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welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

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Die Vielfalt der Religionen schützen

Carl Sterkens, Muhammad Machasin, Frans Wijsen (Eds.),
Religion, Civil Society and Conflict in Indonesia
Nijmegen Studies in Development and Cultural Change 45, LIT Verlag,
Wien und Berlin 2009,
194 Seiten, 19,90 Euro


Die jüngsten Angriffe auf Luxushotels in Jakarta lenken die Aufmerksamkeit erneut auf ein Land, das in den vergangenen Jahrzehnten unter religiös motivierter oder verstärkter Gewalt zu leiden hatte. Die Sammlung von zehn Aufsätzen, die von mehrheitlich indonesischen Autorinnen und Autoren stammen, untersucht die Rolle von Islam und Christentum in den Konflikten in Indonesien. Dabei ist allein schon die Tatsache bemerkenswert, dass sich hier Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von drei indonesischen Universitäten in Yogyakarta sowie der niederländischen Radboud University in Nijmegen zu einem dialogischen und interreligiösen wissenschaftlichen Unternehmen zusammengefunden haben.

Einige der Darstellungen geben einen Überblick über die geschichtlichen, ökonomischen, politischen und soziokulturellen Hintergründe der Entwicklung der christlich-muslimischen Beziehungen in Indonesien seit der Unabhängigkeit. Sie bieten wertvolle Orientierungen für die jüngere Geschichte Indonesiens. Zwei Problemkreise spielen offenbar eine entscheidende Rolle in den Konflikten: die Hermeneutik und die Anerkennung religiöser Vielfalt. Ob religiöse Texte, in diesem Falle die Bibel und der Koran, Auslöser für Gewalt oder Hass werden, liegt primär nicht in den Texten allein begründet, sondern darin, wie sie ausgelegt werden.

So unterstreicht Muhammad Machasin, dass der Koran in seinem historischen Kontext interpretiert werden müsse und die Interpreten für ihre Lesart die Verantwortung tragen. Die Quellen der islamischen Lehre seien vielstimmig, deshalb lasse sich für fast alles eine Legitimation in der Schrift finden. Emmanuel Gerrit Singgih setzt sich mit den Texten des 5. Buches Moses aus dem Alten Testament auseinander, in denen Gott die Vernichtung geschlagener Feinde fordert. Die gelegentliche Darstellung Gottes als gewalttätig müsse als Defekt des biblischen Gottesbildes eingeräumt werden. Kurz, die Texte bedürfen einer kritischen, insbesondere auch historisch-kritischen Aneignung.

Ebenso wird in verschiedenen Aufsätzen die Bedeutung des durch religiöse Vielfalt geprägten gesellschaftlichen Umfeldes in Indonesien hervorgehoben. Diese Vielfalt muss nach Meinung der Autorinnen und Autoren positiv gesehen werden; sie ist allerdings durch fundamentalistische islamische Gruppierungen und entsprechende Reaktion auf christlicher Seite bedroht. Ablehnung der Vielfalt und Bestrebungen, gesellschaftlichen Zusammenhalt durch Vereinheitlichung herzustellen, befördern Spannungen und Feindschaft zwischen den unterschiedlichen religiösen Gruppen. Ist eine pluralistische Theologie der Religionen der Weg zu einem friedlichen Miteinander und zum Dialog?

Die Arbeiten im vorliegenden Band nähern sich ihrem Thema aus theologischer und religionswissenschaftlicher Perspektive. Gleichwohl ist das Buch auch aus entwicklungspolitischer Sicht wichtig, denn Friedensförderung und gewaltfreie Konfliktbearbeitung sind bedeutende Arbeitsfelder der Entwicklungszusammenarbeit (EZ). Die Beiträge lassen erkennen, dass sich die Partner gerade auch der kirchlichen EZ der ambivalenten Rolle der Religionen in Konflikten bewusst sind und dass sie weitaus stärker im interreligiösen Dialog engagiert sind als das weithin wahrgenommen wird. Dieser Dialog, der zumeist auf der Ebene der praktischen Zusammenarbeit stattfindet, hat zum Ziel, Probleme zu lösen, die Menschen jenseits ihrer Religionszugehörigkeit betreffen. Entwicklung ohne Dialog ist nicht denkbar.

Rudolf Ficker