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welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

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Bücher zum Thema

Steve Berkman
The World Bank and the
Gods of Lending

Kumarian Press, Sterling (VA) 2008,
299 Seiten, 19,99 Euro

Korruption „war der Elefant im Zimmer, über den keiner sprechen wollte“ – zu diesem Schluss kam Berkman am Ende seiner 12-jährigen Tätigkeit in der Afrikaabteilung der Weltbank von 1983 bis 1995. Die Unterschlagung von Weltbank-Geldern in Millionenhöhe durch korrupte Regierungen war zu dieser Zeit die Regel, nicht die Ausnahme, schreibt Berkman. Und viele im Bank-Management wussten das auch, aber niemand tat etwas dagegen – das Entwicklungsgeschäft musste schließlich weitergehen.

Nach William Easterly, der die Entwicklungsindustrie vor vier Jahren mit seinem Buch „Wir retten die Welt zu Tode“ aufgeschreckt hat, blickt mit Steve Berk­man ein weiterer ehemaliger Weltbank-Mitarbeiter voller Frust und Zorn auf seine Zeit bei der weltgrößten Entwicklungsorganisation zurück. Anhand von vielen Beispielen aus der Praxis zeigt Berkman, wie in Projekten Geld abgezweigt wurde und in die Taschen von korrupten Politikern oder Projektmanagern floss. So sei es gängige Praxis gewesen, einmal bewilligte Projekte nachträglich zu „erweitern“ und die Mittelzuweisung zu ändern – einzig zu dem Zweck, Geld abzuschöpfen. Bei einem Straßenbauprojekt in Ghana habe das federführende Ministerium nachträglich ein komplett eingerichtetes Diensthaus sowie ein neues Büro für einen Mitarbeiter bewilligt bekommen, obwohl das in dem ursprünglichen Projektantrag nie vorgesehen gewesen sei. Bei einem Projekt in Nigeria habe die durchführende Stelle für 18 Tassen Tee 2200 US-Dollar berechnet.

Erst nach dem Amtsantritt von James Wolfensohn als Weltbankpräsident 1995 habe sich die Bank ernsthaft mit dem Problem befasst – wobei es auch unter Wolfensohn vor allem darum gegangen sei, Korruption zu analysieren, zu verstehen und Konzepte zu erarbeiten, statt sie ernsthaft zu bekämpfen. Für Berkman ist das bis heute so geblieben; er glaubt nicht daran, dass sich in der täglichen Projektpraxis seit seiner Zeit viel geändert hat. Er sieht das Problem im so genannten Mittelabflussdruck: Die Vergabe von möglichst viel Geld in möglichst kurzer Zeit sei in der Weltbank zum Selbstzweck geworden.

(ell)

 


Robert I. Rotberg (Hg.)
Corruption, Global Security,and World Order
Brookings Institution Press,
Washington D.C. 2009, 497 S.,
39,95 US-Dollar

Der Sammelband will zeigen, dass die Korruption weltweit zunehmend zur Bedrohung der internationalen Ordnung wird. Sie ermögliche zum Beispiel die Geldwäsche und den Waffenschmuggel und fördere so das organisierte Verbrechen; einige Staaten profitierten vom Drogenhandel und würden selbst kriminell. Der Versuch, Korruption zum Sicherheitsproblem zu erklären, ist jedoch wenig fundiert. So will ein Beitrag statistisch zeigen, dass besonders korrupte Staaten eine größere Quelle von Terroranschlägen sind, obwohl man Korruption gar nicht zuverlässig messen kann. Auch die Behauptung des Herausgebers, man könne ohne Verminderung der Korruption Terror und organisiertes Verbrechen nicht bekämpfen, ist seltsam – beides wird von Korruption erleichtert, hat aber ganz andere Ursachen. Der Band enthält jedoch eine Reihe sehr lesenswerter Beiträge, zum Beispiel über die Definition von Korruption und über die Faktoren ihrer Verbreitung in Nachkriegsländern. Am Schluss nimmt der frühere UN-Untergeneralsekretär Jomo Kwame Sundaram einige der zuvor verbreiteten Klischees sachkundig auseinander. Dass Korruption wirtschaftlich schädlich ist, bedeute nicht, dass umfassende Reformen zu ihrer Bekämpfung eine Bedingung für Entwicklung sind, betont er – die Erfahrung der Schwellenländer beweise das Gegenteil.

(bl)

 


Giorgio Blundo, Jean-Pierre Olivier de Sardan u.a.
Everyday Corruption and the State in Africa. Citizens and Public Officials
David Philip und Zed Books, Cape Town, London und New York 2006, 
298 Seiten, 18,99 Euro

Dieses Buch präsentiert Ergebnisse ethnologischer Fallstudien zu kleiner Korruption in Benin, Niger und dem Senegal und zieht allgemeine Schlüsse daraus. In allen drei Ländern ist danach das Verhältnis von kleinen Beamten zur Bevölkerung gleichermaßen von Bestechung, Unterschlagung, Vetternwirtschaft und ähnlichen Praktiken geprägt. Die Autoren begreifen das vor dem Hintergrund von Hexerei, verbreitetem Normen-Pluralismus (man kann im Alltag verhandeln, welches Normensystem jeweils angewandt wird) und nicht zuletzt der hohen sozialen Bedeutung von persönlichen Beziehungen und Netzwerken. Unter anderem weil diese mit Gaben und Gegengaben verbunden sind, sei die Grenze zwischen dem, was illegal aber informell gebilligt ist, und dem, was allgemein verurteilt wird, zuweilen unklar. Die Korruption sei ein Symptom für die Natur des Staates: Formelle Regeln sind nur Fassade, der Staat wird auf informellem Wege privatisiert und so weiter geschwächt. Von den Fassaden, die die Eliten für die Geber errichten, dürfe man sich nicht täuschen lassen: Von oben eingerichtete Institutionen zur Bekämpfung der Korruption seien da völlig nutzlos. Die differenzierte Darstellung in den Beiträgen ist sehr nützlich für das Verständnis von Korruption – zumindest in Afrika.

(bl)

 


Globalization Monitor
Complicity, Campaigns, Collaboration and Corruption: Strategies and Responses to European Corporations and Lobbyists in China
Globalization Monitor Limited, Hongkong 2010, 115 Seiten, ca. 11 Euro

Die Arbeitsrechtsorganisation „Globalization Monitor“ nimmt das Verhalten europäischer Konzerne in der Volksrepublik China kritisch und detailliert unter die Lupe und stellt diesen ein denkbar schlechtes Zeugnis aus: Sie versuchten, gezielt Einfluss auf Entscheidungen der Politik zu nehmen, und spielten dabei die Zentralregierung gegen die lokalen Behörden aus. Sie setzten dabei vor allem auf „guanxi“, persönliche Verbindungen, und umgingen häufig Regeln und Gesetze. Dies schließe den Austausch von Gefälligkeiten ein, die Linie zur Bestechung sei schnell überschritten. Die Studie zeigt außerdem, wie europäische Firmen versuchen, Einfluss auf den chinesischen Gesetzgeber zu nehmen, etwa bei Gesetzen, die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern stärken sollten: Europäische und chinesische Unternehmen hätten gemeinsam eine Verwässerung der sozialen Standards erreicht. Für die weit verbreitete Korruption in China macht „Globalization Monitor“ den Mangel an Demokratie und Kontrolle verantwortlich. Nötig sei vor allem eine Demokratisierung der politischen Institutionen. Die Studie gewährt einen interessanten Einblick in die Lobby-Praxis europäischer Unternehmen und ist angesichts der wachsenden Wirtschaftsmacht Chinas eine empfehlenswerte Lektüre.

(gwo)

 


Raymond Fisman und Edward Miguel
Economic Gangsters. Korruption und Kriminalität in der Weltwirtschaft
Campus Verlag, Frankfurt/New York 2009, 242 Seiten, 19,90 Euro

Das Buch zweier junger Entwicklungsökonomen geht von der Frage aus, warum nur ein Teil der armen Länder hohes Wirtschaftswachstum erreicht: Sitzen die übrigen in einer Armutsfalle und brauchen Hilfe, oder sind ihre Institutionen mangelhaft? Kommt man folglich über weniger Korruption zu Wirtschaftswachstum oder umgekehrt? Eine durchdachte Antwort bleibt das Buch schuldig. Es liefert aber Fallstudien dazu, wie man Korruption ökonomisch erfasst. So schätzen Fisman und Miguel, dass in Indonesien unter Suharto gute Beziehungen zum Präsidenten den Marktwert großer Unternehmen um ein Viertel steigern konnten; die Vetternwirtschaft ging jedoch mit hohem Wirtschaftswachstum einher. Sie berechnen aus Handelsstatistiken das Ausmaß des Schmuggels in China und zeigen anhand der Parkverstöße von UN-Diplomaten, dass nicht nur Anreize, sondern auch Einstellungen und Werte die Einhaltung von Regeln beeinflussen. Das ist ganz erhellend. Seltsamerweise aber setzt das Buch Korruption und Gewalt nahezu gleich. Im zweiten Teil führt es Krieg, Kriminalität oder Hexerei auf Dürren, Armut und andere wirtschaftliche Probleme zurück – unberührt von allen Fachdebatten dazu. Am Ende bietet das Buch nicht mehr als eine locker geschriebene Anein­anderreihung von teils mehr, teils weniger klugen Beobachtungen.

(bl)

welt-sichten 09-2010