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welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

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Ordnung auf unüberschaubarem Gelände

Thania Paffenholz (ed.)
Civil Society and Peacebuilding.
A Critical Assessment

Lynne Rienner Publishers,
Boulder, London 2010,
511 Seiten, ca. 22,00 Euro


Die Bedeutung zivilgesellschaftlicher Akteure für die Friedensförderung und den Abbau von Gewalt tritt seit Mitte der 1990er Jahre zunehmend in den Blick. Damit einher gingen zahlreiche Neugründungen von zivilgesellschaftlichen Organisationen (CSO) sowie eine steigende Zahl von Projekten in sämtlichen Konfliktregionen der Erde. Inwieweit sind die Erwartungen begründet, die darin zum Ausdruck kommen? Was leisten diese Organisationen tatsächlich angesichts heutiger Gewaltkonflikte?

Diesen Fragen geht der Sammelband von Thania Paffenholz nach, der aus einem mehrjährigen Forschungsprojekt hervorgegangen ist. Den Mittelteil bilden elf Länderstudien unter anderem zu Nordirland, Israel/Palästina, Nepal, Somalia und Nigeria, jede für sich eine kompakte Konflikt- und Wirkungsanalyse aus der Feder ausgewiesener Landeskennerinnen und Landeskenner. Drei theoretische Kapitel zu Begriff und Funktion von Zivilgesellschaft sind ihnen vorangestellt, drei auswertende Kapitel schließen sich an.

Den Einstieg in die Länderstudien bildet ein analytisches Bezugssystem, das als konzeptionelle und methodische Klammer dient. Darin werden vier Phasen eines Gewaltkonflikts unterschieden sowie sieben zentrale Funktionen, die zivilgesellschaftliche Akteure darin wahrnehmen: Schutz, Überwachung, Lobbyarbeit und öffentliche Kommunikation, Friedenserziehung, sozialer Zusammenhalt, Vermittlung, öffentliche Dienstleistungen. Wie haben CSOs diese Funktionen wahrgenommen und mit welchem Erfolg? Der Blick richtet sich nicht nur auf größere Akteure, sondern auch auf die Vielzahl kleiner, oft unverbundener Aktionen.

Die Bilanz fällt verhalten positiv aus: Je nach Kontext können CSOs zum Frieden beitragen. Sie können jedoch den politischen Prozess der Entscheidungsträger weder ersetzen noch bestimmen. Zu Recht betonen die Autorinnen und Autoren, dass es „die Zivilgesellschaft“ isoliert nicht gibt. Sie muss in Interaktion mit Staat und Wirtschaft sowie dem weiteren geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontext gesehen werden. Entsprechend differenziert werden die Befunde nach Ländern, Phasen und Funktionen aufgeschlüsselt. So wird eine über theoretische Einsichten hinausgehende Wirklichkeitsnähe erreicht, die für jede Projektpraxis kostbare Hinweise auf aussichtsreiche Ansätze liefert.

Der Band beeindruckt mit der Fülle von Einzelinformationen und Folgerungen, die von einem soliden Ansatz zusammengehalten und in klarer, abwägender Sprache vorgetragen werden. Ergänzt wird er von einer 40-seitigen Literaturliste. Eine anspruchsvollere, gründlichere Studie wird es auf absehbare Zeit nicht wieder geben. Doch ist sie das letzte Wort zum Thema Zivilgesellschaft und Friedensförderung? Das zusammenführende Schlusskapitel mit seinen kompakten Aussagen zu Wirksamkeit und Relevanz klingt danach.

Widerstrebt aber das Bemühen um griffige Gesamtergebnisse nicht – auch methodisch – der Differenzierung in den vorangegangenen Kapiteln und Fallstudien? Zivilgesellschaftliche Initiativen entfalten ihre Kreativität und Wirksamkeit bisweilen gerade dadurch, dass sie sich bekannten Strukturen und Verläufen entziehen. Es könnte sein, dass man im Feld der Zivilgesellschaft nicht beides haben kann: Den offenen Blick für die kreative Unberechenbarkeit von ungeplanten Prozessen und die Ordnung einer nachprüfbaren Wirkungsanalyse.

Anders als mit einem konsequenten Forschungsdesign hätte dieser reichhaltige Band aus vielen Einzelstudien nicht entstehen können. Seine Ergebnisse können nur vorletzte sein; das aber ist im unübersichtlichen Gelände zivilgesellschaftlicher Friedensförderung eine große Leistung. 


Tilman Evers

welt-sichten 08-2010