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Innenansichten der Globalisierung

Saskia Sassen
Das Paradox des Nationalen.
Territorium, Autorität und Rechte im globalen Zeitalter
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 2008
735 Seiten, 36,80 Euro


Saskia Sassen ist eine Pionierin in Sachen Globalisierung. Die Soziologin aus der „global city“ Chicago hat dieses Wort schon im Munde geführt, da staunte Europa noch über den Fall der Berliner Mauer und das Ende des Kalten Krieges. Die kühnsten Globalisierungstheoretiker prophezeiten das Ende des Nationalstaates und sein Aufgehen in einer Weltgesellschaft, in der Transnationale Unternehmen (TNC) und Technologien, industrielle und kulturelle Waren und auch die Menschen grenzenlos mobil seien.

Nachdem der Nationalstaat und der Nationalismus keineswegs verschwunden sind, werden die Thesen differenzierter, und wieder ist Sassen Vorreiterin. Statt der Ablösung des nationalen Alten durch das globale Neue interessiert sie in ihrem neuen Buch das Alte im Neuen oder das Neue im Alten: Das Globale löse nicht etwa das Nationale ab, sondern habe seinen Ursprung im Innern des Nationalen. Dieses „Paradox des Nationalen“ sieht sie in einer tiefgreifenden Neuverteilung der Macht innerhalb des Staates. Die Globalisierung vollzieht sich innerhalb nationaler Institutionen durch Prozesse der Entnationalisierung. Die Transformation des Nationalstaates verändert beispielsweise die Rolle der Judikative vom Hüter nationaler Rechtstaatlichkeit zu einer Instanz zur Überprüfung von Privatisierung und Deregulierung öffentlicher Funktionen. Ihre Beobachtungen und Thesen hat Sassen anhand der USA und deren Gesellschaft gewonnen. Doch der Sog der Transformation hat auch die übrigen westlich-liberalen Staaten erfasst, wenngleich die Europäische Union eine Instanz ist, die zwar supranational, aber nicht global operiert. Aber eben darauf kommt es gar nicht an: Innerhalb der Mitgliedstaaten entwickeln sich durch die Gemeinschaftsbindung Verschiebungen im Verhältnis von Staat und Bürger, Öffentlichem und Privatem, Recht und Autorität, die Sassen analytisch durchdringt.

Sassen geht es um die Potentiale der Globalisierung, um die Umschlagspunkte, nicht die Endergebnisse, in der klassisch nationale Institutionen von Territorium, Autorität und Rechten (TAR) im globalen Zeitalter transformiert werden. Das ist eine interessante Perspektive mit hoher Komplexität und theoretisch fundiertem Wissen. Wer sich aber auf die Lektüre dieser 735 Seiten einlässt, muss soziologisch können und Abkürzungen wie TAR und TNC sowie rätselhafte Wörter wie „Assemblagen“ mögen. Und er muss viel Zeit und Geduld haben, die immer gleichen Gedanken und Thesen in unzähligen Variationen zu bestaunen. Doch wer hat das noch im rasend schnellen Zeitalter der Globalisierung?


Jörg Später

welt-sichten 10-2008