„Wer für Menschen mit Behinderungen etwas tun will, muss sie beteiligen“
Die Barrieren für Behinderte werden in Indien langsam abgebaut
Gespräch mit M.N.G. Mani
Zwischen 40 und 90 Millionen Behinderte leben laut Schätzungen der Weltbank in Indien. Die Regierung, nichtstaatliche Organisationen und Selbsthilfe-Netzwerke setzen sich zunehmend für eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen ein. Das Land hat vor gut einem Jahr die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung unterzeichnet. Immer mehr behinderte Kinder können reguläre Schulen besuchen und werden zu Hause in ihren Dörfern gefördert. Große Anstrengungen sind jedoch nötig, damit behinderte Menschen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt erhalten.
Behinderte leben noch immer häufig am Rande der Gesellschaft, werden ausgegrenzt und benachteiligt. Wie ist das in Indien?
Ich arbeite seit 1980 in der Behindertenarbeit. In den vergangenen zehn Jahren hat sich ein großer Wandel vollzogen. Es hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden, weg von der reinen Betreuung und hin zu einem rechtebasierten Ansatz. Behindertenpolitik hat für die indische Regierung eine hohe Priorität. Die Regierung hat die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen im Oktober 2007 unterzeichnet und sich damit verpflichtet, eine barrierefreie und inklusive Gesellschaft zu schaffen.
Vor acht Jahren haben wir die Kampagne „Bildung für alle“ ins Leben gerufen und sie ist zu einer nationalen Bewegung geworden. Bildung für behinderte Kinder ist ein wichtiger Bestandteil. In den vergangenen Jahren haben wir etwa 2,3 Millionen behinderte Mädchen und Jungen in reguläre Schulen integriert. Die indische Regierung bildet spezielle Lehrer aus, die die Klassenlehrer unterstützen. Die Eltern sind motiviert, ihre behinderten Kinder in die Schule zu schicken, die Regierungen der Bundesstaaten unterstützen das Programm.
Engagieren sich die Behinderten auch selbst?
Die Bewegung der Menschen mit Behinderungen wird immer stärker. In Indien sagen wir: Nichts für uns ohne uns. Wenn man für Behinderte etwas erreichen will, müssen sie die Chance haben, sich zu beteiligen. Das Engagement der Eltern behinderter Kinder nimmt auch zu. Wir gehen in die richtige Richtung. Aber dafür zu sorgen, dass mehrere Millionen Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen Bildung, Arbeit und Förderung bekommen, ist eine riesige Aufgabe.
Werden Behinderte nicht immer noch diskriminiert, vor allem arme Leute?
Es gibt Fälle von Diskriminierung, weil jemand behindert ist. Es kommt vor, dass Menschen Behinderung als Tabu erleben. Aber das lässt sich nicht verallgemeinern. Die übliche Reaktion von Eltern auf ein behindertes Kind ist eher Überfürsorglichkeit oder Hilflosigkeit, wie sie mit ihm umgehen sollen. Dabei brauchen sie Anleitung.
Welchen Unterschied macht es, ob man als behinderter Mensch in der Stadt oder auf dem Land lebt?
Der Unterschied besteht vor allem in den öffentlichen Diensten wie Gesundheitsversorgung und Bildung. Früher waren sie auf die Städte konzentriert. Aber mit dem Konzept der gemeindebasierten Rehabilitation und der inklusiven Bildung hat sich das verändert. Die Christoffel-Blindenmission hat schon 1979 ein erstes Modell dafür entwickelt. Das hat sich seitdem im ganzen Land verbreitet.
Wie funktioniert das Modell?
Eltern behinderter Kinder, die auf dem Land leben, möchten ihr Kind nicht an einen weit entfernten Ort schicken, wo es betreut und unterrichtet wird. Sie möchten es bei sich behalten. Doch wenn es in ihrem Dorf keine entsprechende Einrichtung gibt, wächst das Kind zu einem Erwachsenen ohne jegliche Bildung heran. Im Rahmen der gemeindebasierten Rehabilitation schaffen wir eine Nachfrage nach Dienstleistungen. Wir bilden junge Freiwillige im Umgang mit Behinderten aus. Sie untersuchen zunächst, wie viele Behinderte in einer Dorfgemeinschaft leben, und welche Förderung sie brauchen. Diese Dienste müssen lokal verfügbar gemacht werden und die gesamte Gemeinschaft muss einbezogen werden, um den langfristigen Effekt zu garantieren. Inzwischen hat die Weltgesundheitsorganisation diesen Ansatz in ihre Arbeit übernommen.
Bezahlt der Staat für diese Dienste?
Ja, und das ist sehr wichtig. Wenn die Regierung nicht einbezogen ist, können wir die Probleme der Behinderten nicht lösen. Als nichtstaatliche Organisationen müssen wir „best-practice-Modelle“ entwickeln, ihre Anwendung muss dann staatlich gefördert werden. In Indien gibt es immer noch Heime, vor allem für geistig Behinderte. Früher waren auch den Blindenschulen Heime angeschlossen. Manche blinde Menschen mussten ihr gesamtes Leben dort verbringen.
Haben Behinderte überhaupt eine Aussicht auf eine Arbeit?
Beschäftigung ist das größte Problem. In der Stadt Coimbatore haben wir das Netzwerk UDIS gegründet, um die Chancen von Behinderten auf einen Arbeitsplatz zu verbessern. Wir versuchen außerdem, ihnen zusätzlich zu ihren akademischen Abschlüssen Team- und Kommunikationsfähigkeit zu vermitteln. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, 100 Behinderten jährlich eine Stelle zu verschaffen. Zuerst hatten wir große Vorbehalte. Aber überraschenderweise hat sich der private Sektor sehr offen gezeigt. Im vergangenen Jahr haben wir mehr als 100 behinderte Menschen untergebracht. Aber wir brauchen noch mehr solche Netzwerke in Indien. Ein weiterer Sektor, in dem Behinderte ihr Auskommen finden können, ist die Selbständigkeit.
Wer hat es auf dem Arbeitsmarkt denn besonderes schwer?
Für Hörbehinderte ist die Verständigung schwierig. Trotzdem gibt es Arbeitsbereiche, wie die Textilindustrie, in denen sie sehr beliebt sind. Die größten Probleme haben Sehbehinderte, weil die Arbeitgeber ihnen nicht zutrauen, sich an ihrem Arbeitsplatz ohne Schwierigkeiten zu bewegen. Wir müssen sie überzeugen, dass das geht. Rollstuhlfahrer scheitern oft am mangelnden Zugang: Wenn eine Computerfirma im zweiten Obergeschoss untergebracht ist und keinen Aufzug hat, können sie dort nicht arbeiten, auch wenn sie qualifiziert sind.
Was wird getan, um solche Barrieren abzubauen?
Neue öffentliche Gebäude müssen den gesetzlich vorgeschriebenen Zugänglichkeitskriterien entsprechen. Aber ältere Häuser haben meist keine Aufzüge oder Rampen. Auch Busse und Züge sind für Rollstuhlfahrer nicht zugänglich. Für Blinde bräuchte man ein akustisches Signal an Ampeln, für Hörbehinderte sollten die Signale bildhaft sein. Da muss noch viel getan werden. Barrierefreiheit muss in Indien zur obersten Priorität werden.
Welche Schritte auf dem Weg zu einer behindertenfreundlichen Gesellschaft sind außerdem nötig?
Wir müssen mehr Bewusstsein für die Menschen mit Behinderungen und ihre Rechte schaffen. Das ist ein zweigleisiger Prozess: sie müssen befähigt werden, an der Gesellschaft teilzuhaben. Die Gesellschaft muss ebenfalls darauf vorbereitet werden, ihre Fähigkeiten zu erkennen. Und wir brauchen mehr Fachpersonal. Für 2,3 Millionen behinderte Schulkinder haben wir nur 7500 Lehrer mit der erforderlichen Ausbildung. Wir brauchen mehr Ausbildungszentren und wir müssen jungen Leuten klar machen, dass sie hier einen interessanten Beruf finden.
Das Gespräch führte Gesine Wolfinger.
M.N.G. Mani
ist Generalsekretär des internationalen Rates für die Bildung von Sehbehinderten und Präsident des indischen Netzwerks „You and the Disabled“ (UDIS-Forum), das sich vor allem für die berufliche Eingliederung von Behinderten einsetzt. Es ist Partner der Christoffel-Blindenmission.
