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Plädoyer für einen humanistischen Islam

Elham Manea
Ich will nicht mehr schweigen.
Der Islam, der Westen und die Menschenrechte

Herder Verlag, Freiburg 2009,
200 Seiten, 17,95 Euro


„Hier in Europa stellt man sich den Islam mit einem zornigen Gesicht vor. Man denkt an eine von Kopf bis Fuß verschleierte Frau, die vielleicht sehr sexy im Bett ist, und an eine Bombe, die am Turban des Propheten Mohammed glimmt“, konstatiert Elham Manea in ihrem kenntnisreichen und engagierten Buch zur aktuellen Situation des Islam. Aber gibt es „den“ Islam überhaupt? Elham Manea, die aus dem Jemen stammt und an der Universität Zürich Politische Wissenschaften lehrt, setzt genau an dieser Frage an. Ihr Verständnis des Islam, der von ihr gelebten Religion, erlaubt solche Vereinfachungen weder von islamischer noch von westlicher Seite. In seiner langen Geschichte und in der Begegnung mit den verschiedensten Kulturen hat der Islam viele Facetten und Ausprägungen entwickelt. Er hat aber, nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit dem Westen, in den vergangenen Jahrzehnten deutliche Einengungen erfahren, die kritische Positionen unterdrücken und die Äußerung persönlicher Ansichten schwer bis unmöglich macht.

Elham Manea geht das Wagnis ein, sich selbst als bekennende Muslima und Humanistin zu defi nieren – ein Wagnis insofern, als sie sich fest und mit allen Konsequenzen auf den Boden der allgemeinen Menschenrechte stellt und dem Menschsein den Vorrang vor der Religion gibt. Dies ist ein Bruch mit dem immer stärker werdenden fundamentalistischen Islam, der die Gesetze und Lehren der Religion außerhalb der eigenen Tradition als nicht diskutierbar versteht und den Menschen, das Individuum, dem gänzlich unterordnet. Ihre Konsequenzen sind klar:„Der Mensch ist die Lösung, nicht die Religion“, erklärt sie. Ein humanistischer Islam setzt für sie Wahlfreiheit und Rationalität voraus, ein Ende von Denkverboten und daraus resultierend die gleichen Rechte für Männern und Frauen.

Obwohl Elham Manea aus muslimischer Sicht schreibt, sind viele ihrer Beobachtungen und Argumente auch Christen nicht fremd – ein deutliches Zeichen dafür, wie unsere Kulturen und Religionen eng verflochten sind. Elham Manea nimmt in ihrer Argumentation zwar keinen weiterreichenden Bezug auf die Entwicklung des christlichen Kontextes, aber ihr Bekenntnis zum Humanismus als Basis ihres Lebens steht dazu im wichtigen Bezug.

Wem möchte man dieses Buch in die Hand drücken? Auf jeden Fall all jenen, die glauben, bereits alles über den Islam zu wissen und deshalb einen Anstoß brauchen, mehr darüber wissen zu wollen. Sie werden durch die Geschichte des Islam geführt und mit den unterschiedlichen religiösen Gruppierungen und Verständnissen vertraut gemacht. Ganz sicher ist es auch ein Buch für alle, die mehr über den Islam, seine Entwicklung, Potentiale und Beschränktheiten wissen wollen. Zugleich ist zu wünschen, dass es viele muslimische Leserinnen und Leser findet.


Gisela Frommer

welt-sichten 08-2009