Mutige Kämpferin für Freiheit und Gerechtigkeit
Malalai Joya
Ich erhebe meine Stimme.
Eine Frau kämpft gegen den Krieg in Afghanistan
Piper Verlag, München 2009,
288 Seiten, 19,95 Euro
Malalai Joya ist eine außerordentlich mutige und kämpferische Afghanin. Geboren im Jahr der kommunistischen Machtergreifung in Afghanistan 1979, ist sie Zeitzeugin der tiefgreifenden Umwälzungen und der Zerstörung des Landes. Sie flieht mit ihrer Familie nach Iran und Pakistan, wächst dort in einem Flüchtlingslager auf und arbeitet nach ihrer Schulzeit dort als Alphabetisierungslehrerin. Nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft kehrt sie mit ihrer Familie in ihre Heimatprovinz Farah zurück. Ihr Bild ging über die westlichen Fernsehschirme, als sie als junge Abgeordnete in der verfassungsgebenden Versammlung in Kabul aufstand und mit einer kaum Minuten dauernden eindrücklichen Rede deren Legitimität als demokratisches Parlament angriff.
Damals klagte sie so wie heute in ihrem Buch an, dass die Kriegsherren, die nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes Kabul zerstört haben, von Präsident Hamid Karsai als Abgeordnete in das höchste politische Gremium berufen statt vor Gericht gestellt wurden. Seither wurde Malalai Joya nicht nur von weiteren offiziellen Reden, sondern auch aus dem Parlament ausgeschlossen, obwohl sie als offizielle Vertreterin der Provinz Farah gewählt worden war. Ihr Leben ist ständig bedroht, sie flieht von einem Versteck zum anderen. Trotzdem ist sie nicht bereit, Afghanistan zu verlassen. Unterstützt von vielen Freunden kämpft sie weiter für ein freies und demokratisches Land.
Ihre Anklage gegen die Kriegsherren und ihre Unterstützer ist schonungslos. Die Liste der Vorwürfe reicht von den furchtbaren Angriffen auf die Zivilbevölkerung während der Mujaheddin-Zeit und der sexuellen und sozialen Vernichtung besonders der Mädchen und Frauen jeden Alters bis zu den herrschenden Machtverhältnissen. Die Macht der Kriegsherren beruht auf dem internationalen Drogen- und Waffenhandel, der ausufernden Korruption, der Ignoranz der internationalen Politik gegenüber den Wünschen und Werten der afghanischen Bevölkerung sowie der Machtanmaßung der regionalen Allianzen, der USA, der NATO und ihrer Partner. Malalai Joya spart auch nicht mit Kritik an den Taliban, an der Einmischung der Nachbarstaaten sowie am Anspruch der Hilfsorganisationen, Afghanistan ohne wirkliche Beteiligung der Afghanen wieder aufzubauen.
Angesichts der direkten Betroffenheit der Autorin kann das Buch kein journalistisches Sachbuch sein. Dafür geht es unter die Haut. Malalai Joya verknüpft ihre Lebensgeschichte mit teilweise detaillierten und sorgfältig recherchierten Informationen zur politischen und wirtschaftlichen Situation Afghanistans. Sie ruft die Leserinnen und Leser nachdrücklich und wiederholt dazu auf, sich von der Politik und den geopolitischen Interessen Europas und Amerikas keinen Sand in die Augen streuen zu lassen. Auch Deutschland hat sich inzwischen an die offizielle Lesart seines militärischen Engagements „am Hindukusch“ gewöhnt, ohne dass hierzulande viel über die tatsächlichen Lebensumstände der Bevölkerung bekannt wäre. Es ist das Anliegen von Malalai Joya, darüber mehr Kenntnisse und Wissen zu vermitteln und den Afghaninnen und Afghanen selbst eine Stimme zu geben.
Gisela Frommer
