Kosmopolitischer Blick
Jürgen Osterhammel
Die Verwandlung der Welt
Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts
C.H. Beck, München 2009
1568 Seiten, 49,90 Euro
Dieses Werk schreibt Weltgeschichte. Damit ist vor allem, aber nicht nur, der Anspruch gemeint, eine kosmopolitische Perspektive auf Ereignisse und Strukturen, Veränderungen und Kontinuitäten, Räume und Orte zu entwickeln, die bislang vorwiegend nationalgeschichtlich abgehandelt worden sind. Osterhammel gelingt es, ein ganzes Jahrhundert in den Blick zu nehmen und dabei überkontinental und transnational zu denken. Der Historiker sitzt gleichsam auf dem Gipfel, vorwiegend dem Mount Everest und dem Mont Blanc, und betrachtet ein fantastisches Panorama.
Ein Netz wird über den Globus gespannt, ein Raster, mit dem er das Sesshafte, das Mobile und dessen Grenzlinien erfasst, Lebensstandards auslotet, Städte, Imperien, Nationalstaaten vermisst, Machtysteme, Kriege, internationale Bewegungen analysiert und über Staaten und Revolutionen reflektiert. Alles, was eine Geschichtswissenschaft mit universaler Reichweite methodisch zu bieten hat, kommt hier zum Tragen: Vergleich, Transfer, Kulturkontakt – und zwar nicht in Konkurrenz zueinander, sondern je nachdem, was der Sache dient. Osterhammel beschreibt mit einer unfassbaren Kompetenz für das Detail Muster und Modelle, Typen und Topographien, Strukturen und Systeme, mit denen die Verwandlung der Welt im 19. Jahrhundert verfolgt werden kann. Was bedeutet nun die weltgeschichtliche Betrachtung des 19. Jahrhunderts? Welches 19. Jahrhundert ist gemeint? Vor dem 20. Jahrhundert, vor Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise, kann kein einziges Jahr als epochal für die gesamte Menschheit betrachtet werden. Selbst die große Französische Revolution blieb in Ostasien, im Pazifik und im südlichen Afrika lange unbemerkt. Osterhammels 19. Jahrhundert ist nicht unbedingt das „lange“ von 1789 bis 1914, auch nicht das formale von 1800 bis 1899, es steht noch nicht einmal in einem zeitlichen Kontinuum. Der Autor erzählt viele Geschichten und er interessiert sich für Übergänge und Transformationen.
Somit entsteht nicht die Geschichte des 19. Jahrhunderts, sondern das 19. Jahrhundert in der Geschichte. Herausgekommen ist eine “kurze Geschichte über fast alles“. Osterhammels Annäherungen an das 19. Jahrhundert, seine Panoramen und Themen, haben die Qualität eines enzyklopädischen Handbuchs. Es steht auf vielen Schultern: Es ist sozialgeschichtlich geerdet, theoretisch ambitioniert und weltgeschichtlich ausgerichtet. Zwar sind aus Lesersicht 1568 Seiten eigentlich unentschuldbar – aber es ist kein Satz überflüssig. Man hätte sogar gerne etwas mehr über die Verwandlung der Kultur erfahren. Und man hätte sich die eine oder andere größere These gewünscht, einen verwegenen „heißen“ Gedanken, der das etwas kühle „britisch-brillante“ Temperament des Vortrags in Wallung versetzt hätte.
Jörg Später
