Die Hölle auf Erden
Barbara Demick
Die Kinogänger von Chongjin. Eine nordkoreanische Liebesgeschichte
Droemer/Knaur, München 2010,
430 Seiten, 19,95 Euro
Informationen aus Nordkorea sind spärlich. Die Schlagzeilen drehen sich meist um Atomwaffen, Säbelrasseln, Hungersnot. Westliche Journalisten erhalten nur selten eine Einreisegenehmigung. Den wenigen, die das abgeschottete Land bereisen dürfen, werden Aufpasser an die Seite gestellt, die dafür sorgen sollen, dass die Einblicke in das Innenleben der skrupellosen Diktatur nicht allzu schädlich ausfallen. Die US-Journalistin Barbara Demick hat das Land seit 2001 einige Male besucht. Zusätzlich hat sie mit mehr als hundert Nordkoreanern gesprochen, denen über die Mongolei die Flucht nach Südkorea gelungen war.
Ihre Eindrücke schildert sie in ihrem aufrüttelnden Buch, das sich über weite Strecken wie ein Tatsachenroman liest. Im Mittelpunkt stehen Song Hee-suk, die erst durch den Hungertod ihres Mannes und ihres Sohnes den Glauben an das System verliert, sowie Mi-ran und ihr Verehrer Jun-sang, die sich im Kino kennenlernen und jahrelang Spaziergänge im Dunkeln unternehmen, denn die Stromversorgung ist seit Jahren zusammengebrochen.
Die Schicksale der Protagonisten werden mit historischen und politischen Hintergrundinformationen verknüpft. Demick fesselt die Leser bis zum Schluss, erzählt spannend vom eintönigen, trostlosen Alltag und Überlebenskampf in der nordkoreanischen Provinz, dem sich viele durch Flucht entziehen. Kim Il Sung hatte nach der Vertreibung der Japaner die sogenannte Juche-Ideologie ersonnen und eine Weltanschauung geschaffen, für die Handel und Konsum Teufelswerk sind. Nordkorea sollte autark sein, der Staat sollte die Menschen mit allem Lebensnotwendigen versorgen. So lautete die Theorie, die den Weg in die Katastrophe bereitete. 1994 folgte Kim Il Sungs Sohn, Kim Jong Il, als Machthaber. Etwa zeitgleich blieb die staatliche Versorgung mit Lebensmitteln aus.
Städter zogen auf der Suche nach Nahrung, Gräsern, Kräutern und Baumrinden in die Berge, sie machten Jagd auf Hunde, Katzen und Frösche, von denen es bald keine mehr gab. Bauern produzierten auf eigene Rechnung, doch trotz der um sich greifenden Hungerkatastrophe bekämpfte das Regime private Märkte. Der Tod kam schleichend. Chronische Unterernährung schwächte die Menschen, und sie starben an normalerweise leicht heilbaren Krankheiten. Bis 1998 kamen bis zu zwei Millionen Menschen um, rund zehn Prozent der Gesamtbevölkerung.
Das Regime hat eine militaristisch-nationalistische Überwachungsdiktatur mit Arbeitslagern und ausgeprägtem Personenkult geschaffen. Kollektive Entrechtung, Resignation, massenhafter Hungertod und Massenflucht sind der Preis, den die Nordkoreaner bezahlen. Barbara Demick ist es gelungen, nach intensiven Recherchen und zahlreichen Interviews mit Flüchtlingen ein authentisches Bild Nordkoreas zu zeichnen.
Klaus Jetz


