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Von Gewalt und Legitimation

Klaus Schlichte
In the Shadow of Violence.
The Politics of Armed Groups
Campus Verlag, Frankfurt/Main und New York 2009,
256 Seiten, 29,90 Euro


Mit diesem Buch legt Klaus Schlichte, derzeit Professor für Politikwissenschaften an der Universität Magdeburg, ein vorläufiges Resümee zu einem seiner Forschungsschwerpunkte vor. Seit Anfang der 1990er Jahre widmet er sich den Phänomenen, die heute unter dem Begriff „Staatszerfall“ eine eigene Forschungsrichtung beschäftigen: Der Funktionsweise von bewaffneten Gruppen sowie den Dynamiken von Herrschaft und deren Infragestellung – etwa in Liberia, Serbien, dem Senegal, Mali oder Uganda. Die Publikation ist ein ambitionierter und ausgesprochen gelungener Versuch, eine Vielzahl von Informationen aus so genannten Feldstudien zu bewaffneten Gruppen ins Verhältnis zu setzen zu einer soziologischen Theorie von Macht und Herrschaft, die vor allem von Max Weber und Norbert Elias inspiriert ist. Zum reichhaltigen empirischen Material, das der Autor präsentiert, gehören neben seinen eigenen Arbeiten auch die Studien der Doktoranden der Forschungsgruppe „Mikropolitik bewaffneter Gruppen“ an der Humboldt-Universität Berlin, die Schlichte gegründet und bis März 2009 geleitet hat.

In sieben übersichtlich gegliederten und leicht verständlich verfassten Kapiteln beschreibt der Autor einzelne bewaffnete Gruppen von der Gründung über die Erringung von Dominanz bis hin zur Stabilisierung und Institutionalisierung ihrer Macht. Seine zentrale These: Derartige Organisationen müssen im Laufe ihrer Entwicklung fortwährend den Widerspruch zwischen ihrer politischen Legitimation und der von ihnen ausgeübten Gewalt verhandeln. Erfolgreiche Rebellenbewegungen, so Schlichte, können die „Schatten der Gewalt“ hinter sich lassen und sogar zu international anerkannten oder informellen Staatsgründern werden. „In the Shadow of Violence“ ist auch ein Gegenentwurf zur wissenschaftlichen beziehungsweise realpolitischen Gleichbehandlung aller Arten von Rebellion unter den Begriffen „Staatszerfall“ und „Krieg gegen den Terror“. Zur Analyse von spezifischen Fällen und der Kombination dieser Analyse mit allen Instrumenten, die den Sozialwissenschaften zur Verfügung stehen, gibt es laut Schlichte keine Alternative, wenn wir mehr über gewaltsam ausgetragene Konflikte lernen wollen. Das schließt für den Autor ein, zur Kenntnis zu nehmen, dass das Wissen zu diesem Themenfeld nach wie vor begrenzt ist und somit die Möglichkeiten zur Theoriebildung gewissen Grenzen unterliegen.

Das Buch lotet genau diese Grenzen aus. Zugleich erinnert es an die zum Teil äußerst gewaltsam verlaufene Staatsbildung in Europa und Nordamerika und ruft in Erinnerung, dass viele Merkmale so genannter „neuer Kriege“ gar nicht so neu sind. Nicht zuletzt durch den sorgfältigen, fast vorsichtigen Umgang mit ihrem Material hebt sich diese Publikation wohltuend von anderen ab, die eher auf spektakuläre, aber schwach belegte Thesen setzen. Denn letztlich ist für Schlichte nur sicher, dass die Ergebnisse der Politik bewaffneter Gruppen und des Umgangs mit ihnen nicht vorhersagbar sind. Deshalb kann auch für die Wissenschaft das letzte Wort in dieser Sache noch nicht gesprochen sein. Insofern ist zu hoffen, dass dieses empfehlenswerte Resümee tatsächlich nur ein vorläufiger Abschluss von Schlichtes Forschung zum Thema bleibt.


Ruben Eberlein