Den Fußabdruck verkleinern
Wasserknappheit erfordert effizienteres Management – im Norden wie im Süden
Von Gesine Wolfinger
Wasser bedeutet Leben. Doch es wird immer knapper. Wissenschaftler sprechen in manchen Regionen von einem ökologischen „Peak Water“: Die Menschen entnehmen dem natürlichen Recyclingsystem mehr Wasser, als es nachliefern kann. Das Resultat: Die Grundwasserstände sinken, Flüsse und Seen trocknen aus. In China ist der kritische Punkt längst überschritten. Die Volksrepublik beutet ihre Reserven aus, Haushalte und Industrie vergiften die Gewässer, 300 Millionen Menschen leiden Wassermangel. Die Probleme werden sich in Zukunft verschärfen. Laut Schätzungen wird der Bedarf an Frischwasser jährlich um 64 Milliarden Kubikmeter zunehmen. Infolge der Erderwärmung schmelzen die Gletscher, das darin gespeicherte Süßwasser geht verloren. Niederschläge werden unregelmäßiger oder bleiben ganz aus. Darunter leidet zurzeit etwa Indien: Der jährliche Monsunregen lässt auf sich warten, die Grundwasserpegel gehen zurück, Millionen Bauern müssen um ihre Ernten fürchten.
Gleichzeitig ist der Nachholbedarf groß – und Zugang zu sauberem Wasser ist ein Menschenrecht. Noch immer müssen fast 900 Millionen Menschen verschmutztes Wasser trinken, mit fatalen Folgen für die Gesundheit. Als Teil der Millenniumsziele hat sich die internationale Gemeinschaft verpflichtet, den Anteil der Menschen, die keinen Zugang zu Wasser und sanitärer Versorgung haben, bis 2015 zu halbieren. Während das Trinkwasser-Ziel erreichbar scheint, steht es um die Abwasserentsorgung ungleich schlechter.
Hinzu kommt, dass sich die Süßwasservorräte ex-trem ungleich über die Erde verteilen. Wasser ist eine regionale Ressource. Dennoch ist eine Form des Ausgleichs möglich. Denn beim Wasserverbrauch zählt nicht nur, was getrunken wird oder beim Waschen oder Duschen im Abfluss verschwindet. Dieser direkte Verbrauch ist in Deutschland in den vergangenen Jahren stetig zurückgegangen und liegt gegenwärtig bei 124 Liter pro Kopf und Tag. Ganz anders zu Buche schlägt der „virtuelle Wasserverbrauch“, der bei der Produktion von Lebensmitteln und Industriegütern anfällt. In einem Kilogramm Rindfleisch etwa stecken 15.500 Liter virtuelles Wasser, in einem Baumwoll-T-Shirt immerhin 4100.
Direkter und virtueller Verbrauch zusammen ergeben den sogenannten „Wasserfußabdruck“. In Deutschland liegt er nach Berechnungen des WWF pro Person bei täglich 5288 Litern – und diese ökologischen Spuren hinterlassen die Deutschen keineswegs nur in ihrer Heimat. Der Import wasserintensiver Rohstoffe wie Tierfutter oder Baumwolle belastet Länder, die zumindest gebietsweise unter Wassermangel leiden. Verbraucher können ihren „Wasserfußabdruck“ verkleinern, indem sie etwa weniger Fleisch essen oder Kleider aus Biobaumwolle kaufen. Noch mehr aber ist sparsamer Wasserverbrauch bei der Produktion gefragt, eine effiziente und nachhaltige Bewirtschaftung der Ressourcen – in armen wie in reichen Ländern. Das gilt in erster Linie für die Landwirtschaft, die für 70 Prozent des weltweiten Wasserverbrauchs verantwortlich ist. Aber auch die Industrie sollte sich verpflichten, künftig nicht nur bei der Energie, sondern verstärkt auch beim Wasser zu sparen.
In Entwicklungsländern muss allerdings die Versorgung der Menschen mit sauberem Trinkwasser Vorrang haben. Vielerorts läuft die arme Landbevölkerung kilometerweit zum nächsten Brunnen, während für die Bewässerung der benachbarten Großplantagen Millionen Liter Wasser verbraucht werden. In Slums fehlt das Trinkwasser, doch die Swimmingpools der herrschenden Eliten sind gut gefüllt. Es ist Aufgabe der Regierungen, diese Verteilungsprobleme auf nationaler Ebene zu lösen und das Menschenrecht auf Wasser zu verwirklichen. Auch die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) kann dabei eine wichtige Rolle spielen, wie etwa ein Blick nach Kenia zeigt. Mit Hilfe deutscher staatlicher EZ-Organisationen wurden in mittelgroßen Städten die Wasser- und Sanitärversorgung kommerzialisiert. Eine unabhängige Regulierungsbehörde gestaltet die Preise jedoch so, dass sie auch für ärmere Menschen erschwinglich sind. Wasseraktionsgruppen vertreten deren Interessen gegenüber Anbietern und Behörde. Es ist sinnvoll, dass Wasser seinen Preis hat – das bremst die Vergeudung. Aber es muss sichergestellt sein, dass ihn auch Arme bezahlen können.
Gesine Wolfinger
ist Redakteurin bei welt-sichten
Neuen Kommentar hinzufügenChristine patschull schrieb am 06.09.2009 um 2:42:04
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