Seite drucken        Seite schlie?en 

 

welt-sichten

welt-sichten bestellen

Suche

welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

Login

Login

Newsletter



Newsletter absenden

welt-sichten


Sündigen und dann vergraben

Die reichen Länder müssen Treibhausgase einsparen, nicht sie unter die Erde pressen

Von Sunita Narain

In den Industriestaaten gilt die sogenannte CCS-Technologie als Hoffnungsträger: Das in Kohlekraftwerken anfallende Kohlendioxid wird nicht in die Atmosphäre entlassen, sondern abgeschieden und unter der Erde gespeichert. Aber das Verfahren ist teuer und nicht ohne Risiko. Deshalb will der Westen entsprechende Kraftwerke in den Entwicklungs- und Schwellenländern bauen – und im Gegenzug Emissionsgutschriften für die eigene Industrie kassieren. Dem Klimaschutz dient das nicht.

Als sich auf dem Evangelischen Kirchentag in Bremen der wortgewandte deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel in eine Diskussion über Energiesicherheit und Klimaschutz einschaltete, war die Halle plötzlich voll von blauen Plakaten mit dem Slogan „Zukunft statt Kohle“. Der Minister war aufgebracht, hielt er sich selbst doch für den obersten Umweltschützer in der Menge. Er sagte, er würde neue Kohlekraftwerke bauen lassen, da Deutschland die Atomenergie auslaufen lasse. Aber die neuen Kraftwerke würden sauber sein: Er würde die neue CCS-Technologie installieren, bei der das Kohlendioxid aufgefangen und tief unter der Erde gespeichert wird. Weil ihm das beim Publikum keine Punkte brachte, schlug der Minister einen anderen Kurs ein: Deutschland müsse in CCS-Kraftwerke investieren – zum Wohle Indiens und Chinas. Diese beiden Länder bauten Dutzende neuer Kohlekraftwerke, und Deutschland müsse etwas für sie tun. Aber auch dieser missionarische Eifer beeindruckte das Publikum nicht.

Das Thema ist ein heißes Eisen. Eine Koalition aus Kohle- und Ölländern wie Norwegen, Deutschland, Großbritannien, Australien, den USA und Saudi-Arabien wirbt aggressiv für CCS. Das ist leicht nachvollziehbar: Die Industrieländer, die ihre Emissionen bis 2050 um 80 Prozent reduzieren müssen, könnten weiter Kohle verfeuern und das anfallende Treibhausgas vergraben – in stillgelegten Minen, Gas- oder Ölfeldern oder auf dem Meeresgrund. Aber warum wollen sie, dass ausgerechnet wir in Indien das tun?

Die Technologie ist derzeit bestenfalls im Experimentierstadium. Die geschätzten Kosten pro Tonne eingespartem CO2 schwanken zwischen 50 und 100 US-Dollar. Das Kohlendioxid muss in einem kostspieligen Verfahren aufgefangen und Leitungen zur Lagerstätte müssen gelegt werden. Vor allem aber müssen CCS-Kraftwerke 20 bis 30 Prozent mehr Kohle verbrennen, um die selbe Menge Strom wie herkömmliche Kraftwerke zu produzieren. Es muss also erst einmal mehr Kohle abgebaut und transportiert werden, bevor dann die Emissionen auf wundersame Weise zum Verschwinden gebracht werden. Außerdem besteht die Gefahr, dass die Leitungen lecken und tödliches CO2 entweicht.

Wer haftet, falls gespeichertes Gas entweicht? Versicherungen sagen, sie könnten für die Betriebsdauer eines Kraftwerks von, sagen wir, 30 Jahren einen Teil des Risikos übernehmen, aber nicht länger. In den USA zeichnet sich ab, dass die Kraftwerksbetreiber von Klagen wegen Gaslecks ausgenommen werden sollen. Ein deutscher Gesetzentwurf sieht ihre Haftung für eine begrenzte Zeit vor. In Australien wird die Verantwortung auf Regierungen und Kommunen abgewälzt. Warum versuchen die Industrieländer vor diesem Hintergrund so verzweifelt, den Entwicklungsländern CCS anzudrehen? Ganz einfach: Sie können die Technologie bei sich zu Hause nicht finanzieren. Also wollen sie den Clean Development Mechanism (CDM) des Kyoto-Protokolls zum Klimaschutz dafür nutzen.

Beim CDM investieren Unternehmen aus reichen Ländern in Klimaschutzprojekte im Süden und dürfen sich das dadurch eingesparte CO2 gutschreiben. Auf der Klimakonferenz Ende 2008 in Posen wurde kontrovers darüber diskutiert, ob die CCS-Technologie in den Clean Development Mechanism integriert werden soll. Dafür waren Saudi-Arabien, Japan, Australien, die EU und die USA. Die übrige Welt war dagegen. Ein CCS-Kraftwerk produziert auf lange Sicht große Mengen CO2, die an einem Ort aufgefangen werden. Es würde mehr CDM-Zertifikate geben und deren Preis würde sinken. Noch mehr billige Optionen für die reiche Welt, ihre Emissionen zu reduzieren. Wunderbar.

Kein Wunder, dass sich die großen Kohle-, Öl- und Energiekonzerne ins Fäustchen lachen – und zwar den gesamten Weg lang zu ihrer Bank und wieder zurück. Ihre Regierungen sind Zuhälter der Technologie geworden. Wir bekommen den ultimativen Traum verkauft: Sündige und dann schaufle Erde drüber. Mal sehen, als wie naiv wir uns alle entpuppen.


Sunita Narain
ist Direktorin des Zentrums für Wissenschaft und Umwelt in Neu-Delhi und Herausgeberin der indischen Zeitschrift „Down to Earth“.

welt-sichten 09-2009