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Nahaufnahme einer Township

Steven Otter
Khayelitsha. uMlungu in a Township
Penguin Books, Johannesburg 2007
294 Seiten, 14,99 Euro


Khayelitsha südlich von Kapstadt ist mit rund einer Million Einwohnern eine der größten während der Apartheid angelegten Schwarzensiedlungen in Südafrika. Der Vorschlag, in einer der wenigen Herbergen, die es in der Township mittlerweile gibt, eine Nacht zu verbringen, stößt bei weißen Südafrikanern schnell auf ungläubiges Erstaunen. Kein Wunder: Khayelitsha gilt als Hort zügelloser Gewalt und unkontrollierbarer Kriminalität. Wer hier freiwillig leben will, muss aus Sicht des weißen Südafrika nicht ganz bei Trost sein.

So reagierten auch die Freunde von Steven Otter, als er die Absicht verkündete, für die Dauer seines mehrmonatigen Volontariats bei einer Kapstädter Zeitung nach Khayelitsha zu ziehen. Otter, 1973 in Johannesburg geboren und in Uitenhage am Ostkap aufgewachsen, schlägt alle Warnungen in den Wind und mietet sich in einem der besseren Viertel der Township ein Zimmer. Nach dem Volontariat geht er für zweieinhalb Jahre nach Europa, entdeckt dort aber seine „afrikanische Seele“ und kehrt voller Heimweh nach Khayelitsha zurück. Dort lebt er dann weitere sechs Monate in einer informellen Siedlung in einer Wellblechhütte.

Otter weiß, dass er ein bunter Hund ist – und zwar sowohl für weiße als auch für schwarze Südafrikaner. Trotzdem kommt sein Buch angenehm uneitel und unaufgeregt daher. Er schildert einfach, wie es ihm in Khayelitsha ergangen ist. Er erzählt von seinen neuen schwarzen Freunden, von vielen bierseligen Billardpartien in illegalen Garagenkneipen, dem Verzehr eines kompletten Schafskopfs (einer Xhosa-Spezialität), seinen Versuchen, eine junge Xhosa-Frau zu erobern und „ihren Garten zu wässern“, wie seine neuen Kumpel sich ausdrücken, und von einigen mal mehr, mal weniger bedrohlichen Begegnungen mit „tsotsis“ – Gangstern, für die die Townships so berüchtigt sind.

Das Leben in Khayelitsha, so wird deutlich, ist nicht nur trostlos und gefährlich, sondern ebenso geprägt von großer Lebensfreude, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft. Und oft ist es äußerst witzig – Otter gibt einige Kostproben des deftigen Xhosa-Humors. Andererseits verharmlost er die Probleme in Khayelitsha nicht: Er lässt erahnen, welche Not und Perspektivlosigkeit sich hinter Müßiggang und Alkoholkonsum verbergen. Steven Otter doziert aber nicht über Khayelitshas Schattenseiten und enthält sich wohlfeiler Ratschläge. Er berichtet aus Augenhöhe – zum Beispiel von seinem Freund Nigger, der als gebürtiger Kenianer in der Xhosa-Gesellschaft auf größere Ablehnung stößt als er, der Weiße. Oder von seinem Mitbewohner Ta-fumsa, der sich mit dem Verkauf einzelner Zigaretten über Wasser halten muss.

Als Kind habe er immer wissen wollen, was die schwarzen Südafrikaner eigentlich machen, wenn sie abends nach Hause gefahren sind. Auch um das herauszufinden, sei er nach Khayelitsha gezogen, schreibt Otter am Schluss seines Buches. Heute ist er klüger als die meisten seiner weißen Landsleute.


Tillmann Elliesen

welt-sichten 11-2008