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Einseitige Schuldzuweisung

Tanja Busse
Ernährungsdiktatur. Warum wir nicht länger essen dürfen, was uns die Industrie auftischt
Blessing, München 2010, 336 Seiten, 16,95 Euro


Die Ernährungssituation weltweit beschreibt die Journalistin Tanja Busse als globalen Mittagstisch: Auf der einen Seite sitzen fast zwei Milliarden Dicke vor Bergen von Fast Food. Hinter einem Vorhang sitzen ihnen eine Milliarde Hungernde vor leeren Tellern gegenüber – 4000 von ihnen fallen während des Essens tot vom Stuhl. Die Schuld daran gibt die Autorin vor allem Konzernen wie Nestlé und Monsanto, die die Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion vorantrieben und die Politik maßgeblich beeinflussten.

Sie bestimmen laut Busse, was auf unseren Teller kommt. In der Regel sei es immer das Gleiche in wechselnden Verpackungen: schnell wachsende, günstige Rohstoffe wie Weizen, Mais, Reis und Soja, die die Hersteller mit Aromen und Zusatzstoffen aus dem Labor zu „Markenprodukten“ aufmotzen. Busse spricht vom „Prinzip Schokoriegel“: billige Zutaten, teuer vermarktet. So steigere die Industrie ihre Gewinne, die Menschen hingegen äßen sich dick und oft auch krank.

Zugleich hat unser Essverhalten Folgen für die armen Länder. Die Staatsverschuldung zwinge sie, Rohstoffe gegen Devisen zu exportieren. Großbauern bauten vornehmlich Soja oder Mais an. So verödeten die Böden, Kleinbauern würden verdrängt. Die Agrarexportsubventionen der Europäischen Union (EU) ließen lokale Märkte in Entwicklungsländern zusammenbrechen. Die Industrialisierung der Landwirtschaft gehe zu Lasten der Umwelt und der Nutztiere.

Die große Stärke des Buches ist seine Anschaulichkeit. Busse illustriert ihre Thesen mit szenischen Einschüben und Beispielen aus ihrem Alltag. Nicht zuletzt deckt sie in frechen E-Mails an Unternehmen auf amüsante Weise deren PR-Lügen auf. Die große Schwäche des Buches ist Busses Hang zur Vereinfachung. Sie wirft den Konzernen vor, dass ihre zu fettigen, salzigen und zuckerhaltigen Produkte die Konsumenten dick machten. Tatsächlich kommen wohl mehrere Faktoren zusammen, damit jemand dick wird, etwa soziale Stellung, Veranlagung und Lebenswandel.

Auch propagiert Busse, wie schon in ihrem Buch „Die Einkaufsrevolution“, einen Gegenentwurf zum Schnäppchen jagenden Aldi- und Lidl-Kunden: Der mündige Konsument solle die Lebensmittelindustrie und ihr Fabrikessen boykottieren. Als Alternative empfiehlt sie, ökologisch, saisonal und regional einzukaufen. Doch ist unklar, ob Biobauern je genug Nahrungsmittel produzieren könnten. Ferner dürfte der Widerstandsakt an der Ladentheke dem Einzelnen zwar ein reines Gewissen bescheren, doch am System der Nahrungsmittelindustrie nichts ändern. Busse fordert zwar, die Kleinbauern zu fördern und die Agrarsubventionen zu streichen. Weitere Vorschläge, wie sich der globale Mittagstisch neu ordnen ließe, fallen ihr aber nicht ein. Um etwas zu ändern, bräuchte es vor allem schärfere Gesetze und Welthandelsabkommen zugunsten der armen Länder. Aber das zu fordern, ist Busse zu unpolitisch.    


Eric Breitinger

welt-sichten 09-2010