Kein Patentrezept für die Entwicklungshilfe
Volker Seitz
Afrika wird arm regiert oder
Wie man Afrika wirklich helfen kann
dtv, München 2009, 219 Seiten,
14,90 Euro
Jonathan Glennie
The Trouble with Aid
Why Less Could Mean More For Africa
Zed Books, London/New york 2008,
175 Seiten, 15,99 Euro
Der Deutsche Entwicklungsdienst sei „so groß wie nie zuvor“, verkündete sein Geschäftsführer unlängst bei der Vorstellung des Jahresberichtes. Sowohl Jonathan Glennie als auch Volker Seitz dürfte eine solche Äußerung bitter aufstoßen und sie zugleich in ihrem
Urteil bestätigen: Beide kritisieren, dass sich die internationale Entwicklungshilfe zu einem milliardenschweren Geschäft entwickelt hat, bei dem die unzähligen staatlichen und nichtstaatlichen Hilfsorganisationen mindestens so sehr an ihr eigenes Wohlergehen denken wie an die Armen dieser Welt. Beide argumentieren, dass mehr Geld für Afrika der Bevölkerung des Kontinent nichts bringt und unter den gegebenen Bedingungen sogar eher schadet.
Beide kennen die Praxis der Entwicklungshilfe aus eigener Anschauung. Glennie hat für mehrere nichtstaatliche Organisationen gearbeitet und ist derzeit bei Christian Aid. Seitz war 17 Jahre als Diplomat in Afrika, darunter als Botschafter in Benin und in Kamerun. Zusammen mit Rupert Neudeck und einigen weiteren Mitstreitern hat er vor einem Jahr den „Bonner Aufruf“ vorgelegt – eine scharfe, aber wenig überzeugende Kritik an der deutschen Entwicklungspolitik. Leider ist sein Buch nicht viel besser, auch wenn es einige scharfsinnige Beobachtungen enthält.
Seitz hat ein Herz für Afrika, er mag die Menschen dort, sofern sie nicht zur politischen Elite zählen. An der lässt er nämlich kein gutes Haar: Wer in Afrika Macht hat, denke allzu oft nur an sich und nicht an Land und Leute. Gut nachvollziehbar beschreibt er, wie sich das von ihm so genannte „Chefproblem“ im Alltag vieler schlecht regierter Staaten äußert und welche Folgen es hat: wirtschaftlichen Stillstand, subtile politische Unterdrückung, ausufernde Bürokratie und Verlogenheit. Darin sieht Seitz das größte Entwicklungshemmnis in Afrika.
Der Entwicklungshilfe, vor allem von westlichen Regierungen, wirft Seitz vor, dieses Problem noch zu vergrößern. Sie komme nicht bei der Bevölkerung an, sondern stärke unfähige Führer. Wenn die reichen Länder ernsthaft an besseren Lebensbedingungen in Afrika interessiert wären, müssten sie mehr Druck auf die Eliten ausüben, fordert er. Und sie müssten die Entwicklungshilfe als Hebel dafür nutzen. Leider beschränkt sich Seitz weitgehend darauf, diese These auf den rund 200 Seiten seines Buches stetig zu wiederholen – teilweise wortwörtlich. Das ist ermüdend und ärgerlich, zumal seine Argumentation viele Ungereimtheiten enthält. So ist Seitz dafür, das Entwicklungsministerium ins Auswärtige Amt zu integrieren, damit Entwicklungspolitik „ein integraler Bestandteil deutscher auswärtiger Politik“ wird. Sein Geheimnis bleibt, warum ausgerechnet dadurch die deutsche Entwicklungshilfe stärker am Menschen und weniger an den Eliten orientiert ausfallen würde. Natürlich ist Seitz auch gegen mehr multilaterale Hilfe – Deutschland müsse sein Profil bewahren. Keinen Gedanken verschwendet er daran, dass das von ihm beklagte Chaos in der internationalen Entwicklungshilfe auch deshalb so groß ist, weil alle so denken.
Darüber hinaus schreibt Seitz trotzig gegen vermeintliche politische Korrektheiten an, was nicht selten in platten Pauschalurteilen endet. Beispiel: Bis heute herrsche bei den Vereinten Nationen und in europäischen Hauptstädten die „romantische Vorstellung vor, man müsse nur ein paar leicht bewaffnete Soldaten mit blauen Helmen in Krisengebiete schicken und die Konflikte würden sich dann in Luft auflösen“. Das ist schlichtweg Unsinn.
Seitz Buch bietet lediglich eine Sammlung von Gedankensplittern, die er offenbar in den vergangenen Jahren zu Papier gebracht hat. Das belegen die vielen Wiederholungen und einige Fehler. So ist die umstrittene südafrikanische Gesundheitsministerin Manto Tshabalala-Msimang seit September 2008 nicht mehr im Amt und François Bourguignon bereits seit fast zwei Jahren nicht mehr Weltbank-Chefökonom.
„The Trouble with Aid“ von Jonathan Glennie ist besser. Der Brite plädiert für eine realistische Sicht auf die Hilfe, die nicht pauschal verurteilt, aber auch nicht einfach nach immer mehr ruft. Die Hilfe für Afrika habe in den vergangenen Jahrzehnten eine ganze Menge bewirkt, vor allem in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Infrastruktur. Aber sie habe indirekt auch Entwicklung behindert. Vor allem hat sie nach Ansicht von Glennie die politischen Institutionen in Afrika geschwächt: Weil Hilfe an Bedingungen geknüpft ist, weil die Geber sich teilweise bis in kleinste Details einmischen, haben die Afrikaner verlernt, ei- gene Politik zu machen. Oder es wurde ihnen schlicht- weg untersagt. Glennie unterschlägt nicht, dass es auch Fälle gibt, wie Seitz sie schildert: dass Hilfe unfähige Regierungen an der Macht hält. Aber seine Analyse, wie Entwicklungshilfe auf die politischen Systeme in Afrika wirkt, ist wesentlich differenzierter.
Für Glennie ist klar: Die westlichen Regierungen leisten Entwicklungshilfe nicht deshalb, weil sie von deren Wirksamkeit überzeugt sind, sondern weil sie der einfachste und billigste Weg ist, Engagement gegen Armut und Ungerechtigkeit in der Welt zu demonstrieren. Das sichert ihnen sowohl zuhause bei den Wählern als auch bei den begünstigten Regierungen in Afrika Wohlwollen und politische Unterstützung. Und die nichtstaatlichen Hilfsorganisationen spielen mit, schreibt Glennie, weil sie von jeder Erhöhung des Entwicklungshilfe-Budgets ein bisschen abbekommen. Welche Art von Hilfe, welche Politik würde Afrika weiterbringen? Auch hier hebt sich Glennie wohltuend von manchen anderen scheinbar allwissenden Kommentatoren ab: „It depends“, schreibt er – es hängt von den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umständen ab, in denen sich ein Land befindet. Ein Patentrezept gibt es nicht.
Tillmann Elliesen
