„Drogenabhängige haben ein Recht auf Behandlung“
Die Schweiz steht vor einer Volksabstimmung über ihre Drogenpolitik
Gespräch mit Markus Theunert
Seit Mitte der 1990er Jahre ruht die Schweizer Drogenpolitik auf vier Säulen: Prävention, Therapie, Überlebenshilfe und Repression. Möglich ist auch die Verschreibung von Heroin an Schwerstabhängige, die die Schweiz weltweit als erstes Land eingeführt hat. Nun soll dieser ganzheitliche Ansatz gesetzlich verankert werden. Die Gegner haben darüber eine Volksabstimmung erwirkt, die am 30. November stattfindet. Befürworter wie der Generalsekretär des Fachverbands Sucht, Markus Theunert, verweisen auf die Erfolge der Vier-Säulen-Politik.
Was sind für Sie die zentralen Elemente einer sinnvollen Drogenpolitik?
Erstens das Zusammenspiel aller Beteiligten. Bevor die Schweiz das Problem der offenen Drogenszenen in den Griff bekam, war Drogenpolitik vor allem Repressionspolitik. Natürlich hat die Polizei auch heute eine wichtige Aufgabe. Ihre Tätigkeit ist aber abgestimmt auf die anderen drei Säulen. Zweitens ein nüchterner, pragmatischer Blick und flexible Instrumente. Mit Ideologie lässt sich das Drogenproblem nicht lösen. Drittens ein breiter politischer Konsens, der sowohl die Bedürfnisse der Betroffenen als auch die der Bevölkerung ernst nimmt. In den 1990er Jahren haben sich alle an einen Tisch gesetzt: der Bund, Kantone, Gemeinden, Parteien, Fachleute. Dies hat tragfähige Lösungen ermöglicht.
Wie hat sich die neue Politik auf die Drogenkriminalität ausgewirkt?
Die heroingestützte Behandlung hat zu einem Rückgang der Beschaffungskriminalität geführt. In den zwölf Monaten vor Eintritt in das Programm waren 40 Prozent der Behandelten straffällig geworden und hatten im Schnitt 30 Tage im Gefängnis verbracht. In den zwölf Monaten danach waren nur noch 6 Prozent durchschnittlich zwei Tage im Gefängnis. Eigentumsdelikte sowie Anzeigen wegen Drogenhandels sind um 90 Prozent gesunken.
Ist auch die Zahl der Drogenabhängigen zurückgegangen?
Die Zahl der Heroinkonsumierenden hat sich stabilisiert. Deutlich zurückgegangen ist die Zahl der Drogentoten: von jährlich über 400 Anfang der 1990er Jahre auf nur noch 152 im Jahr 2007 – ein neuer Tiefststand.
Warum soll der Staat nicht nur die Verschreibung von Methadon, sondern auch von Heroin zulassen?
Jeder Kranke hat Anrecht auf die Behandlung, die ihm hilft. Das gilt auch für Abhängigkeitserkrankungen. Es gibt langjährige Schwerstsüchtige, bei denen sich Methadon nicht bewährt. An diese Menschen darf nach strengen Kriterien und ärztlich kontrolliert Heroin abgegeben werden. Das Resultat: Ein Jahr nach Programmeintritt leben 93 Prozent der Behandelten in einer stabilen Wohnsituation, jeder Dritte hat wieder einen festen Arbeitsplatz.
Die Gegner befürchten, dass der Staat künftig auch die Abgabe von anderen Drogen zulassen könnte, etwa von Kokain. Ist dies der nächste Schritt?
Nein, das ist nach heutiger fachlicher Erkenntnis nicht sinnvoll und steht nicht zur Diskussion. Zudem wäre das theoretisch schon unter der aktuellen Gesetzeslage möglich. Die Warnung der Gegner ist ein Versuch, der Bevölkerung Angst zu machen.
Ist, wie die Gegner kritisieren, die Politik der Schweiz zu wenig auf Abstinenz ausgerichtet?
Das ist ideologische Stimmungsmache. Wir Suchtfachleute engagieren uns selbstverständlich dafür, dass möglichst viele Drogensüchtige den Weg in die Abstinenz schaffen. Aber: Bevor das möglich ist, müssen die existenziellen Grundbedürfnisse gedeckt sein – ein Dach über dem Kopf, eine stabilisierte Gesundheit, ein soziales Netz. Sämtliche anerkannten abstinenzorientierten Therapiestationen unterstützen die Gesetzesrevision. Es sind nur ein paar Eiferer, die sofortige Abstinenz zum Allheilmittel erklären.
Die Bürger stimmen am 30. November auch über die Liberalisierung des Cannabiskonsums ab. Befürworten Sie straffreies Kiffen?
Ja. Der Konsum von Cannabis sollte – wie beim Alkohol oder Tabak – nicht bestraft, sondern klar reguliert werden. Wichtig ist aber, dass die Bevölkerung versteht: Das neue Betäubungsmittelgesetz verankert nur, was sich bereits bewährt hat, während mit der Hanf-Initiative ein neuer Lösungsansatz zur Diskussion steht.
Das Gespräch führte Charlotte Walser, InfoSüd.
Markus Theunert ist
Generalsekretär des Fachverbands Sucht mit Sitz in Zürich. Der Verband ist parteipolitisch neutral und bringt die Perspektive der Fachleute in die drogen- und suchtpolitische Diskussion ein.
