Seite drucken        Seite schlie?en 

 

welt-sichten

welt-sichten bestellen

Suche

welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

Login

Login

Newsletter



Newsletter absenden

welt-sichten


Kampagne gegen Ausgrenzung

HIV-Infizierte werden in Gemeinden oft moralisch verurteilt

Mehrere ökumenische Organisationen haben auf der Ökumenischen Tagung „Glaube in Aktion Jetzt!“ im Vorfeld der Welt-Aids-Konferenz Anfang August in Mexico City eine gemeinsame Kampagne zur Stärkung der „HIV-Kompetenz“ der Kirchen weltweit beschlossen. Im Dezember sollen erste Materialien zum vorurteilsfreien und gleichberechtigten Umgang mit HIV-Infizierten in Gemeinden und kirchlichen Gruppen vorliegen.

Der Bedarf an Aufklärung ist offensichtlich groß: Auf der Konferenz klagten zahlreiche Referenten, dass die Stigmatisierung von HIV-Infizierten in den Gemeinden noch immer weit verbreitet sei. Eine Aids-Erkrankung werde nach wie vor als persönliches moralisches Versagen gewertet, berichteten die Redner – zum Teil aus eigener Erfahrung, da sie selbst HIV-positiv sind.

Großen Respekt erntete deshalb Bischof Mark Hanson, der Präsident des Lutherischen Weltbundes und leitende Bischof der „Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika“, als er in einem symbolischen Akt der Buße zweien seiner HIV-positiven Mitreferentinnen die Füße wusch. „Ohne öffentliche Akte der Buße, so fürchte ich, wird unseren Worten kein Vertrauen geschenkt werden“, sagte Hanson.Der US-amerikanische Bischof rief dazu auf, sich schwierigen Fragen zu stellen: Pastoren müssten bereit sein, offen über ihre eigene Sexualität zu sprechen. Außerdem müsse die kirchliche Lehre daraufhin hinterfragt werden, wie sie zur Diskriminierung von Frauen beitrage. Mit Blick auf die Auseinandersetzung mit Homosexuellen in den Kirchen sagte Hanson: „Wenn wir es ernst meinen mit dem Ende von Diskriminierung und Stigmatisierung, müssen wir die Auffassung ablehnen, dass die menschliche Sexualität ein von den Kirchen definiertes und damit auch die Kirche spaltendes Thema ist.“

Unklar bleibt, welche Position die Kampagne, die von der Ökumenischen HIV/Aids-Initiative in Afrika des ÖRK, dem Bund „Kirchen des Südlichen und Östlichen Afrikas gegen HIV und Aids“ und dem „Internationalen Netzwerk HIV-infizierter Kirchenmitarbeiter“ getragen wird, zum Gebrauch von Kondomen in kirchlich geleiteten Anti-Aids-Programmen einnehmen wird. Während einige Aktivisten davon berichteten, wie sich die ablehnende Haltung gegenüber Kondomen – auch in den eigenen Organisationen – im Laufe lokaler Kampagnen in ihr Gegenteil verkehrt habe, betonten andere, dass auch künftig das Werben für Kondome keine Priorität in der kirchlichen Präventionsarbeit haben dürfe. Jared Hoffman von der US-amerikanischen Organisation „Catholic Relief Services“ etwa plädierte für einen „ganzheitlichen“ Ansatz. Die Änderung des eigenen sexuellen Verhaltens sei der Dreh- und Angelpunkt jeder erfolgreichen Aids-Prävention. Seine Organisation lehne es deshalb nach wie vor ab, Kondome zu verteilen.

Dagegen sprechen sich sieben europäische Hilfswerke – darunter „Brot für die Welt“ – in einem gemeinsamen Positionspapier zur Gender-Perspektive in der HIV/Aids-Arbeit grundsätzlich für Kondome aus. Das vierseitige Papier „Human Rights, HIV/AIDS Prevention and Gender Equality: An Impossible Cocktail for Faith Based Organisations?“ („Menschenrechte, HIV/Aids-Prävention und Gender-Gerechtigkeit: Eine unmögliche Mischung für glaubensbasierte Organisationen?“) ruft religiöse Organisationen dazu auf, das Recht der Frauen zur reproduktiven und sexuellen Gesundheit zu stärken und auch das Sexualverhalten von Männern zu thematisieren. Präventionsarbeit müsse darauf zielen, eigene moralische Normen zu entwickeln und Grenzen zu „riskanten sexuellen Verhaltensweisen“ zu definieren. Der Einsatz von Kondomen, so heißt es in dem Papier, sollte dabei als „ergänzende Strategie“ angesehen werden. Leider sei in vielen religiösen Organisationen das Werben für den Gebrauch von Kondomen noch immer umstritten.


Bettina Stang

Im Internet:
www.danchurchaid.org/content/download/16610/130375/file/AidsPaper_WEB.pdf

welt-sichten 9-2008