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welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

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Blick hinter die Kulissen im Iran

Andrea Claudia Hoffmann
Der Iran. Die verschleierte Hochkultur
Diederichs Verlag, München 2009,
240 Seiten, 19,95 Euro.


Mittelalterlich und rückständig lauten die üblichen Vokabeln, wenn es um den Iran geht. Nach der Niederschlagung der Proteste gegen die Wahlmanipulationen im Juli scheinen jetzt auch die Hoffnungen auf schnellen Wandel dahin. Dieses Buch ist vor den Demonstrationen in Teheran erschienen. Andrea Claudia Hoffmann ist Focus-Auslandsredakteurin, sie war in den letzten zehn Jahren häufig als Journalistin im Iran und spricht die Landessprache Farsi. Trotz des reißerischen Titels lernt der Leser tatsächlich einen anderen Blick auf den Gottesstaat kennen. Das Buch ist ein guter Einstieg für alle, die sich nicht mit oberflächlichen Medienbildern über den Iran zufrieden geben wollen. Hoffmann beschreibt gut lesbar die Geschichte des persischen Vielvölkerstaates, wo Perser, Araber, Kurden, aserbaidschanische Azaris und einer Vielzahl von Minderheiten leben. Sie erläutert die Spannung von vorislamischem Erbe und Shiitentum sowie die jahrhundertealte kulturelle Rivalität zwischen Persern und Arabern.

Das Buch läßt keinen Zweifel am totalitären Charakter der islamischen Republik, wie Ayatollah Chomeini sie 1979 begründet hat. Mit dem Regierungsprinzip des welayat-e faqih, der Herrschaft des obersten shiitischen Rechtsgelehrten, hat Chomeini die Alleinherrschaft des Geistlichen an der Spitze des Staates religiös legitimiert. Dennoch ist es ausgerechnet den shiitischen Geistlichen gelungen, sich als einzige gesellschaftliche Gruppe diesem System teilweise zu entziehen, so dass heute die schärfsten Kritiker aus ihren Reihen stammen.

Besonders interessant ist das Kapitel über religiöse Minderheiten. Im israelfeindlichen Iran dürfen Juden Synagogen errichten und dort ungestört ihre Gottesdienste abhalten. Mit 35.000 Mitgliedern ist die jüdische Gemeinde Irans die größte im muslimischen Kulturkreis. Das jüdische Leben in der Hauptstadt der Mullah-Republik floriert. Ausführlich schildert die Autorin die paradoxe Situation der iranischen Frauen zwischen mittelalterlichen Gesetzen und gesellschaftlicher Emanzipation, die sie paradoxerweise der islamischen Revolution verdanken. Den stereotypen Bildern von der unterdrückten Frau im schwarzen Tschador setzt die Autorin ihre genauen Beobachtungen weiblicher Lebenswelten im Iran entgegen und kommt zu einem differenzierten Ergebnis: Die Mullahs selbst haben ungewollt mit ihrer Alphabetisierungskampagne und dem kostenlosen Zugang zu Bildung die Position von Frauen gestärkt.

Hier liegt auch der größte Unterschied zwischen dem Iran und seinen arabischen Nachbarländern: Es gibt fast keine Analphabeten mehr im Iran. Weil Schulen und Universitäten nach Geschlechtern getrennt unterrichten, entfällt für Eltern der Vorwand, ihre Töchter aus den Klassenzimmern fernzuhalten. Heute können nahezu hundert Prozent der Frauen unter 30 Jahren lesen und schreiben, an den Universitäten gibt es eine Männerquote. Hoffmann beschreibt, wie Anwältinnen ihre Klientinnen beraten, damit sie die harschen islamischen Gesetze umgehen können. Es ist die Stärke des Buches, dass es hinter dem frommen Schein die gesellschaftliche Wirklichkeit an konkreten Beispielen sichtbar macht.


Claudia Mende