„Prophetische Provokation“
Neue Studie soll politische Allianzen für ein grundlegendes Umsteuern anregen
Wie kann der Energie- und Rohstoffverbrauch Deutschlands auf ein Maß zurückgeführt werden, das mit den Grenzen der Natur und den Prinzipien globaler Gerechtigkeit verträglich ist? Dem geht die neue Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“ nach. Ihre Auftraggeber „Brot für die Welt“, der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) haben sie Mitte Oktober in Berlin vorgestellt.
Auf der gut besuchten Veranstaltung herrschte weitgehend Einigkeit darüber, dass nicht neue Diagnosen das Wichtige an der Studie sind. Für die Initiatoren kommt es darauf an, dass ihre Visionen die gesellschaftliche Debatte und die Politik in Deutschland verändern. Laut Hubert Weiger, dem Vorsitzenden des BUND, soll die Studie eine ähnliche Aufbruchstimmung erzeugen wie die Vorgängerstudie aus dem Jahr 1996. Die davon ausgelöste Basisbewegung habe allerdings nur kleine Erfolge bewirkt – etwa mehr Fahrradwege –, nicht die nötige grundsätzliche Abkehr vom Wachstumsdenken.
Den Entwicklungswerken waren internationale Gesichtspunkte in der Studie besonders wichtig, sagte der EED-Vorsitzende Konrad von Bonin. Die Kernfragen müssten lauten: „Wie machen wir Deutschland zukunftsfähig, ohne arme Länder zu vergessen? Wie können wir den Ausstoß an Treibhausgasen verringern und trotzdem Wohlstand für alle gewährleisten?“ Mit ihrer Beteiligung wollten der EED und „Brot für die Welt“ dazu Stimmen ihrer Partner aus dem Süden einbringen und helfen, politischen Druck für eine Wende aufzubauen. Die Direktorin von „Brot für die Welt“, Cornelia Füllkrug-Weitzel, erläuterte, es gehe um eine „prophetische Provokation“. Die beiden Werke wollten zu neuen Allianzen für ein grundlegendes Umsteuern in Deutschland beitragen und die Auseinandersetzung mit den Blockadekräften suchen. Die Ergebnisse der Studie sollen nun etwa in Bildungsveranstaltungen, Gottesdiensten und Aktionen aufgegriffen werden.
Wolfgang Sachs vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie stellte Kernthesen der Studie vor (siehe „welt-sichten“ 9/2008, S. 44). Er betonte, sowohl die Grenzen der Natur als auch die Menschenrechte seien Zielen wie dem Wirtschaftswachstum übergeordnet. Globale Armutsbekämpfung sei ohne Selbstbegrenzung im Norden nicht mehr möglich: „Armutslinderung erfordert Reichtumslinderung.“ Damit eine solche Politik die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland nicht weiter aufreißt, müsse sie mit entschiedener Sozialpolitik verbunden sein. Auf die Frage, wie der Angriff auf das Wachstumsdogma mit der Notwendigkeit von Kapitalrenditen zu vereinbaren sei, sagte Sachs: „Ich weiß es nicht.“
Die Kritik an der Studie konzentrierte sich auf Fragen nach der Bedeutung von Macht und Herrschaft. Die, so der Staatssekretär im Bundesumweltministerium Michael Müller, würden weitgehend ausgeblendet. In eine ähnliche Richtung zielte ein Einwand des früheren Bundesumweltministers Klaus Töpfer: Man müsse viel mehr als bisher darüber nachdenken, welche Institutionen nötig sind, um Umweltbelange politisch zu verankern. Beide sahen in der Weltfinanzkrise eine Chance, einen neuen internationalen Ordnungsrahmen zu schaffen. Sven Giegold von attac-Deutschland lobte, dass die Studie Veränderungen unserer Kultur und Lebensweise insgesamt in den Blick nehme. Ein neuer globaler Gesellschaftsvertrag setze aber voraus, dass die reichen Länder ihre Privilegien gegenüber Menschen in armen Ländern aufgeben. Er müsse – trotz aller Mängel der EU – von Europa ausgehen. Giegold bekannte jedoch, dass die für den Klimaschutz nötigen Einschränkungen insbesondere bei der Mobilität auch ihm selbst schwerfallen würden.
Bernd Ludermann
Brot für die Welt, EED und BUND (Hg.)
Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt. Ein Anstoß zur gesellschaftlichen Debatte
Studie des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie
Fischer Taschenbuch Verlag, München 2008
660 Seiten, 14.95 Euro
