Keine gemeinsame Idee für den Kampf gegen Hunger
Glaubt man dem Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, dann ist die derzeitige Hunger- und Ernährungskrise in Dutzenden Entwicklungsländern vor allem eine Folge von Kriegen, Korruption, Bildungsmangel und dem Fehlen von Rechtssystemen. Das, so Sonnleitner, wiegt weit schwerer als die Bioenergie-Erzeugung („kein Problem“), sämtliche Agrarsubventionen der reichen Industrieländer und selbst die derzeitige Weltfinanzkrise.
Gerd Sonnleitner ist Hauptredner einer Veranstaltung mit Titel: „Landwirtschaft im Strudel der Weltwirtschaft“. Sie findet im Anschluss an die Übergabe der Erntekrone an Bundespräsident Horst Köhler im Französischen Dom zu Berlin statt. Der Brauch hat Tradition: Katholische, evangelische und berufsständische Organisationen zelebrieren ihn alljährlich zum Erntedankfest. Horst Köhler spricht von der großen Verantwortung der Bäuerinnen und Bauern in Deutschland – auch in punkto Welternährung, dieser „riesigen Herausforderung“.
Von der anschließenden Veranstaltung erhofft sich Pfarrer Markus Harke, der Vorsitzende des Ausschusses für den Dienst auf dem Lande der Evangelischen Kirche in Deutschland, sie möge dazu beitragen, dass „wir als Wohlhabende auf der Welt unserer Verantwortung für die Hungerproblematik nachkommen“. Die Zuhörerschaft ist berufsständisch und kirchlich gemischt. Der thüringische Landesbischof Christoph Kähler ergreift das Wort. Er findet einerseits, dass die derzeitige Ernährungskrise „keine reine Regierungsangelegenheit“ ist, sondern gerade auch die Kirchen und die Privatwirtschaft gefordert seien. Er findet aber andererseits, dass die bestehenden Handelsverzerrungen unbedingt abgeschafft gehörten. Was natürlich eine Regierungsangelegenheit ist – und was natürlich auch die Agrarsubventionen meint. Auch wenn Bischof Kähler das so nicht sagt.
Auch Thilo Hoppe, der Vorsitzende des Entwicklungsausschusses im Bundestag (AWZ), fordert: „Weg mit den Agrarsubventionen“. Die internationale Gemeinschaft müsse die ländliche Entwicklung viel stärker fördern – allerdings eine, die kleinräumig angelegt ist und nicht agrarindustriell. Wilhelm Thees von Misereor sieht das „kleinbäuerliche Wissen“ vernachlässigt – zugunsten der Gentechnik. Die aber preist wiederum der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, Matthias Horst. Sie abzulehnen, findet er „arrogant“.
So entsteht binnen zweieinhalb Stunden ein buntes Panoptikum der Meinungen. Aber keine Idee davon, wie zur Überwindung des Hungers von fast einer Milliarde Menschen alle – Regierungen, Kirchen, Ernährungswirtschaft – an einem Strang ziehen könnten, wie sich das der Gastgeber, der Evangelische Entwicklungsdienst, am Tag der feierlichen Übergabe der Erntekrone erhofft hatte.
(di)
