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Für das gute Gewissen

Der freiwillige Markt zur Kohlendioxid-Kompensation hat viele Tücken

Von Gesine Wolfinger

Wer seinen ökologischen Fußabdruck durch den Ausgleich von Kohlendioxid-Emissionen verkleinern will, muss sehr genau hinschauen, in welche Klimaschutzprojekte er zu diesem Zweck investiert. Die Zahl der Anbieter von Emissionsgutschriften wächst schnell, doch einheitliche Standards zur Qualitätssicherung fehlen. Wenn alle Möglichkeiten, CO2 zu vermeiden oder zu verringern, ausgeschöpft sind, kann Kompensation trotzdem sinnvoll sein – unter strengen Voraussetzungen.

Klimaneutral ist „in“. Immer mehr Unternehmen, Organisationen und Privatpersonen schmücken ihre Produkte, Veranstaltungen und Reisen mit diesem Etikett. Das Prinzip dahinter klingt einfach: Ob Bratwurst, Buch oder Telefon – die Kohlendioxid-Emissionen, die bei ihrer Herstellung anfallen, werden durch den Erwerb von Emissionszertifikaten aus Projekten, die vor allem in Entwicklungsländern CO2 einsparen sollen, ausgeglichen und damit neutralisiert. Gleiches gilt für den CO2-Ausstoß, der etwa durch Geschäfts- und Privatflüge, Konferenzen, Tagungen und Großveranstaltungen wie den Deutschen Katholikentag verursacht wird.

Neben dem Clean Development Mechanism (CDM), dem regulierten Markt für die Kompensation klimaschädlicher Gase, der unter dem Kyoto-Protokoll von einer Behörde der Vereinten Nationen gesteuert wird, hat sich ein so genannter freiwilliger Markt entwickelt. Er ist erheblich kleiner, wächst aber schnell. Laut dem aktuellen Jahresbericht der US-amerikanischen Umwelt- und Finanzinformationsdienste Ecosystem Marketplace und New Carbon Finance wurden im vergangenen Jahr Zertifikate für 65 Millionen Tonnen CO2 im Wert von 330 Millionen US-Dollar gehandelt. Damit hat sich der freiwillige Markt gegenüber 2006 verdreifacht. Zum Vergleich: Der regulierte Markt hatte im Jahr 2007 ein Volumen von 2981 Millionen Tonnen CO2, das entspricht 63,7 Milliarden Dollar.

Vor allem Unternehmen engagieren sich freiwillig bei der Kompensation klimaschädlicher Gase: Mit 82 Prozent kauften sie den Löwenanteil der Zertifikate, gefolgt von nichtstaatlichen Organisationen mit 13 Prozent und Privatpersonen mit fünf Prozent. Nach Ansicht der Autoren des Berichtes „State of the Voluntary Carbon Markets 2008“ ist das eine erfreuliche Tendenz: Sie zeige das Bedürfnis, sofort etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Der freiwillige Markt biete jedem die Möglichkeit dazu.

Dietrich Brockhagen ist skeptischer. „Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt der Geschäftsführer von atmosfair, dem größten gemeinnützigen Anbieter in Deutschland zur Kompensation von Flugreisen. Einerseits sei es zu begrüßen, dass sich die Menschen über umweltfreundliches Verhalten Gedanken machen. Andererseits bestehe die Gefahr, dass sich das Gewicht von der besten Lösung, nämlich CO2 einzusparen oder zu verringern, zugunsten der zweitbesten Alternative, dem Ausgleich, verschiebt.

Juliette de Grandpré, Klimaexpertin des World Wide Fund For Nature (WWF) Deutschland, befürchtet ebenfalls, dass die Motivation, Kohlendioxid einzusparen, durch die Möglichkeit zur Kompensation geschwächt wird. „Viele verschaffen sich damit ein gutes Gewissen und glauben, sie könnten einfach weitermachen wie bisher“, sagt sie. Vermeiden, verringern, und kompensieren nur dann, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, lautet deshalb ihre Devise. Den Mechanismus, CO2 durch die Unterstützung von Klimaschutz-Projekten in Entwicklungsländern auszugleichen, hält sie zwar für ein „gutes System“, aber nur unter „strengen Voraussetzungen“. Das genau ist aber das Problem: Der freiwillige Markt ist unüberschaubar und das Risiko groß, an unseriöse Anbieter zu geraten. Das britische Umweltforschungsinstitut Environmental Data Services hat 170 Kompensationsanbieter weltweit untersucht. Es bescheinigt lediglich 30 von ihnen, dass sie mit ihrer Arbeit tatsächlich zum Klimaschutz beitragen.

So ist umstritten, welche Art von Projekten überhaupt geeignet ist, Kohlendioxid einzusparen. Die Wissenschaftler Anja Kollmus und Benjamin Bowell von der Klima-Initiative der US-amerikanischen Tufts-Universität empfehlen, auf Projekte zur Förderung von erneuerbaren Energien und zur Erhöhung der Energieeffizienz zu setzen. Das sind beispielsweise Biomasse, Wind-, Wasser- und Solarkraft sowie der Einsatz von energiesparenden Kochherden. Sie tragen dazu bei, die Entwicklung einer Wirtschaft voranzutreiben, die nicht von klimaschädlichen Energieträgern wie Öl, Kohle oder Gas abhängig ist, und damit die Erderwärmung auf ein vertretbares Maß zu begrenzen.

Von Aufforstungsprojekten raten Kollmus und Bowell hingegen eher ab, weil sie keinen grundlegenden Umbau der Energieversorgung fördern. Ihr Ausgleichspotenzial sei zudem mit großen Unsicherheiten behaftet, schreiben die Wissenschaftler, die in einer Studie 13 Anbieter zur Kompensation von Flugreisen verglichen haben. Die Menge an CO2, die Bäume aufnehmen können, hänge von einer Vielzahl von Faktoren wie Alter, Wachstumsrate, Boden- und Klimabeschaffenheit ab und sei damit schwierig zu berechnen. Sollte der Wald abbrennen oder abgeholzt werden, würde zudem die gesamte Ausgleichsrechnung zunichte gemacht.

Inzwischen hat diese Einschätzung offenbar auch den Markt erreicht. Laut dem Bericht von Ecosystem Marketplace und New Carbon Finance hatten Aufforstungsprojekte im vergangenen Jahr nur noch einen Anteil von 15 Prozent an den Zertifikaten, die auf dem freiwilligen Markt verkauft wurden, 2006 standen sie mit 37 Prozent noch an der Spitze. Die erneuerbaren Energien konnten ihren Anteil bei 32 Prozent behaupten, Projekte zur Steigerung der Energieeffizienz legten von 5 auf 18 Prozent zu.

Eine weitere Schwierigkeit bei der Kompensation ist die Qualität der CO2-Rechner, mit denen auf unzähligen Internetseiten etwa die Kohlendioxid-Emissionen für Flugreisen kalkuliert werden können. Sie verwenden nach WWF-Recherchen abweichende Berechnungsgrundlagen und kommen entsprechend zu unterschiedlichen Ergebnissen. Nur ein Teil von ihnen berücksichtige beispielsweise den Radiative Forcing Index-Faktor, erläutert Juliette de Grandpré. Darin kommt zum Ausdruck, dass Treibhausgase in großer Höhe weitaus höhere Klimaschäden anrichten als am Boden.

Am schwersten wiegt jedoch, dass es keine einheitlichen und verpflichtenden Standards gibt, die die Qualität eines Kompensationsprojektes belegen. Wer seinen ökologischen Fußabdruck durch den Ausgleich von CO2 verkleinern will, kann mehr als einem Dutzend unterschiedlicher „Gütesiegel“ begegnen – aber auch Projekten ohne jegliches Prüfzertifikat. Anbieter auf dem freiwilligen Markt können die Projekte, aus denen sie Gutschriften verkaufen, im Rahmen des „Clean Develompent Mechanism“, also auf dem regulierten Markt, registrieren und damit einer umfangreichen Qualitätskontrolle unterziehen. Zusätzlich können sie sie etwa auf die Kriterien eines Gütesiegels wie dem „Gold Standard“ überprüfen lassen. Verpflichtet sind sie dazu aber nicht. Auf dem freiwilligen Markt kann jeder ein Klimaschutz-Projekt ins Leben rufen und den Finanzgebern vorrechnen, dass mit ihrem Geld eine bestimmte Menge CO2 eingespart wurde.

Um Verbrauchern eine Orientierungshilfe zu geben, haben der WWF und andere nichtstaatliche Organisationen 2003 den „Gold Standard“ entwickelt. Er wurde zunächst nur auf CDM-Projekte angewendet, gilt aber seit 2006 auch im Rahmen der freiwilligen Kompensation. Unabhängige Zertifizierungsunternehmen prüfen beim „Gold Standard“ die Zusätzlichkeit des Projektes, also ob es ohne Einnahmen aus dem Verkauf der Emissionsgutschriften nicht umgesetzt worden wäre. Darüber hinaus muss nachgewiesen werden, dass es keine schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt und die lokale Bevölkerung hat, sondern vielmehr zur Schaffung von Arbeitsplätzen und der Verringerung von Armut beiträgt.  Um das zu gewährleisten, müssen die Menschen, die in der Umgebung des Projektes leben, in die Planungen einbezogen werden.  

Ferner akzeptiert der „Gold Standard“ lediglich Projekte, die erneuerbare Energien fördern oder die Energieeffizienz steigern.  Eine im März erschienene Studie des Stockholm Environment Institute bewertet den „Gold Standard“ im Vergleich von zehn Gütesiegeln als besten Ausweis für die Qualität eines Klimaschutz-Projektes auf dem freiwilligen Markt. Auf dem Markt hat sich der Standard aber noch nicht durchgesetzt: Laut dem Bericht von Ecosystem Marketplace und New Carbon Finance trugen 2007 lediglich rund neun Prozent der Zertifikate dieses Gütesiegel. Doch auch beim „Gold Standard“ heißt es, genau hinschauen: „Manche Anbieter von Emissionsgutschriften haben nur ein oder zwei ,Gold Standard‘-Projekte in ihrem Portfolio, stellen es aber so dar, dass alle Angebote diesem Standard genügen“, berichtet Juliette de Grandpré. „Oft ist es nicht möglich, gezielt Zertifikate aus einem bestimmten Projekt zu kaufen.“ Zudem zeigt sich beim „Gold-Standard“ dieselbe Schwachstelle wie beim CDM-Verfahren: Die Unternehmen, die die Projekte beurteilen, werden vom Projektentwickler bezahlt. Das weckt Zweifel an ihrer Unabhängigkeit. „Hier besteht ein Interessenkonflikt. Wir brauchen auf internationaler Ebene eine neue Regelung“, sagt die WWF-Expertin.

Eine weitere Einschränkung des „Gold Standard“ auf dem freiwilligen Markt nennt atmosfair-Geschäftsführer Brockhagen: Auf dem regulierten Markt haften die Zertifizierungsunternehmen für die von ihnen festgestellte CO2-Einsparung eines Projektes. Auf dem freiwilligen Markt sei das nicht vorgesehen. Ein falsches Prüfergebnis habe somit keinerlei Konsequenzen. Nur die Kombination von CDM und „Gold Standard“ ergebe Sicherheit, dass ein Projekt tatsächlich CO2 reduzieren helfe, betont Brockhagen. Durch die Registrierung der Zertifikate in der Datenbank des CDM oder des „Gold Standard“ ist zudem gewährleistet, dass sie nicht mehrfach verkauft werden. Diese Gewähr gibt es bei zahlreichen anderen Ausgleichsprojekten nicht. Es kann also passieren, dass zwei Urlauber in dasselbe Projekt investieren, um ihre Flüge auszugleichen, tatsächlich aber nur der CO2-Ausstoß einer Reise kompensiert wird.

Die Schattenseite aufwendiger Prüfverfahren ist, dass sich durch sie die Emissionszertifikate verteuern. Deren Preise schwanken ohnehin erheblich: Kollmus und Bowell fanden in ihrer Vergleichsstudie eine Spanne von 5,50 bis 27,40 US-Dollar pro Tonne CO2. Die billigste Lösung sei jedoch oft nicht die beste, betonen auch sie. Ausschlaggebend für die Wahl des Kompensationsprojektes sollte dessen Qualität sein. Um Qualität bemühen sich inzwischen auch verstärkt Wirtschaftsunternehmen, die auf dem freiwilligen Markt tätig sind. Zehn führende Firmen haben sich in diesem Jahr zur „International Carbon Reduction and Offset Alliance“ zusammengeschlossen und auf einen „Code of Best Practice“ verpflichtet. Ziel des Verbandes ist es nach eigenen Angaben, die Transparenz auf dem Markt zu erhöhen und einheitliche Standards für die Qualität der Kohlendioxid-Kompensation durchzusetzen.

Auch der Umweltbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Hans Diefenbacher, plädiert für ein einheitliches Gütesiegel – analog etwa dem deutschen Umweltzeichen „Blauer Engel“. Die Synode der EKD will jedenfalls wie im vergangenen Jahr ihre Tagung im November klimaneutral gestalten. Mit welchem Kompensationsprojekt das geschehen soll, steht jedoch noch nicht fest.


Gesine Wolfinger
ist Redakteurin von „welt-sichten“.

welt-sichten 10-2008