Mahnung zur Menschlichkeit
Abdourahman A. Waberi
In den Vereinigten Staaten von Afrika
Edition Nautilus, Hamburg 2008,
159 Seiten, 16 Euro
Es klingt wie eine Satire, aber es ist mehr. In seinem Roman „In den Vereinigten Staaten von Afrika“ liefert der aus Dschibuti stammende Autor Abdourahman A. Waberi nicht nur eine Persiflage auf den selbstbezogenen Machtanspruch der USA und Europas. Natürlich wirkt es erst einmal skurril, wenn Asmara in Eritrea als Sitz der Weltbank und Äthiopien als Weltmacht dargestellt werden. In Europa hingegen wüten Hunger und Krankheiten, verwüsten marodierende Banden die letzten Reste einer ohnehin unterentwickelten Zivilisation. Doch das Lachen vergeht einem bei der Lektüre dieses vorgeblichen Schelmenromans bald. Stellt man sich das Elend ins eigene Land versetzt vor, dann erhält plötzlich das Ausmaß der realen Armut in Afrika eine ganz neue, persönlich nahe gehende Dimension.
Waberi, einst Englischlehrer in Nordfrankreich und inzwischen Anglistikprofessor in Boston, belässt es aber nicht bei einer bloßen Umkehr des ethnologischen Blicks. Denn in dem Maße, in dem der 43-jährige Autor die in der Fiktion diktatorisch regierten und von einer Demokratie weit entfernten Staaten Europas kritisiert und die Gründe für deren Versagen auflistet, liefert er auch eine für Afrika gültige entwicklungspolitische Ursachenanalyse. So ist „In den Vereinigten Staaten von Afrika“ nicht nur eine bittere Parodie auf den reichen Norden, sondern eine ebenso bittere Kritik an einem besinnungslosen Süden.
Waberi trägt seinen Text in Du-Form und hymnischer Pose vor. Er richtet sich dabei an ein junges Mädchen, dessen Name zwischen Maya, Mariam und Marianne schwankt. Von seiner Mutter, einer verwahrlosten normannischen Wäscherin, war dieses Mädchen zur Adoption freigegeben worden und zu seinem Glück in einem wohlhabenden afrikanischen Haushalt untergekommen. Diesem Mädchen erzählt Waberi nun von seiner europäischen Herkunft, und bald wird deutlich, wie willkürlich Grenzziehungen und die Gnade der Geburt am richtigen Ort über menschliche Schicksale entscheiden. So ist das Buch „In den Vereinigten Staaten von Afrika“ mehr als ein Appell an internationale Solidarität und auch mehr als eine politische Kritik. Es ist eine Mahnung zu mehr Menschlichkeit.
Den Lesegenuss garantiert nicht nur die souveräne Übersetzung von Katja Meintel, sondern auch ihr Nachwort. Daraus geht hervor, aus welchem kulturellen Reichtum Afrikas Waberi seine Vielzahl von Anspielungen und Querverweisen schöpft – ohne dass seine Prosa jemals oberlehrerhaft daherkommt.
Manfred Loimeier
