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welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

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Geschichten über Aids

Stephanie Nolen
28 Stories über Aids in Afrika
Piper Verlag, München 2007,
464 Seiten, 16 Euro


Sabine Ludwig/Jürgen Wilhelm (Hg.)
AIDS hat viele Gesichter. Projekte der internationalen Zusammenarbeit
Iatros-Verlag, Dienheim 2007,
146 Seiten, 10 Euro


Über Aids in Afrika wurde bereits so viel geschrieben, dass manche auf jede Neuerscheinung zu diesem Thema zurückhaltend und skeptisch reagieren. Doch das Buch, dass Stephanie Nolen vorlegt, ist hochinformativ und bestens geschrieben. Sie illustriert Aids und seine Auswirkungen 28 Mal anhand jeweils einer Person. So gelingt es ihr, Fragen der Geschichte, Forschung oder Pflege, kulturelle, soziale, ökonomische und politische Aspekte zu durchleuchten. Das Buch ist voll spannender Geschichten.

Nolen ist Tausende von Kilometern gereist, um Einblicke in vielen Umfeldern zu erhalten. Ihre Geschichten erfassen vom südlichen Afrika an der Ostküste entlang bis Äthiopien und schließen Uganda, Ruanda und Ostkongo, Nigeria und Äquatorialguinea ein. So erzählt Nelson Mandela, der Aids in seiner eigenen Familie erleben muss, wie schwierig es war, sich nicht zu schämen oder gar zu blamieren. Er berichtet, wie er dann dazu stand, andere zunächst schockiert waren und so taten, als gäbe es das nicht. Schließlich zogen sie langsam nach und mussten zugeben, dass es Aids auch in ihren Familien und mitten unter ihnen gibt.

Eine ugandische Ärztin, die erst nach Simbabwe, dann nach Südafrika ging und später mit Aids heimkehrte, setzt sich für Aids-Patienten und die Forschung ein. Heute ist sie die renommierteste Aids-Expertin in Afrika. Ihre Geschichte bietet Einblick in die wissenschaftliche und politische  Manipulation des Medikamenten-Cocktails, der zur Behandlung der Immunschwächekrankheit nötig ist. Ein ruandischer Soldat muss beim Blutspenden in einem Flüchtlingslager in Tansania entdecken, dass er HIV-positiv ist. Seine Frau gesteht nach langem Hin und Her, dass sie von Soldaten vergewaltigt worden ist. Er hat sich bei ihr angesteckt. Hinter all diesen Geschichten steht Nolens Feststellung: „In Afrika sind 28 Millionen Menschen mit dem HIV-Virus infiziert. Diese 28 Millionen Menschen werden in den nächsten drei bis vier Jahren sterben. Was in Afrika passiert, ist ein Völkermord aus Gleichgültigkeit“.  

Auch im zweiten Buch hat Aids viele Gesichter. Doch hier geht  es um die Arbeit von Hilfswerken und ihre Projekte. Es vereint Beiträge aus dem südlichen und östlichen Afrika, aus der Sahelzone und Westafrika, wirkt jedoch relativ trocken und sachlich. Beide Bücher zeigen, wie ein Vorgang oder Zustand, eine Krankheit und der Umgang mit ihr journalistisch sehr unterschiedlich angegangen werden können. Ging es bei Nolen um betroffene Menschen, handelt es sich hier vor allem um Zahlen und Projekte. Es fehlt die Wahrnehmung der Gefahr für das eigene Leben und die Einordnung von Aids in die gegenwärtige Lebensweise.

Wer Zahlen und Situationsbeschreibungen braucht, greife zu dieser Studie. Ich wage zu sagen: Dies hier ist ein gutes Sachbuch, Nolen ist Literatur. Welche Form der Aufklärung weiterhilft, lässt sich diskutieren. Es braucht wohl beide Formen und noch manche andere Gattung dazu. 


Al Imfeld

welt-sichten 9-2008