Gender-Gerechtigkeit oder Gender-Müdigkeit?
Frauensprojekte bewegen sich häufig in den üblichen Bereichen Wasser, Gesundheit und Frauenberufe
Hat die Betonung der Genderkomponente in der Entwicklungszusammenarbeit tatsächlich etwas verändert? Dieser Frage sollte Anfang Oktober eine Fachtagung im Wiener Rathaus nachgehen. Eine befriedigende Antwort blieb sie allerdings schuldig. Die meisten frauenspezifischen Projekte fördern auch heute noch traditionelle Frauentätigkeiten.
Die deutsche Soziologin und entwicklungspolitische Beraterin Christa Wichterich konstatierte, Geschlechtergerechtigkeit sei zwischen den hochtrabenden Erklärungen und ihrer Verwirklichung in Projekten und Programmen „verdunstet“. Es sei deshalb nicht verwunderlich, dass sich eine gewisse „Gender-Müdigkeit“ eingestellt habe.
Für Österreich wies Brigitte Öppinger-Walchshofer, die Geschäftsführerin der österreichischen Entwicklungsagentur (ADA), das zurück: „Müde sind wir nicht. Wir unterstützen viele reine Frauenprojekte.“ Es gehe um Ausbildung und „Empowerment“. In Äthiopien fördere Österreich Rechtshilfe für Frauen, in Burkina Faso gebe es auf Frauen zugeschnittene Kreditprogramme, und in Südafrika habe Wien ein Handbuch für Polizistinnen finanziert.
Das „Empowerment“ von Frauen und die Geschlechtergleichstellung sind seit 2006 Teil aller Programme der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. Kernbereiche sind Hilfe zur Selbsthilfe in Bereichen wie Bildung, Gesundheit und Selbstbestimmung, der Zugang zu Finanzen, die Stärkung politischer Einflussnahme und die Verbesserung persönlicher Sicherheit.
Frauenspezifische Projekte hingegen führt die Regierung kaum noch durch, sondern unterstützt Vorhaben der NGOs. Doch deren Projekte bewegen sich größtenteils in den Bereichen Wasser, Gesundheit und Ausbildung in traditionellen Frauenberufen. Das liegt laut Gundi Dick von der SPÖ-nahen Volkshilfe auch daran, dass die Projekte gemeinsam mit den Zielgruppen erarbeitet würden. Und diese Bereiche würden am stärksten von den Frauen nachgefragt.
Öppinger-Walchshofer sagte, auch der Mangel an entwicklungspolitischer Kohärenz erschwere das Erreichen frauenspezifischer Ziele. Verantwortlich seien nicht nur die anderen Ministerien in Österreich, sondern auch und insbesondere die EU-Politik. Christa Wichterich kritisierte vor allem die Freihandelspolitik: Afrikanische Staaten, die auf Einnahmen aus Importzöllen angewiesen seien, treffe der weltweite Zollabbau besonders stark. Die Folge sei der Abbau von staatlichen Leistungen und die Privatisierung von Gesundheitseinrichtungen und Schulen. Leidtragende seien dann vor allem die Mädchen, bei deren Bildungsausgaben gespart werde.
Ralf Leonhard
