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Guter Nährboden für Falschmeldungen

Die digitale Revolution hat die Qualität von Afrikas Medien nicht verbessert

Von Heinrich Bergstresser

Auch in Afrika zählen das Chatten, Bloggen und Twittern inzwischen zum Kommunikationsalltag. Das hat Auswirkungen auf die Berichterstattung der klassischen Medien Fernsehen, Radio und Zeitung. Mit Hilfe der Online-Medien können sich politische Bewegungen vernetzen und zum Beispiel Unregelmäßigkeiten bei Wahlen öffentlich machen. Doch journalistische Kriterien wie Unabhängigkeit und sorgfältige Recherche treten in den Hintergrund.

Mit atemberaubender Geschwindigkeit verändern sich dank der digitalen Revolution weltweit die technischen und sozialen Kommunikationsmöglichkeiten. Sie hat die Grenze des Möglichen global nochmals verschoben und weltweit eine „Demokratisierung der Technik“ gefördert. Das ist in erster Linie in den bereits stark verzahnten Bereichen Kommunikation, Information und Medien erkennbar. Dort entstehen ständig neue digitale Plattformen, auf denen „Information Doers“ in der Lage sind, neue Wirklichkeiten abzubilden und zugleich neue Unübersichtlichkeiten zu erzeugen. In der Regel verfügen sie über keine journalistische Ausbildung, aber über technisches Verständnis für die digitalen Möglichkeiten.

Ferner sind sie oft eingebunden in Netzwerke, hinter denen in zahlreichen Fällen einflussreiche Personen stehen, die sowohl Veränderungen verhindern als auch anstoßen können. So gehört auch in Afrika das Chatten, Simsen, Bloggen, Twittern inzwischen ebenso zum Kommunikationsgeschäft wie YouTube, Facebook, Internetradio sowie Video- und Audiokonferenzen per Internet und Handy. Diesen Kommunikations- und Informationsformen konnten sich auch die klassischen Medien wie Fernsehen, Radio und Zeitungen auf Dauer nicht mehr entziehen. Sie haben ihre Art der Berichterstattung schon jetzt erheblich verändert.

Die digitale Revolution erfasste Afrika zu Beginn der 1990er Jahre – einer Zeit, da sich die meisten Staaten des Kontinents in einer tiefen politischen und sozioökonomischen Krise befanden und ihre politischen Eliten neue Legitimationsmuster für ihre Herrschaft suchten. Die großen internationalen Entwicklungsagenturen suchten nach vielen Fehlschlägen ihrerseits nach erfolgversprechenden Ansätzen, ihre Vorstellungen von Demokratisierung, Deregulierung und Marktwirtschaft in Afrika umsetzen zu können. Diese sehr verschiedenen Interessen waren im Informations- und Telekommunikationssektor zeitnah, zügig und weitgehend problemlos zu befriedigen. Und die Eliten konnten auf ihren, wenn auch bescheidenen Beitrag zu dieser überfälligen Modernisierung verweisen, den sie politisch geschickt mit erzwungenen Zugeständnissen an die Akzeptanz demokratischer Prinzipien verbanden.

Vor diesem Hintergrund entfaltete die anfangs noch zaghafte Öffnung des Medien- und Kommunikationssektors in den 1990er Jahren eine von den digitalen Möglichkeiten angeheizte Dynamik, die den afrikanischen Mobilfunksektor zum weltweit wachstumsstärksten Markt beförderte und dem Bürgerfunk („Community Radio“) eine entwicklungsrelevante Rolle zuwies. Auch wenn die klassische Infrastruktur in Afrika im allgemeinen noch mäßig bis mangelhaft ist, haben sich die digital und elektronisch gestützten Informations- und Kommunikationswege erheblich verbessert. Sie entwickeln sich mit zunehmender Geschwindigkeit, wenngleich der Abstand zu den Industrie- und Schwellenländern weiter beträchtlich ist.

Südafrika ist die mit Abstand führende Wirtschaftsmacht Afrikas, und südafrikanische Unternehmer sind die wichtigsten Akteure im Informations- und Kommunikationssektor auf dem Kontinent. Dort und in der Demokratischen Republik Kongo war ab der Jahrtausendwende der im entwicklungspolitischen Umfeld Afrikas anfangs so euphorisch gefeierte Aufstieg der Community Radios zumindest zahlenmäßig am erfolgreichsten. Laut Definition des Weltverbandes Association Mondiale des Radiodiffuseurs Communautaires (AMARC) orientieren sie sich an den Wünschen und Bedürfnissen der Graswurzelebene, um unter Einbeziehung der lokalen Gemeinschaften Entwicklung, Demokratie und sozialen Wandel zu fördern.

Häufig nutzen die Sender lokale Sprachen und sichern sich somit eine feste Hörerschaft in ihrer unmittelbaren Umgebung. Die Menschen, die mit den Themen angesprochen werden, sprechen und verstehen die Kolonialsprachen häufig nur eingeschränkt. Fraueninitiativen, HIV/Aids, Gesundheit oder kommunale politische und wirtschaftliche Entwicklungen füllen die meist auf wenige Stunden beschränkte Sendezeit. Ein Vollprogramm würde erheblich mehr Geld und Personal erfordern. Nationale und internationale nichtstaatliche sowie staatliche und halbstaatliche Entwicklungsorganisationen sind die Hauptsponsoren. In zahlreichen Fällen werden vor Ort produzierte Beiträge bei großen ausländischen Stationen sendefertig gemacht, wie im Fall von Radio Heza in Kigali, das vom Deutschen Entwicklungsdienst und der Voice of America unterstützt wird. Das Netzwerk CORNET (Community Radio Network) in Sierra Leone mobilisiert Ressourcen für seine Mitglieder, und INFORMOTRAC (Initiative for Mobile Training for Community Radio) wurde mehrere Jahre vom Radio Netherlands Training Centre unterstützt.

Der hoffnungsfrohe Schritt, unterstützt vom Staat und der internationalen Gebergemeinschaft, animierte andere afrikanische Staaten, diesem Beispiel zu folgen. Dies fiel den Regierungen umso leichter, als der Fokus der Community Radios auf Entwicklung im weiteren Sinne lag und diese Informationsform, anders als die aufkommenden kommerziellen privaten Medien, keine Konkurrenz für die staatlichen Sender darstellte. Zugleich sollte dieser kostengünstige medienpolitische Ansatz dazu beitragen, die Entfremdung zwischen der politischen Elite und der armen Bevölkerung zu überwinden und ihnen das Gefühl von Teilhabe an politischen und sozioökonomischen Prozessen zu vermitteln.

Die Anschubfinanzierungen für die Radiostationen waren angesichts der vergleichweise preisgünstigen digitalen Technik gering und entsprechend zügig flossen die Finanzmittel. In der Mehrzahl der Fälle wurde aber geflissentlich übersehen, dass technische Ausstattung und inhaltliche Gestaltung zwei Seiten derselben Medaille sind. Denn auch im digitalen Zeitalter gelten in der Kommunikation zwischen Sender und Empfänger trotz vielfältiger interaktiver Möglichkeiten dieselben journalistischen Prinzipien wie in der analogen Welt: unvoreingenommen, ausgewogen, akkurat und wahrheitsgetreu zu berichten.

Doch guter Journalismus kostet Geld, das seit einigen Jahren immer spärlicher fließt. Die langsam sinkenden Subventionen legten schließlich ungewollt die strukturellen Defizite der Community Radios offen. Es zeigte sich, dass sie weder über genügend Finanzmittel noch über journalistische Kompetenz verfügen. Das bedeutet aber, dass sie ökonomischen und inhaltlichen Zwängen unterworfen sind und sich im harten Wettbewerb des Medienmarktes behaupten müssen, der sich auch in Afrika rasant verändert. Im Überlebenskampf haben sich zahlreiche Community Radios, die in der Regel zu klein und zu arm sind, um auf Dauer existieren zu können, mit offensichtlicher Duldung der zuständigen Behörden in Musik-, einige – wie in Sierra Leone – sogar in Religionssender verwandelt.

In der digitalen Medienwelt wird weltweit Politik, aber auch Infotainment und Unterhaltung produziert; rund um die Uhr, lokal wie global. Dies erzeugt das „Echtzeit-Syndrom“ und den Druck, Programme füllen zu müssen. Dieser Trend breitet sich zunehmend auch in Afrika aus. Journalistische Kriterien treten infolge dessen immer mehr in den Hintergrund. Denn was inzwischen zählt, ist, eine vermeintlich wichtige Meldung in kürzester Zeit zu verbreiten oder über ein Ereignis annähernd in Echtzeit zu berichten, auch wenn man Quellen, Fakten und Hintergründe nicht kennt. Zuschauer, Hörer und Leser werden mit Spekulationen, Falschinformationen, Emotionen und Vorurteilen weitgehend allein gelassen. Dieser Trend dient den „Information Doers“ als Einfallstor zur modernen Medienwelt, in der zugleich ein fast lautloser Kampf der Generationen tobt: hier die altgedienten Journalisten, denen Verantwortung und Zuverlässigkeit über Schnelligkeit gehen, und dort die Nutznießer der digitalen Beschleunigung und preiswerten Ausrüstung, die ihnen erlaubt, zu jeder Zeit von fast jedem Ort irgendetwas zu berichten.

Zum einen hat sich die Zahl der handelnden Personen im Mediengeschäft vervielfältigt, die auch aus den entlegensten Winkeln von wichtigen Ereignissen berichten. Mit ihrer Unterstützung können sich politische und soziale Netzwerke zusammenschalten und Untaten anprangern wie im Kongo oder jüngst im Iran. Zum anderen wird damit aber Tür und Tor geöffnet für Manipulationen und für bestellte und bezahlte Beiträge, die politische und sozioökonomische Entwicklungen besonders in einem instabilen Umfeld nachhaltig beeinflussen können. In Afrika spricht man in diesem Kontext vom „Brown Envelop Journalism“. Das bezieht sich auf die DIN-A4 großen braunen Umschläge, in denen die Menschen normalerweise größere Geldbeträge transportieren, um Geschäfte zu tätigen.

Der Mediensektor in Afrika bewegt sich, doch die journalistischen Mindeststandards können nicht mit der neuen Medien- und Meinungsvielfalt Schritt halten. Die Ausbildungs- und Fortbildungsinitiative (Africa Media Initiative) der internationalen Gebergemeinschaft in enger Kooperation mit staatlichen und einflussreichen privaten afrikanischen Medien ist die ambitionierte Antwort auf die dynamische, aber noch sehr unstrukturierte Medienentwicklung des Kontinents. In ihren Überlegungen kommt Gemeinderadio allerdings nur noch ganz am Rande vor. Denn die Initiative richtet sich an die etablierten Medien. Es bleibt abzuwarten, wie sich die „Information Doer“ in Zukunft positionieren: ob sie Profil zeigen und überzeugende Alternativen anbieten können oder ob sie von den erstarkenden „klassischen“ Medien absorbiert werden.


Heinrich Bergstresser
ist freier Mitarbeiter des GIGA Institut für Afrika-Studien und der Friedrich-Naumann-Stiftung. Zuvor war er Afrika-Redakteur beider Deutschen Welle.

 

 

Die geplante zentrale Medien-Beobachtungsstelle für Afrika gerät in die Kritik

Die Europäische Union (EU) und die Afrikanische Union (AU) planen gemeinsam eine zentrale Einrichtung zur Beobachtung der Medien in Afrika, das Pan-African Media Observatory (PAMO). Diese Initiative wird von Journalisten und Organisationen zur Verteidigung der Pressefreiheit scharf kritisiert: Sie trage nicht dazu bei, die afrikanischen Medien in ihrer Unabhängigkeit und Professionalität zu stärken.

Die Kommissionen der EU und der AU haben sich bei einem Treffen im vergangenen September in Ougadougou darauf verständigt, in Addis Abeba eine Stelle zu schaffen, die in Streitfragen zwischen Wirtschaft oder Politik und den Medien des gesamten Kontinentes vermitteln soll. Mit ihrer Wächterrolle solle sie dazu beitragen, das Recht auf freie Meinung und den Zugang zu Informationen zu gewährleisten. So sollten der Pluralismus der afrikanischen Medien und ihre Unabhängigkeit von wirtschaftlichen und politischen Kräften gesichert werden. Zugleich haben die Kommissionen breit angelegte Konsultationen gestartet, an denen sich bis Mitte Juli Einzelpersonen und Organisationen mit Vorschläge und Einwänden beteiligen konnten.

32 Mitglieder des Netzwerkes International Freedom of Expression Exchange (IFEX) werfen nun in einer Stellungnahme von Mitte Juli den Initiatoren des Projektes vor, ihr Konzept ignoriere die Realität der meisten Medien in Afrika. Es lasse außer Acht, dass die Pressefreiheit vor allem von der Seite von Regierungen bedroht sei, die noch immer versuchten, Medien für Propagandazwecke zu benutzen, um sich an der Macht zu halten. Kritische Stimmen würden häufig einfach ausgeschaltet. Werde das PAMO, wie zunächst vorgesehen, als Organ der AU eingerichtet, dann würden die Medien der Kontrolle von staatlichen Institutionen unterworfen. Das widerspreche dem Prinzip unabhängiger Medien. Das Projekt halte keine Strategie gegen die Bedrohung der Pressefreiheit seitens der Regierungen bereit.

Ferner beklagen die IFEX-Mitglieder, dass die EU-AU-Initiative den Einsatz zahlreicher Organisationen für Meinungsfreiheit sowie bislang erzielte Fortschritte ignoriere. Anstelle einer neuen Einrichtung sollten die EU und die AU eine Plattform schaffen, die sich für die Verwirklichung der bereits vorhandenen Chartas, Prinzipien und Mechanismen einsetzt. Gruppen, die in diesem Bereich arbeiten, sollten unterstützt werden. In einer weiteren Erklärung äußerten sich das globale sowie das afrikanische Forum für Medienentwicklung kritisch darüber, dass ein Gremium für das gesamte Afrika ins Leben gerufen werde, ohne zunächst auf nationaler Ebene unabhängige Medienräte zu schaffen oder zu stärken.

(gwo)

welt-sichten 09-2009