Nichts ist unmöglich?
Die Krise zeigt: Wir brauchen ein neues Wirtschaftsmodell
Von Cornelia Füllkrug-Weitzel
Die Ideologie eines grenzenlosen Wachstums hat die gegenwärtige Wirtschaftskrise verursacht. Profitiert haben von dieser Ideologie nur die ohnehin Starken und Mächtigen. Der globalen Wirtschaft müssen soziale und ökologische Grenzen gesetzt werden, um eine nachhaltige und solidarische weltweite Entwicklung zu ermöglichen. Jeder Einzelne sollte beim Konsum und beim Energieverbrauch mit der Umkehr beginnen.
Die Unwilligkeit der reichen Industrieländer, die internationalen Finanzmärkte zu regulieren, hat die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise verursacht. Die Hauptlast tragen die Ärmsten in Entwicklungs- und Schwellenländern in Afrika, Asien und Lateinamerika: Die Zahl der Hungernden ist auf nunmehr über eine Milliarde Menschen angestiegen. Dabei ist deutlich, dass die vier großen Krisen unserer Zeit – Klimawandel, Energiekrise, Hungerkrise, Finanz- und Wirtschaftskrise – eng miteinander verzahnt sind. Und sie sind zugleich Ausdruck einer sehr viel tiefergehenden gesellschaftlichen Krise: der Krise unseres weltwirtschaftlichen Wachstumsmodells.
„Nichts ist unmöglich“ – der Werbeslogan des japanischen Autoherstellers Toyota repräsentiert die Philosophie dieses grenzenlosen Profit- und Konsumstrebens: Wir kennen keine ökologischen und sozialen Rücksichten, lassen uns durch nichts von der Verwirklichung unseres Eigennutzes abhalten. Diese Ideologie steht heute weltweit vor einem kompletten Scherbenhaufen: Der Klimawandel wurde bereits als gigantisches Marktversagen erkannt. Der Crash auf den Finanzmärkten offenbart nun vor allem ein ungeheures Politikversagen. Und es liegt offen zutage, dass Sätze wie „Nichts ist unmöglich“ bestenfalls für die Herrscher auf den internationalen Märkten und Börsen gelten.
Toyota gehört nach der Finanzkrise nicht mehr dazu. Auch viele andere einstige Könige des Marktes sind mit lautem Getöse von ihrem Thron gestürzt. Oder ihr lautes Wehgeschrei hat die Reste einer Gemeinwohlorientierung im Volk und in der Politik mobilisiert, die den unablässigen Ansturm neoliberaler Ideologie überlebt haben. Und nun macht der gute alt(modisch)e Steuerzahler ihr Überleben möglich. Die Gefahr ist real, dass sein Beitrag zur Rettung von Banken und Unternehmen vergessen und wieder „nichts mehr unmöglich“ ist, sobald die Wirtschaft sich erholt hat.
Die globale Wirtschaft muss Regeln unterworfen werden
Aber Umkehr ist notwendig: die Abkehr von der neoliberalen Ideologie. Es gilt, in der entgrenzten Welt wieder Grenzen wahrzunehmen, zu akzeptieren – etwa die der natürlichen Ressourcen – und neu zu setzen. Das globale Wirtschaftsgeschehen muss im Interesse des Gemeinwohls sozialen und ökologischen Regeln unterworfen werden: Menschenrechtliche Leitplanken und ökologische Standards müssen den Rahmen für wirtschaftliche Ziele definieren und sie, wenn notwendig, beschränken.
Die Vision von „Zukunftsfähigkeit“ als Ausdruck einer tiefgreifenden Umkehr hin zu einer nachhaltigen und solidarischen globalen Entwicklung zielt auf einen grundlegenden gesellschaftlichen Kurswechsel in allen Bereichen. Zukunftsfähigkeit bedeutet Abkehr vom rein quantitativen Wachstumsparadigma, Umkehr vom maßlosen Ressourcenverbrauch sowie Begrenzung von Reichtum im Interesse der Begrenzung von Armut, Hunger, Umweltzerstörung und gewaltsamen Ressourcenkonflikten. Diese Krisen lassen sich nur bewältigen, wenn die Konsumgesellschaften des Nordens einen radikalen Paradigmenwechsel vollziehen: von einer Ökonomie der Maßlosigkeit zu einer Ökonomie des Genug.
Wie viel Bereitschaft zu solcher Umkehr lässt sich wohl mobilisieren? Gilt auch hier, dass „nichts unmöglich“ ist? „Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! Denn eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Die Leute, die das hörten, fragten: Wer kann dann noch gerettet werden? Er erwiderte: ,Was für Menschen unmöglich ist, ist für Gott möglich.‘“ (Lk.18,18-30) Man muss realistisch sein: Umkehr zur Gerechtigkeit war noch nie ein nahe liegendes und leicht zu verwirklichendes Ziel. Aber wir können in jeder Hinsicht mit unseren Grenzen leben, sobald wir anerkennen, dass es – nur – einen gibt, dem nichts unmöglich ist. Im Vertrauen auf Gottes Handlungsfähigkeit – auch und gerade in Sachen Gerechtigkeit – werden wir bescheiden.
Aber wir werden uns deshalb nicht mit dem abfinden, was scheinbar unabänderlich erscheint, weil der Markt es so „braucht“. Gott hält die Wirklichkeit offen für Veränderungen – Veränderungen, die auch in uns wirken, um „Den Armen Gerechtigkeit“ zu schaffen, wie der Slogan von „Brot für die Welt“ heißt. Deshalb sollten wir auf nicht weniger als auf solch radikale Umkehr setzen. Und damit beim eigenen Energieverbrauch und Konsum beginnen – es ist nicht unmöglich.
Cornelia Füllkrug-Weitzel
ist Direktorin von „Brot für die Welt“.


