„Kochen ist einfach mein Ding“
Coto hat die Chance auf ein besseres Leben in einem argentinischen Slum genutzt
Von Toni Keppeler
Der „beste Pizzabäcker“ von Villa 21, einer Armensiedlung in Buenos Aires, hat mit Unterstützung eines „Brot für die Welt“-Partners seine Ausbildung gemacht und ein kleines Geschäft eröffnet. Er beschäftigt nun andere Jugendliche aus dem Viertel und holt sie so von der Straße. Einzige Bedingung: Wer bei ihm mitarbeiten will, muss sich verpflichten, einen Beruf zu erlernen.
Villa 21 liegt nur zwanzig Autominuten vom mondänen Zentrum der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires entfernt. Doch es ist eine andere Welt. Die Taxifahrer bringen ihre Fahrgäste nur bis an den Rand des Viertels. Keiner traut sich hinein auf die wenigen engen unbefestigten Straßen zwischen zusammengedrängten Backsteinhäuschen. Es ist ihnen dort zu gefährlich. Gut 20.000 Menschen wohnen in dem Slum, der seit mehr als 60 Jahren besteht. Damals ließen sich die ersten illegalen Siedler auf dem Gelände der staatlichen Eisenbahn nieder. Später hat der populistische Diktator Juan Perón die Siedlung legalisiert. Seit einer schweren Wirtschaftskrise im Jahr 2001 ist die Zahl ihrer Einwohner auf das Doppelte explodiert.
Morgens um acht liegt noch Nebel über der Siedlung. Schon um diese Zeit torkeln mit Drogen zugedröhnte Kinder an den Wracks gestohlener und ausgeschlachteter Autos vorbei. Im Eingang eines Hauses sitzen zwei Frauen und rauchen ihr erstes Pfeifchen mit Koka-Paste. In der argentinischen Umgangssprache heißt das hochgiftige Zeug „Paco“. Ein Briefchen mit einer Dosis kostet gerade einen Peso, rund zwanzig Cent. Jugendliche mischen es mit Tabak und drehen sich daraus Zigaretten. Sie stehen in Gruppen zusammen, in den dunkelsten Gassen, die so eng sind, dass kaum zwei Menschen aneinander vorbeikommen. Die Kapuzen ihrer Pullover haben sie tief ins Gesicht gezogen.
Früher stand auch Coto dabei. Mit einer Größe von 1,90 Meter und einem Gewicht von fast 150 Kilo wirkt er in seinem blauen Trainingsanzug, das Palästinensertuch um den Hals geschlungen, mächtig und stark. Einem wie ihm möchte man nicht im Dunkeln begegnen. Der 27-Jährige kennt sich aus mit Drogen und Schusswaffen. Wenn er davon erzählt, spricht er in dem hastigen abgeschliffenen Dialekt der Armenviertel. Fast sein ganzes Leben hat Coto in Villa 21 verbracht. Er hat seine Erfahrungen mit Gewalt und schlecht bezahlten Jobs gemacht. Und er hat daraus gelernt.
Sein richtiger Name lautet Oscar Fernández. Aber alle Welt kennt ihn nur als Coto, den Koch im besten Pizza-Service der Siedlung. Sein Laden im Erdgeschoss des elterlichen Häuschens ist winzig. In der engen Küche drängen sich ein großer Gasofen, ein Kühlschrank, ein paar Bleche. Im Wohnzimmer davor stehen ein durchgesessenes Sofa, ein paar schiefe Stühle und ein kleines Tischchen – für den Fall, dass ein Kunde seine Pizza nicht mit nach Hause nehmen sondern gleich hier neben der Küche essen will. „Für euch Europäer mag mein Laden ziemlich ärmlich sein“, sagt Coto. „Aber für mich macht er den großen Unterschied.“
Gemeint ist der Unterschied zwischen einem Aushilfsjob, bei dem man arbeiten muss bis zum Umfallen und doch nichts verdient, und einem richtigen Beruf, von dem man leben kann. Coto ist gelernter Koch und Bäcker. Dass er eine Ausbildung machen konnte, hat ihm seine kleine Pizzeria ermöglicht. Cotos Vater war Lastenschlepper auf dem Obst- und Gemüsemarkt von Buenos Aires. Er starb mit 52 Jahren. „Er war ausgebrannt. Er hatte immer Schmerzen am ganzen Körper“, erzählt Coto. „Und er hat zu viel geraucht.“ Zwei Jahre später wurde Cotos Mutter erschossen, direkt vor dem Häuschen der Familie. „Von einem jungen Kerl, der vollgestopft war mit Drogen und nicht mehr wusste, was er tat. Neun Schüsse in den Rücken. Sie war sofort tot.“ Das war am 7. November 2002. Coto hatte damals die Schule längst abgebrochen und arbeitete als Fahrer für eine Süßwarenfabrik. „Ich ging morgens um sechs aus dem Haus und kam oft erst um Mitternacht zurück. Das war kein Leben.“
Bei den Trauerfeiern für seine Eltern merkte er, was Kochen für ihn bedeutet. „Wenn ein Familienmitglied stirbt, trauern wir hier neun Tage lang. Danach gibt es ein Essen für Verwandte und Freunde“, erklärt er. „Bei den Feiern für meine Eltern habe ich beide Male gekocht, für ganz viele Leute. Da habe ich gemerkt, dass ich darüber vergessen konnte, dass mein Vater und meine Mutter gestorben waren. Kochen ist einfach mein Ding.“
Und dann war da noch der neue Pfarrer im Viertel, der versucht hat, die Jugendlichen aus ihrem Trott zu holen. Sonntags machte er Ausflüge mit ihnen und zeigte, dass es auch etwas anderes gab als ein Leben zwischen Drogen, Gewalt und schlecht bezahlter Arbeit. „Pater Pepe hat uns gesagt, dass wir wieder zur Schule gehen müssten“, erinnert sich Coto. „Und er hat uns gesagt: Wenn man etwas richtig will, dann kann man es auch erreichen.“
Coto wollte kochen. So entstand vor fünf Jahren die Idee mit dem Pizza-Service. Seine Freunde und er wollten abends damit Geld verdienen, um tagsüber zur Schule gehen zu können. Gesagt, getan – und fast gescheitert. Denn selbst ein bescheidener Pizza-Service braucht ein paar Investitionen. Der häusliche Backofen war einfach zu klein, um genug Umsatz und Gewinn zu machen.
Ein halbes Jahr lang kämpften die Jungunternehmer ums Überleben. Dann brachte – ein Zufall – ein Freund ein Flugblatt der ökumenischen Hilfsorganisation CREAS vorbei. Sie kümmert sich in verschiedenen Ländern Lateinamerikas um politische, soziale und wirtschaftliche Menschenrechte. Zudem verfügt sie über einen von „Brot für die Welt“ unterstützten Fonds, mit dem Kleinprojekte von Frauen und Jugendlichen in Armenvierteln gefördert werden können. „Wir haben gleich einen Antrag gestellt“, erzählt Coto. „Das war gar nicht so einfach. Wir hatten es damals nicht so mit dem Schreiben. Eine Freundin musste uns helfen.“ Zwei Mal wurden ihnen die Papiere zum Überarbeiten zurückgeschickt, dann bekamen sie eine kleine Starthilfe.
Sie konnten einen professionellen Ofen und einen Kühlschrank kaufen. Die Küche bekam einen Gasanschluss, das Wohnzimmer einen Betonboden und ein größeres Fenster. Eine kleine Druckerei, die ebenfalls von CREAS gefördert wurde, lieferte Werbematerial. Die Hilfsorganisation half bei der Buchführung und der Kalkulation. Coto hat schnell gelernt: „Der Preis muss stimmen und die Qualität auch.“ Der Pizza-Service rentierte sich, er und seine Freunde konnten wieder zur Schule gehen.
„Ich habe die Mittelschule abgeschlossen und Bäcker und Koch gelernt“, sagt Coto stolz. „Zwei von uns studieren heute sogar Musik.“ Inzwischen arbeitet er in der Lehrküche eines Ausbildungszentrums am Rand von Villa 21. Seinen Pizza-Service braucht er nicht mehr zum Leben. Trotzdem steht er abends noch immer in der Küche und denkt sogar über einen Ausbau nach. „Schau doch hinaus auf die Straße“, sagt er. „Da hängen viele Jungs rum, die glauben, sie hätten nie eine Chance.“ Immer wieder komme einer vorbei und frage, ob er mitarbeiten dürfe. Coto nimmt jeden. Seine einzige Bedingung: Wer abends bei ihm sein Geld verdient, soll es tagsüber in eine ordentliche Ausbildung stecken.
Neue Mitarbeiter werden vom Chef persönlich angelernt. Er ist der einzige Profi im Laden. Wenn er am Herd steht und mit Messern, Löffeln und Rührgeräten hantiert, wirkt er nicht mehr groß und gefährlich. Dann ist er in sich versunken und streicht zärtlich über den Teig. „Ich hatte großes Glück“, sagt er. „Ich habe jemanden getroffen, der Vertrauen in mich gesetzt und gesagt hat: Beweise, dass du etwas kannst.“ Coto schmunzelt zufrieden. „Ich habe es bewiesen.“
Toni Keppeler
ist freier Journalist und Mitarbeiter der Agentur Zeitenspiegel.
