Unternehmen in der Pflicht
Transnationale Konzerne sind verantwortlich für Arbeitnehmerrechte – auch bei ihren Zulieferern
Von Beat Dietschy
In vielen Fabriken der chinesischen Elektroindustrie herrschen unmenschliche Arbeitsbedingungen. Daran hat auch eine Kampagne von „Brot für alle“ und Fastenopfer in den vergangenen zwei Jahren nicht viel ändern können. Sie hat aber einen Weg gezeigt, wie die Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen verbessert werden kann. Wenn die Verbraucher es verlangen, sind Markenhersteller durchaus bereit, über ihre gesamte Lieferkette auf die Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards zu achten.
Es war vor vier Jahren. Der Wirtschaftsmotor brummte, insbesondere in den Schwellenländern Asiens und in der Elektronikbranche. Doch was wir von den Arbeitsbedingungen in der Computerfertigung im Süden Chinas erfuhren, alarmierte uns: Die Arbeitszeiten überstiegen in der Hochsaison das gesetzliche Maximum von 58 Stunden bei weitem und betrugen teilweise bis zu 90 Stunden die Woche. Die Mindestlöhne wurden unterschritten, Verträge nicht eingehalten oder gar nicht erst ausgestellt, Sicherheits- und Gesundheitsbestimmungen wurden umgangen. Betroffen waren damals drei bis vier Millionen Arbeitende, vor allemjunge Wanderarbeiterinnen.
Wie, fragten wir uns, können wir daran etwas ändern? Wie kann eine kirchliche entwicklungspolitische Organisation aus der kleinen Schweiz wie „Brot für alle“ in China etwas in Sachen Menschenrechte ausrichten? In einem Land, das noch keine freien Gewerkschaften kennt? Wir haben es mit einer Konsumentenkampagne versucht, die Druck auf die großen Markenfirmen macht. Zusammen mit Fastenopfer haben wir 2007 in der ökumenischen Frühjahrskampagne über die Zustände in den Fabriken in Südchina, Thailand und den Philippinen ausführlich informiert. Die Medien nahmen die gut recherchierten Reportagen bereitwillig auf, Tausende von Postkarten von Konsumenten sowie die internationale Vernetzung der Kampagne taten das Übrige: Drei der anvisierten Markenfirmen erklärten sich noch im selben Jahr zu einem Dialog bereit und akzeptierten, dass sich ihre soziale Verantwortung nicht nur auf den eigenen Konzern, sondern auch auf die weitverzweigte Lieferantenkette erstreckt.
Zusammen mit Hewlett Packard führte „Brot für alle“ in China ein Bildungsprojekt für Arbeiterinnen zum Thema Arbeitsrechte und Verhaltenskodizes durch – eine Premiere in der chinesischen Elektronikindustrie. Die kürzlich fertiggestellte Evaluation dieses Pilotprojekts in zwei Fabriken zeigt, dass der Ansatz richtig war: Derartige Vorhaben fördern eine bessere und offenere Kommunikation zwischen Arbeitenden und dem lokalen Management und können relativ rasch zu ersten Verbesserungen führen.
Die noch weiter laufende Kampagne „High tech – no rights?“ (www.fair-computer.ch) ist meiner Meinung nach eine der erfolgreichsten von „Brot für alle“. Zwar hat sie das hochgesteckte Ziel – die Respektierung der Standards der internationalen Arbeitsorganisation ILO in der Branche – noch nicht erreicht, sie hat aber einen Weg dahin aufgezeigt. Firmen sind bereit, etwas zu verändern, wenn die Verbraucher es verlangen. Sorgen bereiten allerdings die möglichen Auswirkungen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Arbeit des UN-Beauftragten für Menschenrechte und transnationale Unternehmen, John Ruggie, hat zwar dem Gedanken einer Menschenrechtsverantwortung von Konzernen Auftrieb geben können. Aber werden die noch zarten Pflänzchen gerechterer Arbeitsbedingungen den Sturm der gegenwärtigen Krise überleben? Oder setzt ihnen unter dem Druck der Gewinneinbrüche ein rücksichtsloser, einzig am Betriebsergebnis orientierter Kurs ein frühzeitiges Ende?
Die Nachrichten, die uns aus China erreichen, sind nicht ermutigend. Allein im letzten Jahr haben laut Angaben des zuständigen Ministers fast 700.000 Firmen aus allen Branchen schließen müssen. Etwa 20 Millionen Wanderarbeiter haben ihre Stellen verloren, und die Arbeitslosigkeit hat den höchsten Stand seit 1980 erreicht. Jüngste Berichte aus Fabriken im Perlflussdelta weisen auf andauernde krasse Verletzungen der Arbeitsrechte hin: 13-Stunden-Tage, erzwungene Überstunden und schlechteste hygienische Bedingungen. In der Fabrik MassTop, die für Apple produziert, sind nach einer Lebensmittelvergiftung sogar 7000 Arbeiterinnen in Streik getreten.
Ein Lichtblick ist, dass China in jüngster Zeit den Arbeitnehmenden zusätzliche Rechte eingeräumt hat. Ob Sozialstandards und Umweltprinzipien wirklich Eingang finden in die chinesischen Firmenkulturen, entscheidet sich heute – und nicht erst, wenn die Auftragsbücher wieder übervoll sind. Wenn es gelingt, sie in der gegenwärtigen Krise in den Betrieben zu verankern, ist die Chance groß, dass sie auch in Boomzeiten Bestand haben werden. Ausschlaggebend dafür ist, dass Konsumenten und Konsumentinnen sowie Markenfirmen von Zulieferern gute Produktionsbedingungen fordern.
Beat Dietschy
ist Zentralsekretär von „Brot für alle“ in Bern.


