Für dreißig Euro das Leben riskiert
Begegnung mit einem afghanischen Drogenschmuggler
Von Friederike Böge
Opium und Heroin aus Afghanistan gelangt vor allem über Iran auf den internationalen Markt. Schmuggler bringen das Rauschgift in kleinen Mengen über die Grenze. Die Männer und Frauen gehen ein großes Risiko ein, haben aber oft keine andere Möglichkeit, Geld zu verdienen. Viele werden getötet oder landen im Gefängnis – während die mächtigen afghanischen Drogenbarone ungestört ihre Geschäfte machen.
Es ist nicht schwer, in Gulran einen Drogenschmuggler zu finden. Das kleine Städtchen im Westen Afghanistans liegt nur 40 Kilometer vor der iranischen Grenze inmitten einer einsamen, hügeligen Wüstenlandschaft. Ein optimaler Ausgangspunkt für Schmuggel aller Art. Fast jede Familie hier hat Angehörige, die zumindest gelegentlich als Kuriere arbeiten. Es reicht also, einen kleinen Jungen in die Nachbarschaft zu schicken mit dem Auftrag, einen jener Männer zu holen, die hier als „Mulis“ bezeichnet werden, weil sie das Opium auf ihrem Rücken über die Grenze tragen.
Nach einer halben Stunde kommt der Junge zurück. Bei ihm ist ein Mann mittleren Alters, Ende 30 vielleicht. Er trägt ein weißes Käppi auf dem Kopf und einen frisch gestutzten Vollbart. Der Mann lässt sich auf einem der Polyesterkissen nieder. Es stört ihn nicht, dass sich inzwischen viele Schaulustige im Raum versammelt haben. Nur eine Bedingung hat er: Sein Name soll nicht in der Zeitung stehen. Nennen wir ihn Mohammad Nasim.
Etwa zweimal im Monat schnallt sich Nasim nachts einen umgenähten Reissack mit 20 Kilo Opium auf den Rücken und schließt sich einer Gruppe von 10 bis 20 Männern an. Mindestens einer von ihnen ist schwer bewaffnet mit einer Kalaschnikow oder einem Raketenwerfer. Ein anderer trägt Verpflegung und Wasser. Sie seien Gelegenheitsarbeiter, sagt Nasim. Zum Beispiel Bauern, die in diesem Jahr eine schlechte Ernte gehabt hätten, oder Jugendliche, die sich das Geld für ihre Hochzeit verdienen wollten. Gulran, zwei Stunden westlich der Provinzhauptstadt Herat, ist eine arme, unfruchtbare Gegend. Die meisten Familien hier leben von den Überweisungen ihrer Söhne, die illegal im Iran arbeiten. Umgerechnet knapp 30 Euro bekommt Nasim auf der anderen Seite der Grenze für eine 20-Kilo-Lieferung. Wenn er es schafft, das Opium 50 Kilometer weiter ins Landesinnere zu transportieren, verdoppelt sich sein Verdienst. Die Ware selbst wird nicht direkt bezahlt, sondern später zwischen den im Hintergrund beteiligten Händlern verrechnet. Sie betreiben häufig noch andere Geschäfte miteinander. Zum Beispiel schicken die Iraner Motorräder, Autos und die Überweisungen der Wanderarbeiter. „Die Händler kennen sich oft nur vom Telefon“, meint Nasim.
Der Iran ist das wichtigste Transitland für afghanisches Rauschgift auf dem Weg nach Europa. Nach Schätzungen der UN-Behörde für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) wird rund die Hälfte des hier produzierten Opiums und Heroins über die 925 Kilometer lange Grenze in das westliche Nachbarland gebracht. Von dort geht es in Lastwagen weiter in die Türkei und über verschiedene Balkanrouten auf die lukrativen Märkte in Westeuropa. Auf diesem Weg steigt der Wert des Rauschgifts um das 50- bis 100-fache.
Bei seinen nächtlichen Ausflügen geht Nasim ein erhebliches Risiko ein. Denn der Iran, der inzwischen auch zu einem wichtigen Absatzmarkt für Drogen geworden ist, geht mit eiserner Hand gegen die Schmuggler vor. „Ich kenne mehr als 100 Männer, die in den vergangenen Jahren an der Grenze erschossen wurden“, sagt Nasim. Im Krankenhaus von Gulran bestätigen die Ärzte, dass im vergangenen Jahr etwa 70 illegale Grenzgänger getötet worden sind.
Diese Gefahr ist einem Weltbankbericht zufolge auch einer der Gründe dafür, dass die Drogen in relativ kleinen Mengen ins Ausland transportiert werden, während innerhalb Afghanistans sehr viel größere Lieferungen bewegt werden. So minimieren die Händler ihr Ausfallrisiko. Neben den „Mulis“ gibt es andere Drogenkuriere. Zum Beispiel Fahrer von Tanklastwagen, die Benzin aus dem Iran bringen. Oder Frauen, die in Tüten verpacktes Heroin schlucken und dann legal ausreisen. Trotz der rigiden Drogenpolitik arbeiten offenbar viele iranische Grenzpolizisten mit den Schmugglern zusammen. Sie würden dafür bezahlt, dass sie in bestimmten, vorher vereinbarten Grenzabschnitten nicht patrouillieren, erzählt Nasim.
Und die afghanischen Polizisten? Da lacht der Mann aus Gulran. „Die kämpfen genauso ums Überleben wie ich.“ Sie seien jederzeit leicht zu bestechen. Festnahmen gebe es nur, wenn ein neuer Polizeichef im Amt sei, der sich am Anfang noch aktiv zeigen wolle. Außerdem sehen viele Sicherheitskräfte den Drogenschmuggel nach Nasims Ansicht gar nicht wirklich als Unrecht an: „Wenn ich stehlen würde, würde die Polizei mich wohl verhaften, aber nicht wegen des Opiums.“ Für die tödlichen Folgen seiner Ware fühlt sich der Schmuggler nicht verantwortlich. Er müsse zehn Kinder versorgen, entgegnet er, und es gebe schließlich keine andere Arbeit in Gulran. „Andere Männer arbeiten für Terroristen und töten Menschen. Wir töten nur uns selbst, um unsere Familien zu ernähren.“
In Kabul sitzen aber doch eine ganze Reihe von Männern wie Nasim im Gefängnis. Zwischen Januar 2007 und Juni 2008 hat der Drogensondergerichtshof 432 Täter zu Haftstrafen verurteilt. Bei der britischen Botschaft, die den Anti-Drogen-Kampf der internationalen Geber koordiniert, wird das als Erfolg gewertet. Die afghanischen Richter sind anderer Meinung. „Es trifft nur die kleinen – Fahrer und Putzmänner. Große Fische haben wir hier nicht“, sagt Habib Rahman Safi, einer von 14 Richtern am Drogengerichtshof. Die meisten Verurteilten wurden mit rund zwei Kilogramm Heroin erwischt und müssen zehn bis fünfzehn Jahre im Gefängnis verbringen. Richter Safi findet das „ungerecht“. Die Gesetze seien von ausländischen Beratern geschrieben worden und für ein Land wie Afghanistan ungeeignet, kritisiert er.
Dass die wichtigsten Drahtzieher nicht gefasst werden, hat politische Gründe. Ihr Einfluss reicht bis in die höchsten Regierungsämter. „Das sieht man zum Beispiel an der verbreiteten Telefonjustiz“, sagt die Leiterin von UNODC in Kabul, Christina Oguz: Oft genüge ein Anruf von einem Machthaber, um einen Untersuchungshäftling wieder auf freien Fuß zu setzen. Doch auch die internationale Gemeinschaft schreckt offenbar davor zurück, die eigenen Verbündeten zu sehr unter Druck zu setzen. Oguz fordert seit langem, dass die Namen afghanischer Drogenbarone auf die Terrorliste der Vereinten Nationen gesetzt werden. Das würde es ermöglichen, ihre internationalen Konten einzufrieren. Bislang sei dieser Vorschlag jedoch von niemandem aufgegriffen worden, sagt die UN-Vertreterin. Zudem haben die internationalen Truppen aus Angst vor zusätzlichen Angriffen bis vor kurzem Wert darauf gelegt, nicht mit der Drogenbekämpfung in Verbindung gebracht zu werden. Das britische Militär in der Opiumprovinz Helmand hat sogar eine Medienkampagne geschaltet, um zu versichern, dass es damit nichts zu tun habe.
Die Festnahme eines großen Drogenbarons wäre ein wichtiger politischer Erfolg. Ein Ende des Handels würde das aber wohl nicht bedeuten. „Was aussehen mag wie ein gut koordiniertes System, ist oftmals nur die Summe der Handlungen vieler unabhängiger Akteure, die alle der gleichen ökonomischen Logik folgen“, heißt es im jüngsten Weltdrogenbericht. Mehr als 500.000 afghanische Haushalte sind nach UNODC-Schätzung am Opiumgeschäft beteiligt. Nasim, seine Frau und seine zehn Kinder sind einer davon.
Friederike Böge
ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Sie recherchiert regelmäßig in Afghanistan.
