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Tiefe Kluft zwischen Frankreich und Afrika

Peter Cichon, Reinhart Hosch, Fritz Peter Kirsch (Hg.)
Der undankbare Kontinent?
Afrikanische Antworten auf europäische Bevormundung
Argument Verlag, Hamburg 2010,
285 Seiten, 15,90 Euro


Im Juli 2007 unternahm Nicolas Sarkozy seine erste Reise nach Afrika als französischer Staatspräsident. In Dakar hielt er eine Rede über die  Zukunft Afrikas und die Beziehungen zu Frankreich. Sein paternalistischer Ton entfachte unter afrikanischen Intellektuellen einen Sturm der Entrüstung, der zu zahlreichen Erwiderungen führte. Bereits Anfang 2008 veröffentlichte der Literaturwissenschaftler und ehemalige Kultusminister von Senegal, Makhily Gassama,  ein umfangreiches Buch, in dem sich 23 Autorinnen und Autoren aus Afrika kritisch mit der Rede und Frankreichs Afrikapolitik auseinandersetzen. Der vorliegende Band enthält die Rede Sarkozys im Original und in deutscher Übersetzung, außerdem die kurz danach publizierte und im Internet weit verbreitete Replik des Sozialwissenschaftlers Achille Mbembe sowie zehn ausgewählte Beiträge aus Gassamas Buch auf Deutsch.

Bezugspunkt aller Aufsätze sind Aussagen des französischen Staatspräsidenten wie: „Das Drama Afrikas besteht darin, dass der afrikanische Mensch nicht ausreichend in die Geschichte eingetreten ist.“ Er bleibe bewegungslos „in einer unverrückbaren Ordnung, wo alles von Anbeginn festgelegt scheint“. Niemals komme es ihm in den Sinn, „aus der Sphäre der Wiederholung herauszutreten, um sich eine eigene Bestimmung zu erschließen.“ Sarkozy bietet die Kooperation mit Frankreich an, damit Afrika aus dem ewigen Stillstand in die Moderne aufbrechen kann.

Bei so viel Ignoranz und Geringschätzung der afrikanischen Geschichte verwundert es nicht, dass ihm alle Autorinnen und Autoren die Leviten lesen. Théophile Obenga weist auf die lange Reihe eurozentrierter Afrikadeutungen hin, in der auch Hegel nicht fehlt und in deren Tradition Sarkozy sich umstandslos einordnet. Odile Tobner zeigt auf, dass Sarkozy keinesfalls, wie er behauptet, einen Bruch mit der bisherigen Afrikapolitik Frankreichs einleitet, sondern dass seine Rede in Dakar nahtlos anknüpft an den kolonialen beziehungsweise neokolonialen Duktus der Reden von de Gaulle in Brazzaville 1944 und von Mitterrand in La Baule 1990. Lye Yoka geht mit der „Francophonie“ hart ins Gericht, die als Gemeinschaft französisch sprechender Länder konzipiert wurde, aber zunehmend zu einem Instrument der kulturellen – und auch politischen – Hegemonie Frankreichs geworden ist.

50 Jahre nach der Unabhängigkeit des frankophonen Afrika dokumentiert der Band, wie tief die Kluft zwischen der ehemaligen Kolonialmacht und afrikanischen Intellektuellen noch immer ist. Er wird vor allem diejenigen ansprechen, die sich für die afrikanisch-französischen Beziehungen interessieren. Es wäre allerdings wünschenswert gewesen, den Urheber der Publikation afrikanischer Antworten auf Sarkozy nicht nur in der ersten Fußnote, sondern auch auf dem Titel des Bandes zu nennen. So firmieren nur drei der Übersetzer vom Institut für Romanistik der Universität Wien als Herausgeber der deutschen Version. Auch der Verzicht auf das Vorwort von Gassama aus der französischen Originalausgabe ist bedauerlich. Seine Motivation für die Herausgabe des Bandes, „die Würde Afrikas zu verteidigen, wenn sie öffentlich bedroht wird“, wäre damit eindeutig herausgestellt worden.


Peter Meyns

welt-sichten 09-2010