Seite drucken        Seite schlie?en 

 

welt-sichten

welt-sichten bestellen

Suche

welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

Login

Login

Newsletter



Newsletter absenden

welt-sichten


Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Städte entfalten schon immer eine besondere Anziehungskraft. Sie sind Zentren der politischen und wirtschaftlichen Macht. Sie gelten als Orte der Innovation und der Moderne und wecken Hoffnung auf ein besseres Leben. Milliarden Menschen weltweit folgen diesem Ruf. Sie verlassen ihre Heimat auf dem Land und ziehen in eine Metropole, um dort mit einem guten Job mehr Geld zu verdienen. Und es werden immer mehr: Schon heute lebt mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten, im Jahr 2050 werden es voraussichtlich 70 Prozent sein.

Entsprechend schnell wachsen die Metropolen, vor allem in den Ländern des Südens: Die drei chinesischen Großstädte Shenzhen, Dongguan und Chongqin verzeichneten zwischen 1990 und 2006 ein jährliches Wachstum von 15 Prozent. Auch die städtischen Elendsviertel dehnen sich immer weiter aus. Laut den Vereinten Nationen wird die Zahl der Slumbewohner weltweit von heute rund 830 Millionen auf 900 Millionen im Jahr 2020 steigen.

Denn die Hoffnung der Zuwanderer auf einen sicheren Arbeitsplatz und ein ordentliches Gehalt wird meistens enttäuscht. Vielen bleibt nichts anderes übrig, als sich im informellen Sektor eine – schlecht bezahlte – Beschäftigung zu suchen: als Straßenhändler, Getränkeverkäufer oder Rikschafahrer. Von ihrem Verdienst können sie sich keine Wohnung, geschweige denn ein Haus in einer wohlhabenden Gegend leisten. Trotzdem geht es ihnen oft besser als auf dem Land, wo die Möglichkeiten, Geld zu verdienen, sowie Ärzte und Schulen zu erreichen, noch viel schlechter sind.

Angesichts des Bevölkerungswachstums stehen die Stadtverwaltungen vor zunehmenden Problemen bei der Versorgung mit Strom, Trinkwasser oder sanitären Einrichtungen. In einigen Megastädten des Südens wie Rio de Janeiro haben die Behörden längst die Kontrolle über die Favelas, die Elendsviertel, verloren. Kriminelle Jugendbanden und Drogengangs terrorisieren die Bewohner und unterminieren den sozialen Zusammenhalt, der nötig ist, um für bessere Lebensbedingungen zu kämpfen.

Wie schwierig es ist, eine Stadt so zu bauen, dass sie für alle Einwohner lebenswert ist, zeigt das Beispiel von Port-au-Prince. Nach den großen Zerstörungen durch das verheerende Erdbeben Anfang des Jahres fehlte es nicht an Absichtsbekundungen und Geld für einen überlegten und strategischen Wiederaufbau. Acht Monate später liegen sämtliche Pläne auf Eis. Zuständigkeiten und die Finanzierung sind unklar, das Geschacher um den erwarteten Geldsegen ist in vollem Gang. Die Erdbebenopfer richten sich unterdessen auf Dauer in ihren Zelten ein – und schon entsteht eine neue Armensiedlung.


Gesine Wolfinger
Redakteurin

welt-sichten 08-2010