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Der zweite falsche Krieg

Der Plan der Nato, in Afghanistan eine wirksame Staatsmacht zu schaffen, ist verwegen

Von Bernd Ludermann

Deutschland ist in Afghanistan in einen Krieg verstrickt, dessen Begründung zweifelhaft ist. Die Zweifel betreffen nicht nur die völkerrechtliche Grundlage oder einzelne Kriegshandlungen wie das viel diskutierte Bombardement des Tanklasters in Kundus. Ein Kriegseinsatz insgesamt kann nur ethisch vertretbar sein, wenn er ein größeres Übel abwenden soll, als er selbst darstellt, und dies auch erreichen kann. Das setzt unter anderem voraus, dass die politischen Ziele bestimmt werden und zu den eingesetzten Mitteln passen.

Beim Nato-Einsatz in Afghanistan – für US-Präsident Obama der richtige Krieg im Unterschied zum falschen im Irak – ist das fraglich. Er soll einerseits „Terroristen“ ausschalten, damit sie nicht erneut Anschläge auf Nato-Länder planen können. Dazu bekämpft die US-geführte „Operation Enduring Freedom“ (OEF) im Süden und Osten Afghanistans al-Qaida und die Taliban. Andererseits soll die von der Nato geführte Internationale Stabilisierungstruppe ISAF den Wiederaufbau stützen und der afghanischen Regierung helfen, ihre Autorität durchzusetzen. Doch die OEF hat den Aufständischen neue Anhänger verschafft, weil ihre Anti-Terror-Einsätze lange keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nahmen. Der zivile Aufbau stockt, die Unsicherheit ist wieder gewachsen und hat auch auf den Norden übergegriffen. Deshalb ist unter Führung der US-Militärs der Nato-Einsatz in einen landesweiten Aufstandsbekämpfungskrieg übergegangen, in den auch die Bundeswehr verstrickt ist.

Solche Kriege sind kaum zu gewinnen. Die Nato-Truppen wurden seit 2001 immer wieder aufgestockt, aber die Sicherheitslage hat sich in weiten Landesteilen verschlechtert; Rufe nach einer Exit-Strategie wurden laut. Mit der Londoner Strategie vom Februar 2010 liegt die nun vor. Sie greift auf, dass die Regierung Obama 2009 das politische Hauptziel des Einsatzes angepasst hat: Er soll die Neugruppierung von al-Qaida verhindern, die Taliban zurückdrängen – nicht mehr besiegen – und die Regierung Karzai in die Lage versetzen, in einigen Jahren selbst Sicherheit zu gewährleisten. Die Londoner Strategie verspricht mehr Hilfe bei der Ausbildung der Armee und Polizei, mehr zivile Aufbauhilfe und ein Wiedereingliederungsprogramm für Kämpfer, die ihre Waffen abgeben.

Dass dies zum gewünschten Erfolg führt, ist unwahrscheinlich. Dazu müsste man in einem Land, das der Zentralstaat nie wirklich kontrollierte, in wenigen Jahren einen durchsetzungsfähigen Staat aufbauen. Das ist ein verwegenes Ziel. Wer sollte alte und neue lokale Herrschaftsträger – Stämme, Warlords, Drogenbarone – im Zweifel zwingen, sich der Zentralmacht unterzuordnen? Ein Blick in die Geschichte lehrt, dass Staatsbildungen oft mit blutigen Kämpfen einhergehen und Generationen dauern. Zur Gründung moderner Nationalstaaten haben fremde Mächte bisher vor allem dadurch beigetragen, dass sie jenen Widerstand provozierten, aus dem Nationalbewegungen entstanden. Man sollte sich nicht wundern, wenn infolge der Aufstandsbekämpfung in Afghanistan aus den Taliban eine paschtunische Befreiungsbewegung entsteht.

Schon 2002 haben Marina Ottaway und Anatol Lieven von der Carnegie-Stiftung gewarnt, man könne in Afghanistan nicht schnell einen starken demokratischen Staat installieren – man solle sich vorerst mit einem zufrieden geben, der die Hauptstadt und die Verbindungswege sichern und große Kämpfe verhindern kann. Lokale Machthaber sollten als eigene Herrschaftsträger akzeptiert und womöglich gekauft werden. Damals wurde das als Verrat an der Vision eines demokratischen Rechtsstaats kritisiert; heute sehen führende Nato-Politiker diese Vision als Illusion an. Über solche sicher schlechten, aber vielleicht gangbaren Auswege sollte man neu nachdenken.

Jede Art Befriedung hat aber nur eine Chance, wenn die Nachbarstaaten davon abgehalten werden, Konflikte in Afghanistan für ihre Zwecke zu nutzen – insbesondere Pakistan im Streit mit Indien. Zudem muss man Pakistans Grenzregion befrieden, wo Taliban und al-Qaida Zuflucht finden, oder die Konflikte beiderseits der Grenze voneinander trennen. Nichts davon ist in Sicht. So dürfte der Militäreinsatz Afghanistan mit mehr Problemen zurücklassen, als er gelöst hat – zum Schaden vor allem der Afghanen. Allen Nato-Regierungen sollte das die Grenzen des Militärs vor Augen führen und sie lehren, von Kriegen zur Terrorbekämpfung oder zum Aufbau fremder Staaten künftig die Finger zu lassen.


Bernd Ludermann
ist Chefredakteur von welt-sichten.

welt-sichten 09-2010

 

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Georg Lohmann schrieb am 18.09.2010 um 13:51:37
Falscher Krieg- Ihren ?berlegungen ist nur zuzustimmen. Erg?nzend m?chte ich anmerken, dass man die Taliban sowenig wie El Kaida besiegen kann. Da sei an die Lage der USA in Vietnam erinnert, wo Kissinger nach Jahren des sinnlosen Sterbens erkannte, "dass der Krieg milit?risch nicht zu verlieren und politisch nicht zu gewinnen ist" Das Finale ist bekannt. Der Westen bewegt sich genau in diese Richtung. Wenn es nur um die innere Ordnung in Afghanistan ginge, m?sste der Westen endlich begreifen, dass die Afghanen selbst bestimmen d?rfen, wie sie ihr Land regieren lassen. Wenn sie die altert?mliche Form der Stammesherrschaft w?hlen, dann geht uns das nichts an. Wir w?rden in Deutschland auch Widerstand leisten, wenn uns diese Herrschaftsform aufgedr?ngt w?rde. Die Schw?chen der westlichen Demokratien sind nur zu offensichtlich, als dass ein muslimisch gepr?gtes Land die Einf?hrung unserer Massst?be w?nschen k?nnte. Zweitens finde ich es langsam unertr?glich, mit welcher Leichtigkeit ?ber den Tod deutscher Soldaten hinweggegangen wird. Die Betroffenheitsrituale unserer Politiker verursachen immer h?ufiger nur noch ?belkeit. Der Ausspruch Andropovs kurz vor dem Abzug der Russen- "Wir haben in Afghanistan nichts verloren", zeugt von der sp?ten aber unvermeidlichen Erkenntnis, dass "ein Krieg ethisch nur vertretbar ist, wenn er gr??eres ?bel abwendet". Dieser Krieg war selbst f?r die Milit?rmacht UdssR nicht zu gewinnen und das gr??ere ?bel ist der sinnlose Tod unserer Soldaten. Hier im Land hat man mit Anklage und Verurteilung zu rechnen, wenn man den Tod eines Menschen "billigend in Kauf nimmt". In diesem Fall werden unsere Soldaten der Profilierungssucht einer kleinen Clique ausgesetzt. Der R?ckzug deutscher Soldaten wird kommen, und was ist dann gewonnen? Jeder weitere Verletzte und Tote fordert dazu auf, die Verantwortlichen hier im Land zur Rechenschaft zu ziehen. Und Abwahl sollte da nicht reichen. Es wurde nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern vors?tzlich in den Tod geschickt. Drittens sei an die pl?tzlich in Umlauf gebrachten Meldungen ?ber den Rohstoffreichtum des Landes, Roh?l, Lithium Erzvorkommen usw. erinnert. Mag sein, dass dem so ist, aber diese Sch?tze geh?ren den Afghanen und sie allein sollten ?ber deren Nutzung entscheiden. Wer es wagt, offen von westlichen Interessen an diesem Reichtum zu sprechen, wird von den Hinterm?nnern schnell plattgemacht. Armer Herr K?hler, damit haben Sie nicht gerechnet.

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