel sicherer und sauberer. Die Technik ist erprobt und derart ausgereift, dass sie weltweit vor ihrem Durchbruch steht.
Angesichts der riesigen Probleme, die mit der Nutzung von Öl, Kohle, Gas oder Atomkraft verbunden sind, wäre es fatal, auf die Chancen solarthermischer Kraftwerke zu verzichten. Wüstenstrom kann laut einer Greenpeace-Studie bis Mitte des Jahrhunderts etwa ein Viertel der globalen Stromversorgung sichern. Dies wird auch notwendig sein, wenn wir weltweit die CO2-Emissionen drastisch reduzieren wollen. Der Klimawandel macht einen schnellen Ausstieg aus der Nutzung fossiler und nuklearer Energien notwendig: Bis 2015 muss laut Klimawissenschaftlern der Trend weltweit steigender Treibhausgase gestoppt und umgekehrt werden. Bis 2050 müssen Industriestaaten wie Deutschland ihre Emissionen auf nahezu Null reduzieren. Nur so kann der weltweite Temperaturanstieg, ein Auslöser von ökologischen und sozialen Krisen, gebremst werden. Die Folgen der Klimaveränderungen treffen die ärmsten Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas am härtesten und stellen eine existenzielle Bedrohung für einzelne Staaten dar.
Die zentrale Frage sollte künftig nicht sein, ob, sondern wie schnell wir eine vollständige Versorgung mit erneuerbaren Energien realisieren können, um die Erderwärmung zu stoppen. Dies zeigt sich besonders, wenn wir auf die Energieversorgung weltweit schauen. In China und Indien werden zahlreiche neue Kohlekraftwerke gebaut und in den USA wird einmal mehr über den Bau von hundert neuen Kernkraftwerken diskutiert. In Deutschland sollen die Laufzeiten alter Atommeiler verlängert und 25 neue Kohlekraftwerke gebaut werden. Wir sollten deshalb nicht zwischen dezentralen und zentralen Energien auswählen, sondern zwischen umweltschädlicher und umweltfreundlicher Stromerzeugung.
Die Anforderung bei der gemeinsamen Nutzung von Solarstrom aus Wüsten wird sein, diese Technologie zu beiderseitigem Nutzen für die Menschen in Afrika und in der Europäischen Union verfügbar zu machen. Solarkraftwerke in den Wüstenregionen Afrikas werden nicht ohne das Kapital und das Know-how finanzstarker Investoren etwa aus Deutschland gebaut werden können. Andererseits muss der erzeugte Solarstrom zuerst den Menschen in den Wüstenregionen selbst zu Gute kommen, die sich aber derzeit keinen Solarstrom leisten können. Deswegen brauchen wir einen Güterausgleich zwischen den unterschiedlichen Interessen. Ziel muss es insgesamt sein, die Solartechnik durch eine breite Markteinführung zu einer für alle Menschen bezahlbaren Alternative zu machen.
Wüstenstrom ist dabei selbstverständlich nur ein Teil der Lösung, weil die Infrastruktur für den Stromtransport in den meisten Ländern Afrikas fehlt. Daher werden für viele Menschen so genannte Insellösungen mit einzelnen Windkraft- oder Photovoltaik-Anlagen eine bessere Alternative sein. Trotzdem kann Strom aus Wüstenkraftwerken die Industrie und die Ballungsräume in den Ländern Afrikas mit sauberem Strom beliefern. Bei der derzeitigen Situation, die von der Ausbeutung und dem Export von Energierohstoffen wie Erdöl, Kohle, Uran oder Erdgas geprägt ist, sollte es jedenfalls nicht bleiben. Denn damit verbunden sind unmenschliche und ökologisch katastrophale Bedingungen für die Bevölkerung vor Ort sowie eine Verschärfung der ohnehin bedrohlichen Klimaveränderungen.
KONTRA:
Afrika südlich
der Sahara wird wieder
einmal vergessen
Von Winfried Speitkamp
Ein afrikanisches Unternehmenskonsortium hat beschlossen, den
Energiebedarf Afrikas künftig mit
erneuerbarer Energie aus Europa
zu decken. Deshalb sollen gigantische Windparks in Europa errichtet werden. Gerade die durch den
Klimawandel bedingten zunehmenden Stürme in Zentraleuropa
böten enorme Energiepotentiale, mit denen der geringe Strombedarf des subsaharischen Afrika
problemlos gedeckt werden könne. Man werde sich bemühen, Windparks in Regionen zu installieren, die weitgehend menschenleer seien wie etwa Ostdeutschland.
Diese Fiktion ist geschmacklos, zynisch, abwegig? Nicht ganz. Tatsächlich hat ein deutscher Unternehmensverbund beschlossen, den Strombedarf Europas künftig mit erneuerbarer Energie aus Afrika zu decken. Deshalb sind gigantische solarthermische Kraftwerke in der Sahara geplant, die bis 2050 15 Prozent des europäischen Energiebedarfs decken sollen.
Aus historischer Sicht erinnert das Ganze ein wenig an die Kongo-Konferenz von 1884/85. Damals trafen sich Vertreter von dreizehn europäischen Nationen und der USA, um über die Inbesitznahme Afrikas zu sprechen. Afrikanische Vertreter waren nicht beteiligt. Das war der Auftakt zum „Scramble for Africa“, zur Aufteilung des Kontinents unter die europäischen Kolonialmächte. Und heute? Auch dieses Mal waren afrikanische Vertreter kaum beteiligt, als zwölf Firmen, an der Spitze die Münchner Rück, ihren Plan besprachen.
Keine Frage, die Sahara wäre ideal. Dort ist die Sonneneinstrahlung mehr als hinreichend, um den Strombedarf der ganzen Welt zu decken, und die technischen Fragen der Speicherung der Energie und des Stromtransports sind grundsätzlich gelöst. Dem Anschein nach ist alles nur eine Frage der Kosten. Wo also liegt das Problem? Es liegt in Afrika, und es betrifft politische und gesellschaftliche Aspekte.
Was Nordafrika angeht, so werden die entscheidenden Fragen von den Initiatoren bislang heruntergespielt. Zum Beispiel wie man politische Stabilität in den betroffenen Staaten wie Libyen und Algerien sicherstellen kann. Will Europa militärisch intervenieren, wenn Unruhen drohen oder wenn bei Wahlen Islamisten gewinnen, die alles andere im Sinn haben, als Europas Stromversorgung zu garantieren? Will man Diktatoren unterstützen, wenn es darum geht, regionale Gruppen zu vertreiben, die die Wüste seit Generationen nutzen und als ihr Territorium begreifen?
Die Wüste ist nicht menschenleer und nicht herrenlos – diesem Irrtum sind schon die Kolonialisten des 19. Jahrhunderts aufgesessen. Will man erneut tatenlos zusehen, wenn lokale und staatliche Akteure, auch kriminelle Banden und Milizen um erhoffte Profite kämpfen? Wie kann man aus den katastrophalen Erfahrungen mit Ölregionen wie Sudan und Nigeria lernen und sicherstellen, dass nicht Warlords, korrupte Politiker und private Firmen den Gewinn einstreichen, die Bevölkerung aber leer ausgeht?
Afrika südlich der Sahara taucht zudem in den Planungen gar nicht erst auf. Die großen Verbundnetze, die als Visionen graphisch eindrucksvoll dargestellt werden, versorgen Europa und Nordafrika und enden in der Sahara. Alles, was südlich davon liegt, fehlt. Kein Wunder: Das subsaharische Afrika verfügt nur über sehr rudimentäre und marode städtische Stromnetze, der ländliche Raum ist praktisch gar nicht elektrifiziert.
Bis zu 96 Prozent des Energieverbrauchs ländlicher Privathaushalte werden mit Holz gedeckt, in den Städten sind es immer noch bis zu 50 Prozent. Für den gewerblichen Bedarf werden häufig Dieselgeneratoren genutzt. Die ökologischen Folgen sind unabsehbar. Staaten wie Uganda und Tansania suchen nach lokalen, dezentralen Lösungen, etwa mit Photovoltaik. Solarthermie kann hier aus klimatischen Gründen nicht genutzt werden. Ein Leitungsnetz kann aus finanziellen und praktischen Gründen, beispielsweise illegale Entnahmen, Diebstahl von Kabeln nicht installiert werden.
Kurz: Solarthermische Anlagen in der Sahara können vielleicht dazu beitragen, Europas Energieprobleme zu lösen. In Afrika dagegen schaffen sie neue Probleme. Und Afrika südlich der Sahara würde wieder einmal vergessen.
Andree Böhling
ist Energie- und Klimaexperte
bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace.
Winfried Speitkamp
lehrt Neuere Geschichte an der
universität Gießen. er hat sich
besonders mit der Geschichte afrikas
befasst. Soeben ist seine „Kleine
Geschichte afrikas“ (Reclam) in zweiter
auflage erschienen.
Neuen Kommentar hinzufügenHeidi Schiller schrieb am 03.08.2009 um 14:48:04
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Frank Bode schrieb am 03.08.2009 um 9:23:26
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Heidi Schiller schrieb am 03.08.2009 um 14:37:39
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Frank Bode schrieb am 04.08.2009 um 9:03:20
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Ulrich Mercker schrieb am 07.08.2009 um 16:15:12
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Frank Bode schrieb am 15.08.2009 um 18:11:38
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Christian Ehrhardt schrieb am 26.08.2009 um 15:05:24
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Frank Bode schrieb am 28.08.2009 um 17:57:32
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G.Lohmann schrieb am 29.12.2009 um 14:40:49
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