Darfur: Die Geschichte eines grausamen Krieges
Mahmood Mamdani
Saviors and Survivors.
Darfur, Politics and the War on Terror
Pantheon Books, New York 2009,
398 Seiten, 21,99 Euro
Julie Flint und Alex de Waal
Darfur. A New History of a Long War
Zweite, aktualisierte und überarbeitete
Auflage;
Zed Books, London/New York
2008,
320 Seiten, 12,90 Euro
Gérard Prunier
Darfur. A 21st Century Genocide
Dritte, aktualisierte Auflage;
Cornell
University Press, Ithaca/New York 2008,
252 Seiten, 11,10 Euro
Mahmood Mamdani, Politikwissenschaftler an der
New Yorker Columbia University und höchst einflussreich unter afrikanischen Intellektuellen und
Politikern, sorgt mit seinen Publikationen nicht selten für lebhafte und kontroverse Debatten. Das gilt
auch für sein jüngstes Werk über den Darfur-Konflikt
im Sudan. „Saviors and Survivors“ ist nur zum Teil
ein Buch über die Ursachen und den Verlauf des brutalen Krieges, der Anfang 2003 in den westlichen
Provinzen des riesigen Landes am Horn von Afrika
eskalierte und bis heute hunderttausende Menschen
das Leben gekostet hat. In erster Linie fährt Mamdani einen energischen Angriff gegen die in den USA
sehr populäre Kampagne der „Save Darfur“-Koalition, die seit 2004 lautstark ein Eingreifen der US-Regierung in Form von humanitärer Hilfe, Sanktionen
oder direkter militärischer Intervention gefordert
hat. Eine Reihe von Prominenten, unter ihnen die
Schauspieler George Clooney und Mia Farrow sowie
der Sänger Peter Gabriel, stellten sich in den Dienst
dieses Zusammenschlusses zahlreicher, vor allem religiöser Organisationen und zogen eine breite Schar
von jungen Aktivisten an.
„Save Darfur“ stelle das, was als Bürgerkrieg und Rebellion gegen politische und wirtschaftliche Marginalisierung begonnen und in eine rücksichtslose Aufstandsbekämpfung gemündet habe, klischeehaft als Konfrontation zwischen „Arabern“ und „Afrikanern“ dar, so ein zentraler Vorwurf Mamdanis. Das Drängen auf internationale Interventionen verstelle die Möglichkeiten einer innersudanesischen beziehungsweise innerafrikanischen Konfliktbeilegung. „Save Darfur“ sei das „humanitäre Gesicht des Krieges gegen den Terror“, heißt es in dem Buch; deren High-School-Aktivisten seien die „Kindersoldaten des Westens“, bekräftigte Mamdani im Interview mit dem Rezensenten.
Viel Energie verwendet der Autor darauf, die Mobilisierung entlang ethnischer Linien – „Araber“ versus „Afrikaner“ – im Darfur-Konflikt zu relativieren. Die Kolonialpolitik Großbritanniens wird maßgeblich dafür verantwortlich gemacht, dass diese (Selbst-) Zuschreibungen überhaupt virulent wurden. Entscheidender für den Ausbruch des Krieges seien die Praxis der indirekten Herrschaft sowie die Etablierung von landbesitzenden und landlosen Klassen durch die Kolonialherren. Diese Thesen, deren wissenschaftliche Korrektheit unter Sudan-Experten intensiv diskutiert wird, sind neben den Ausführungen zur Politik in den Zeiten des Kalten Krieges gewiss eine angebrachte Ergänzung anderer Veröffentlichungen zu Darfur. Der Nachweis, dass Ethnizität sozial konstruiert wird, erklärt für sich genommen jedoch nicht hinreichend, warum diese Identitäten unter bestimmten Bedingungen zu einer mörderischen Scheidelinie zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen werden.
„Saviors and Survivors“ ist zutiefst einem Antiimperialismus aus der Zeit der Blockkonfrontation verpflichtet. Dem Verfasser liegt wenig daran, die Nuancen und Widersprüche in der Außenpolitik der Vereinigten Staaten aufzuzeigen. So erfährt man zum Beispiel nichts über die Zusammenarbeit des amerikanischen Geheimdienstes CIA mit dem Regime in Khartum in Fragen der globalen Anti-Terror-Spionage. Das würde, so hat es den Anschein, nicht in das klischeehafte Bild passen, nach dem die USA gegenüber den herrschenden Islamisten im Sudan generell feindlich eingestellt sind.
Wesentlich mehr Details über die internen Machtstrukturen im Sudan sowie die Verbrechen der herrschenden Clique um Präsident Omar al-Bashir und von Teilen der Aufständischen an der Zivilbevölkerung erfährt der Leser in zwei anderen Büchern, die beide jüngst ergänzt überarbeitet worden sind. Julie Flint und Alex de Waal sowie Gérard Prunier lassen Raum für Widersprüchliches und Ungeklärtes. Sie beschreiben akribisch und dennoch gut lesbar die Entstehung des Konfliktes und die wichtigsten Beteiligten. Der Bogen wird von der vorkolonialen Geschichte über die Kolonialherrschaft bis in die jüngste Zeit gespannt. Speziell bei Flint und de Waal ist bereits ein großer Teil der Kritik an den Thesen und Methoden der „Save Darfur“-Koalition zu lesen, die Mamdani als etwas spektakulär Neues verkauft.
Dennoch ist die Auseinandersetzung mit Mamdanis Buch, das im kommenden Jahr voraussichtlich unter dem Titel „Retter und Überlebende“ bei Edition Nautilus auf deutsch erscheinen wird, angezeigt. Denn es wird die Ansichten einer großen Zahl von Meinungs- führern in Afrika formen. Es ist zu wünschen, dass es eine breite Diskussion über Menschenrechte und Kriegsverbrechen, internationale Interventionen und staatliche Souveränität im globalen Süden anstößt.
Ruben Eberlein
