Die Seele der Dinge
Ein internationales Literaturfestival in Berlin wirbt für Autorinnen und Autoren aus Afrika
Von Katrin Schneider
Jüngere Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Afrika werden außerhalb ihrer Heimat kaum verlegt und gelesen. Um sie bekannter zu machen, hat ihnen das diesjährige Internationale Literaturfestival Anfang Oktober in Berlin einen Schwerpunkt gewidmet. Die internationale Kampagne „Literature for Africa“ soll zudem die Menschen in afrikanischen Ländern mit mehr Lesestoff versorgen.
Wird in deutschen Medien über Afrika berichtet, ist meist die Rede von Hunger, Armut, Kriegen, Gewalt, Menschenrechtsverletzungen und Diktaturen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den vielschichtigen Entwicklungen in Kunst und Literatur des Kontinents findet nur selten statt. Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Wole Soyinka, Nagib Machfus, Nadine Gordimer und John M. Coetzee, die in den vergangenen 20 Jahren den Literaturnobelpreis erhalten haben, mögen der literarisch interessierten deutschen Öffentlichkeit zwar bekannt sein. Doch auf Amma Darko zum Beispiel trifft das weniger zu, obwohl die heute 52-jährige Ghanaerin eine langjährige Beziehung zu Deutschland hat.
Darko war in den 1980er Jahren als Asylbewerberin in die Bundesrepublik gekommen. Sie landete in einem Dorf in der Nähe von Hildesheim, wo sie sich als einzige Afrikanerin ausgegrenzt, diskriminiert und einsam fühlte. Aus dieser Gefühlslage heraus schrieb sie ihren ersten Roman „Der verkaufte Traum“. Darin hat sie – wie auch in ihrem zweiten Roman „Spinnweben“ – ihre Erfahrungen in Deutschland verarbeitet. Seit ihrer Abschiebung aus Deutschland 1987 lebt Amma Darko in Accra, der Hauptstadt Ghanas. In ihren folgenden Werken steht das Leben in Ghana im Mittelpunkt. In ihrem neuesten Roman „Das Lächeln der Nemesis“ thematisiert sie das Leiden von Frauen, das von Polygamie und der Untreue der Ehemänner verursacht wird. Anlass für dieses Buch waren Statistiken, die belegen, dass immer mehr Frauen in Ghana in ihrer Ehe psychisch erkranken.
Auch Fatou Diome kennt das Gefühl, aufgrund der Hautfarbe diskriminiert zu werden. Die 1968 im Senegal geborene Autorin zog 1994 mit ihrem französischen Ehemann, von dem sie mittlerweile geschieden ist, nach Straßburg. Dort unterrichtet sie heute an der Universität Literaturwissenschaften und promoviert. In ihren literarischen Arbeiten hat sie ihre Erfahrungen mit Rassismus in Frankreich verarbeitet, der sie auch sensibel gemacht hat für andere Formen der Ausgrenzung und Diskriminierung.
In ihrem jüngsten Roman „Ketala“ geht es um die unglückliche Ehe von Memoria, einer Frau, die zum Sterben nach Afrika zurückgekommen ist, und um versteckte Homosexualität. Memorias Geschichte wird aus einer ungewöhnlichen Perspektive erzählt: Fatou Diome lässt die Gegenstände, die Memoria zu Lebzeiten besessen hat und die nach afrikanischem Brauch nach ihrem Tod unter den Erben aufgeteilt werden, Begebenheiten aus dem Leben ihrer Besitzerin schildern. Denn die Dinge, so Fatou Diome, können freier als Menschen über ein Thema wie die Homosexualität sprechen, das in der senegalischen Gesellschaft als Tabu gilt. Sie verweist auf die lange animistische Tradition in Afrika, die davon ausgeht, dass Dinge eine Seele haben.
Auch dem 1967 im Norden Nigerias geborenen Autor Helon Habiba sind Form und Stil seiner Arbeit wichtig. Seine beiden Romane „Waiting for an Angel“ und „Measuring Time“ sind bislang nicht ins Deutsche übersetzt. Er kritisiert, dass häufig nur die Themen, nicht aber die Erzählweisen im Vordergrund stehen, wenn über afrikanische Literatur debattiert wird. In seiner Geschichte „The Hotel Molago“ schreibt er in einem selbstreflektierenden Stil über das Leben in der Megacity Lagos, wo alle Menschen ständig in Bewegung sind und um ihr Überleben kämpfen. Wer zu etwas Geld kommt, wie die Hauptperson der Geschichte, der ehemalige Eisenbahnarbeiter Papa John, der riskiert, Opfer von Gewalt zu werden.
Vor staatlicher Gewalt geflohen ist die Familie des 1978 in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba geborenen Schriftstellers Dinaw Mengestu. Er wanderte 1980 nach der Machtübernahme der Sozialisten in die USA aus. Dort, in den Vorstädten von Washington D.C., wo Mengestu an der Georgetown University studierte, spielt sein erster Roman, der unter dem Titel „Zum Wiedersehen der Sterne“ 2009 auch auf Deutsch erscheinen wird.
Dinaw Mengestu erzählt eine Diaspora-Geschichte, in der es um die traumatische Erfahrung des Exils und die Isolation in einer fremden Gesellschaft geht. Ein äthiopischer Einwanderer, der in Washington einen kleinen Laden besitzt, aber in Amerika nie wirklich heimisch geworden ist, trifft sich regelmäßig mit zwei anderen Immigranten. Sie denken bei diesen Treffen mit Nostalgie an Afrika, aber auch mit einer gehörigen Portion Sarkasmus – etwa wenn sie darum wetteifern, wer sich am besten an die Jahreszahlen der Putsche und die Namen der Diktatoren auf dem afrikanischen Kontinent erinnern kann.
Der Vater von Aminatta Forna, die im Oktober in Frankfurt mit dem diesjährigen LiBeraturpreis ausgezeichnet wurde, wurde Opfer einer dieser afrikanischen Diktatoren. Er wurde als ehemaliger Finanzminister Sierra Leones gehängt, weil er sich gegen undemokratische Tendenzen aufgelehnt hatte. Dieses Schicksal hat Aminatta Forna, die 1964 in Glasgow, dem Heimatort ihrer schottischen Mutter, geboren wurde, zu ihrem ersten Buch inspiriert. Im Jahr 2000 reiste sie nach Sierra Leone, um mehr über die Umstände des Todes ihres Vaters in Erfahrung zu bringen. Die Ergebnisse ihrer Recherchen hat sie in dem Buch „The Devil that Danced on the Water“ veröffentlicht.
Während ihres Aufenthaltes in Sierra Leone entstand auch die Idee für ihren ersten Roman „Abbies Steine“. Der Titel des Romans bezieht sich auf die Tradition von Frauen in Sierra Leone, Steine an ihre Töchter weiterzugeben, die an die weiblichen Vorfahren erinnern. Mit Bezug auf diese Steine erzählt Aminatta Forna die Geschichte des Landes von der Kolonialzeit über die ersten Jahre der Unabhängigkeit, den Bürgerkrieg und den Neuanfang nach dessen Ende aus der Sicht von vier Frauen eines Dorfvorstehers.
Damit der Kulturaustausch nicht zur Einbahnstraße wird, hat das Literaturfestival neben der Präsentation afrikanischer Autorinnen und Autoren auch die Kampagne „Literature for Africa“ ins Leben gerufen. Verleger, Privathaushalte und Sponsoren der westlichen Industrieländer werden gebeten, den auf der Webseite www.literaturfestival.com genannten Bibliotheken in afrikanischen Ländern Bücher zukommen zu lassen. Anstoß zu dem Projekt gab die Nobelpreisrede von Doris Lessing im Jahr 2007, in der sie auf den Mangel an Büchern in Afrika hinwies.
Katrin Schneider
ist entwicklungspolitische Gutachterin und freie Journalistin in Berlin
Tipps zum Weiterlesen
Amma Darko, Das Lächeln der Nemesis.
Schmetterling Verlag, Stuttgart 2006, 260 Seiten,
19,80 Euro
Fatou Diome, Ketala.
Diogenes Verlag, Zürich 2007, 256 Seiten, 18,90 Euro
Aminatta Forna, Abies Steine.
Berlin Verlag, Berlin 2007, 416 Seiten, 22, 90 Euro
Helon Habila, Measuring Time.
Penguin Books, London 2007, 284 Seiten, 11,99 Euro.
Dinaw Mengestu,
The Beautiful Things That Heaven Bears.
Riverhead Books, New York 2007, 240 Seiten,
10,99 Euro
