Seite drucken        Seite schlie?en 

 

welt-sichten

welt-sichten bestellen

Suche

welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

Login

Login

Newsletter



Newsletter absenden

welt-sichten


Vielfalt statt Tiefgang

Stefan Thimmel u.a. (Hg.)
Uruguay. Ein Land in Bewegung
Verlag Assoziation A, Berlin 2010,
269 Seiten, 18 Euro


Am 1. März zog mit Pepe Mujica ein ehemaliger Tupamaro in den Präsidentenpalast in Montevideo ein. Vom Mitglied einer Stadtguerilla und politischen Gefangenen zum Staatschef – das ist fast mit dem Schicksal von Nelson Mandela vergleichbar. Rechtzeitig zu diesem historischen Ereignis ist ein Sammelband erschienen, der eine Lücke schließt. Denn über kaum ein lateinamerikanisches Land wurde im deutschsprachigen Raum bislang so wenig geschrieben wie über Uruguay.

Dabei ist das Land am Río de La Plata in vielerlei Hinsicht der Betrachtung wert. Es entstand nach den Unabhängigkeitskriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts als „Pufferstaat“ zwischen den Regionalmächten Brasilien und Argentinien. Eine reformorientierte Diktatur am Ende des 19. Jahrhunderts und zwei Regierungszeiten des Reformisten José Batlle y Ordóñez machten aus dem kleinen Land einen Vorzeigestaat mit wegweisender Sozialgesetzgebung. Lange vor den meisten europäischen Staaten hatte Uruguay den Acht-Stunden-Tag und das Frauenwahlrecht. Das kleine Land wurde zum Magneten für Einwanderer aus den vom Ersten Weltkrieg verwüsteten Ländern. Die Idylle endete mit der Weltwirtschaftskrise, die die Exporte von Rindfleisch zum Erliegen brachte. Trotzdem war Uruguay damals ein sicherer Zufluchtsort für verfolgte Juden.

Das von mehreren Dutzend Autorinnen und Autoren verfasste Buch arbeitet die Themen Geschichte und soziale Bewegungen, Wirtschaftsstruktur und Ökologie, Kultur und Alltag systematisch ab. Nicht alle Kapitel sind gleich gut, aber alle sind informativ. Der Konflikt um die Zellstoffanlage an der Grenze zu Argentinien wird ebenso abgehandelt wie die Suche nach den während der Diktatur verschwundenen und gestohlenen Kindern. Die Welt der Gauchos und die Schwulenbewegung haben ebenso ihren Platz wie die Kommunalradios und das politische Lied.

Verdienstvoll ist das Kapitel, das den Mythos zerstört, die „Schweiz Lateinamerikas“ bestehe praktisch nur aus den Nachfahren europäischer Immigranten: Dieter Schonebohm stellt dar, wie stark der Einfluss der Charrúas und Guaraníes auf die Entstehung der uruguayischen Nation gewesen ist. Das dürfte selbst den meisten Einheimischen unbekannt sein. Sympathien für die Tupamaros und die linken Bewegungen werden nicht verschleiert. Leider bleiben gerade die politischen Artikel an der Oberfläche. Das macht die Schwäche des Bandes aus: Im Bemühen, kein Thema auszulassen, haben die Herausgeber in vielen Kapiteln auf Tiefgang verzichtet.

Der Literatur gilt ein besonderer Schwerpunkt, hat doch das kleine Land prominente Autoren wie Mario Benedetti, Eduardo Galeano und Juan Carlos Onetti hervorgebracht. Gerade im Jahr der Fußball-WM darf auch die glorreiche sportliche Vergangenheit nicht vergessen werden. Uruguay als zweimaliger Fußballweltmeister war einst eine Großmacht auf dem Rasen, die im WM-Endspiel 1950 den Gastgeber Brasilien 2:1 demütigte. Seither ist es allerdings bergab gegangen mit dem Mutterland des südamerikanischen Fußballs. Uruguay steht im zweifelhaften Ruf, hochdotierte Spieler bei seinen Mannschaften zu parken, damit mafiöse Gruppen an den Transferzahlungen mitverdienen können. Für Südafrika 2010 hat sich die Mannschaft zwar qualifiziert, doch alles andere als ein Ausscheiden in der Vorrunde wäre eine Überraschung.


Ralf Leonhard

welt-sichten 08-2010