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Ein Sieg für die Zivilgesellschaft

„Auf halbem Weg zum Himmel“: Die Spätfolgen des Bürgerkrieges in Guatemala

„Auf halbem Weg zum Himmel“
Regie: Andrea Lammers, Ulrich Miller
Deutschland 2009, 108 Minuten
Verleih: pop tutu
Filmstart: 3. September 2009


Zwölf Jahre haben die Regisseure Andrea Lammers und Ulrich Miller an ihrem Dokumentarfilm „Auf halbem Weg zum Himmel“ gearbeitet, der die Entwicklung Guatemalas von einer Militärdiktatur in einen zivilen Rechtsstaat beschreibt. Im Zentrum steht das hartnäckige Engagement von 36 Indios, die ein Massaker von Soldaten im Jahr 1995 überlebt haben und wegen eines „Staatsverbrechens“ vor Gericht ziehen. Bereits der Vorspann informiert über wichtige Eckdaten, die für das Verständnis des geschilderten Falls unverzichtbar sind. Von 1960 bis 1996 herrschte in Guatemala ein blutiger Bürgerkrieg zwischen den Streitkräften und rechtsgerichteten Paramilitärs auf der einen und einem Zusammenschluss von vier linken Guerilla-Organisationen auf der anderen Seite. Dabei wurden zwischen 150.000 und 250.000 meist indigene Einwohner getötet. Etwa 40.000 Menschen verschwanden spurlos, Tausende flohen in Nachbarländer.

1992 schlossen ein Regierungskomitee und ein Flüchtlingsverband ein Abkommen zur sicheren Rückkehr von Flüchtlingen und zur Wiederansiedlung in demilitarisierten Zonen. Auch eine Gruppe von Quiché wagte sich daraufhin 1994 aus Mexiko zurück und ließ sich in dem Modelldorf „La Aurora 8 de Octubre“ (Die Morgenröte des 8. Oktober) nieder. Am 5. Oktober 1995 verübte eine Armee-Patrouille in dem selbstverwalteten Dschungeldorf ein Massa-ker: 12 unbewaffnete Indios wurden erschossen, 28 verletzt. Die Vereinten Nationen wiesen kurz darauf der Armee die alleinige Schuld für das Blutvergießen zu. Die Soldaten hätten das Heimkehrerdorf nach den geltenden Bestimmungen gar nicht betreten dürfen.

Obwohl der Verteidigungsminister kurz danach zurücktreten musste, blieb die Tat, die als Massaker von Xaman bekannt wurde, zunächst ungesühnt. Einflussreiche Kreise sorgten für ein schleppendes Ermittlungsverfahren und behinderten die Arbeit der Staatsanwälte. Schließlich erreichte die Stiftung der guatemaltekischen Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú als Nebenklägerin, dass der Fall dem Militärgericht entzogen und einem Zivilgericht zugeteilt wurde. Damit mussten sich erstmals in der Geschichte des Landes Militärs vor einem Zivilgericht verantworten. Nach einem langwierigen Rechtsstreit wurden die angeklagten Soldaten am Ende zu 40 Jahren Haft verurteilt.

Eine zentrale Rolle im Film, der alte TV-Dokumente und Fotos mit jüngeren Video-Mitschnitten aus Gerichtssälen und Zeugenaussagen geschickt kombiniert, spielt ein Zeuge, der früher Kindersoldat war und in einem mexikanischen Lager zu einem gut geschulten Menschenrechtsaktivisten avancierte. Der Mann, der in bewegenden Worten von dem Blutbad berichtet, lebt heute illegal als Küchenhelfer in den USA. Im Film berichtet ein Staatsanwalt, der nach Bestechungsversuchen und Drohungen im Fall Xaman ins Ausland fliehen musste, dass die „Kommission für historische Aufklärung“ 651 Massaker dokumentiert hat. „Nach keinem dieser Massaker gab es Ermittlungen der Justiz“, so der Jurist. Nur der Fall Xaman sei bisher vor Gericht gekommen.

Dass die beiden Filmemacher aus Leipzig viel Herzblut in das Projekt gesteckt haben, merkt man der eindringlichen Arbeit an, die vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) gefördert wurde. Vor allem die Autorin und Regisseurin Andrea Lammers ist eng mit Guatemala verbunden. Dort wurde sie 1961 geboren, kehrte aber als Einjährige mit ihren Eltern nach Deutschland zurück. Seit 1986 besucht sie Guatemala regelmäßig. Während eines Aufenthalts als Menschenrechtsbeobachterin 1995 erfuhr sie von dem Massaker.

Die Nähe der Autoren zum Stoff schlägt sich in starken Bildern nieder, sorgte aber auch für Längen und eine gewisse Detailversessenheit. Gewöhnungsbedürftig ist außerdem der eigenwillige Soundtrack mit Free-Jazz-Musikern. Gleichwohl liefert der kenntnisreiche Dokumentarfilm ein gutes Beispiel, wie einfache Bürger mit Zivilcourage mächtige Widersacher überwinden können, um Wahrheit und Gerechtigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen.


Reinhard Kleber

welt-sichten 09-2009