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„Regierungen lieben Blasen“

Auch arme Länder haben zu lange auf den internationalen Finanzmarkt-Boom gesetzt

Gespräch mit Yilmaz Akyüz

Die von faulen Immobilienkrediten in den USA ausgelöste Bankenkrise droht sich zu einer globalen Wirtschaftskrise auszuweiten. In den Strudel hineingezogen werden nicht nur andere Industrieländer, sondern zunehmend auch Schwellen- und Entwicklungsländer. Der frühere UNCTAD-Chefökonom Yilmaz Akyüz erläutert, wie stark die Volkswirtschaften Asiens, Lateinamerikas und Afrikas betroffen sind und was jetzt unternommen werden muss, um den Schaden zu begrenzen.

Auf welchen Wegen trifft die Finanzkrise Entwicklungsländer?

Zum einen über Ansteckung auf den globalen Finanzmärkten, zum anderen über Folgen für den Handel und Investitionen. Die finanzielle Ansteckung geschieht auf drei Wegen. Erstens über Verluste aus Wertpapieren, hinter denen faule Kredite stecken, besonders Immobilienkredite. Zweitens hat die Finanzkrise Folgen für internationale Kapitalflüsse – der Zugang zu Kapital kann schwieriger und teurer werden. Der dritte Weg beruht auf spekulativen Blasen auf den Aktien- und Vermögensmärkten in Entwicklungsländern selbst.

Staaten oder private Investoren aus Entwicklungsländern halten große Mengen fauler Kredite in Industrieländern?

Nur einige Arten. Sie haben nur wenig Wertpapiere, die auf faulen Immobilienkrediten beruhen und die Krise ausgelöst haben. Auch sind private Banken in Schwellenländern nicht stark an Banken in den USA und Europa beteiligt, so dass sie beim Bankrott einer solchen Bank nicht viel Kapital verlieren. Aber Zentralbanken außerhalb der USA besitzen schätzungsweise eine Billion US-Dollar Forderungen der beiden staatlich geförderten US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac – außer in US-Staatsschuldpapieren haben sie auch dort ihre Devisenreserven angelegt. Ein großer Anteil entfällt auf Schwellenländer, auf China zum Beispiel geschätzte 350 Milliarden US-Dollar. Das Land verlöre einen bedeutenden Teil seiner Devisenreserven, wenn Fannie Mae und Freddie Mac pleite gingen. Schließlich halten einige Pensionsfonds aus Schwellenländern, zum Beispiel aus Chile, in Industrieländern Aktien und sind von Börsenverlusten dort betroffen.

Wie verändern sich globale Kapitalflüsse mit der Krise?

In den ersten Monaten der Krise blieben die Kapitalflüsse in Entwicklungsländer hoch, dann gingen sie plötzlich zurück und schlugen in einigen Ländern in einen Abfluss um. Für 2008-09 wird ein starker Rückgang der gesamten Kapitalflüsse Richtung Entwicklungsländer vorausgesagt. Zweierlei ist passiert: Erstens fliehen Investitionen aus Entwicklungsländern – ausländische wie einheimische – in sichere Anlagen, vor allem in US-Staatsschuldpapiere. Außerdem werden Kreditgeschäfte aufgelöst, bei denen zu niedrigen Zinsen in Japan Geld aufgenommen und andernorts zu höheren Zinsen verliehen wurde (Carry Trade); der Rückfluss in den Yen erklärt, warum dieser aufwertet. Zweitens brauchen institutionelle Investoren wie Hedge Funds aufgrund der Kreditklemme schnell Geld und haben deshalb Anlagen in Schwellenländern liquidiert. Die Risikoprämien für Kredite an Entwicklungsländer haben sich in den vergangenen Monaten verdoppelt und damit diese Kredite verteuert. Sogar kurzfristige Kredite für Handelsgeschäfte werden beschnitten. Das zeigt, wie tief die Krise geht.

Die Veränderungen der Kapitalflüsse ändern auch den Wert von Währungen?

Ja. Die meisten Staaten Asiens – etwa Südkorea, Indien, Thailand und Indonesien – verkaufen jetzt US-Dollar, um eine Abwertung ihrer Währung zu verhindern. Auch die meisten Länder in Zentral- und Osteuropa sowie Lateinamerika sehen sich einem Verfall ihrer Währungen gegenüber und verlieren Devisenreserven. Eine der wenigen Ausnahmen ist China, dessen Währung, der Yuan, unter Aufwertungsdruck steht. Daher werten die Währungen in Asien gegenüber dem Yuan ab. Das kann für den Handel innerhalb Asiens schwere Folgen haben. Ähnliche Währungsverschiebungen gibt es in Lateinamerika zwischen Brasilien und Argentinien.

Was steckt hinter spekulativen Blasen im Süden selbst – dem dritten Faktor der finanziellen Ansteckung?

Die sind das Ergebnis enormer Kapitalzuflüsse in Schwellenländer. Wir erleben hier den dritten Zyklus von Aufschwung und Abschwung. Der erste begann in den 1970er Jahren und endete mit der Schuldenkrise in Lateinamerika in den 1980ern. Der zweite begann zu Beginn der 1990er Jahre und endete mit einer Serie von Krisen unter anderem in Lateinamerika und Asien. Der dritte Boom zu Beginn dieses Jahrzehnts wurde ausgelöst von der Politik niedriger Zinsen und einer Ausweitung der Geldmengen in den USA, Japan und Europa. Das führte zur Nutzung von Krediten für Spekulation in den USA und einigen Teilen Europas, zum erwähnten Carry Trade in Japan sowie zu hohen Investitionen in Schwellenländer: Kapital floss überall hin. Das blähte die Kreditangebote und die Vermögenspreise in mehreren Schwellenländern auf – etwa in Indien, China und Südkorea, in der Türkei und Brasilien. Dieser Boom endet nun. In Korea, Indien und China sinken die Immobilienpreise. Und die Aktienkurse in Schwellenländern sind im vergangenen Jahr um rund die Hälfte gefallen. Wenig betroffen ist interessanterweise Afrika, ausgenommen Südafrika, denn auf diesen Märkten sind ausländische Anleger kaum vertreten.

Werden auch die Exporte der Entwicklungsländer sinken, weil die Nachfrage im Norden schrumpft?

Das hängt stark von der Entwicklung in den USA und in Europa ab. Turbulenzen in der Finanzwirtschaft wirken sich nur verzögert auf die Realwirtschaft aus, und bis sie dann statistisch gemessen werden, dauert es noch einmal. Wir sind uns aber einig, dass dies die schwerste Finanzkrise seit der Großen Depression 1929-30 ist. Dennoch sagt der Internationale Währungsfonds (IWF) noch Ende Oktober weder für die USA noch für die Industrieländer insgesamt eine Schrumpfung des Sozialprodukts für 2008-09 voraus. Aber in den USA sinken die Beschäftigtenzahl, das verfügbare Einkommen und die Ausgaben der Haushalte; Investitionen in Gebäude – eine wesentliche Triebkraft des Wachstums in den vergangenen Jahren – sind am Boden. Wo soll da Wachstum herkommen? Aus Exporten? Unwahrscheinlich, da der US-Dollar aufwertet. Auch in Europa und Japan ist das Bild düster.

Welche Entwicklungsländer werden von den Folgen am härtesten getroffen?

Für Lateinamerika, angefangen mit Mexiko, erwarte ich, wenn überhaupt, nur noch sehr wenig Wachstum. Bis vor kurzem wurde es dort von hohen Rohstoffpreisen und Kapitalimporten angetrieben; beide fallen jetzt. Ohnehin war das Wachstum mit drei bis vier Prozent im Vergleich zu Asien niedrig. Das Pro-Kopf-Einkommen wird in Lateinamerika sicher sinken. Asien ist weniger abhängig von Rohstoffexporten. Einige Länder dort, etwa China, werden vom Rückgang der Importnachfrage in Europa und den USA getroffen. China kann und sollte das aber ausgleichen, indem es den Konsum im Inland anregt. Seine Abhängigkeit von Exporten und die hohe Investitionsquote sind nicht aufrecht zu erhalten – 45 Prozent des Sozialprodukts werden investiert, nur 40 Prozent konsumiert. China sollte den Konsum anregen, indem es mehr für das Gesundheits- und Bildungswesen und den Wohnungsbau ausgibt, die Löhne erhöht und wenn nötig den Armen Geldtransfers zahlt. Auch in Südostasien, das große Devisenreserven und keine ernsten Staats- oder Handelsdefizite aufweist, kann der Staat die Wirtschaft stimulieren – etwa mit Investitionen in die Infrastruktur. Wenn all das geschieht, erwarte ich, dass Asien nicht mehr als ein oder zwei Prozent Wachstum verliert. Indien ist aber verwundbarer aufgrund seiner Defizite im Staatshaushalt und in der Leistungsbilanz (das ist die Handelsbilanz plus die Bilanz der Einnahmen und Einkommen aus dem und an das Ausland, etwa von Migranten). Wenn die Kapitalzuflüsse sich umkehren und zugleich die Exporteinnahmen sinken, kann es für Indien sehr schwierig werden, das Wachstum der vergangenen Jahre aufrecht zu erhalten.

Und Afrika?

Hier ist die Entwicklung schwerer vorherzusagen. Ich denke, Afrika wird weniger in Mitleidenschaft gezogen werden, als viele glauben – ausgenommen Länder, die stark vom Export von Öl und einiger Mineralien abhängen. Die Krise kann zu einem Rückgang der Entwicklungshilfe führen. Dennoch erwarte ich, dass die Wachstumsverluste nicht so gravierend sein dürften wie in Lateinamerika.

Was sollte kurzfristig getan werden, um die Entwicklungsländer vor den Folgen der Krise zu schützen?

Wir brauchen eine globale Finanzierungslinie, aus der antizyklisch Handel, Wachstum und Beschäftigung in Ländern gestützt werden, die infolge sinkender Kapitalzuflüsse und Exporte in Probleme geraten. Die Zufuhr von Liquidität sollte die Leistungsbilanz stützen, nicht den Kapitalverkehr. In früheren Krisen war Unterstützung vom IWF in erster Linie darauf ausgerichtet, ausländische Kreditgeber und Investoren zu schützen: Die betroffenen Länder sollten in die Lage versetzt werden, den Schuldendienst weiter zu leisten und den Kapitalverkehr offen sowie die Währung konvertibel zu halten. Als Bedingung verlangte der IWF Zinssteigerungen und Kürzungen der Staatsausgaben. Stattdessen sollten aber Länder, aus denen große Mengen Kapital fliehen, mit Zustimmung des IWF zeitlich begrenzt einen Stillstand von Finanzströmen verhängen und den Währungshandel einschränken, so wie in Malaysia 1998. Und sie sollten zu einer antizyklischen Politik ermutigt werden wie in den USA und Europa, wenn nötig begleitet von Anpassungen des Wechselkurses – etwa da, wo dieser jahrelang angestiegen ist wie in der Türkei, Brasilien und Südafrika. Die ersten Anzeichen sind allerdings nicht gut: Die Programme des IWF für Ungarn, Island und die Ukraine wirken eher, als führte er seine gewohnte Linie fort.

Würde frisches Geld vom IWF nicht die nächste Blase auslösen?

Die Zufuhr von Liquidität aus einer solchen internationalen Finanzierungslinie wird viel kleiner sein als die aus den Rettungsprogrammen für Finanzinstitute in Europa und den USA. Die Politik des billigen Geldes nach der Rezession von 1990-91 hat aber in der Tat zur dot-com-Blase in den 1990ern beigetragen, das billige Geld nach dem Platzen dieser Blase dann, zusammen mit der Deregulierung am Finanzmarkt, zur jetzt geplatzten Immobilienblase. Die nächste Blase könnte sich auf den Rohstoffmärkten bilden. So könnte der Ölpreis wieder auf über 150 Dollar pro Barrel steigen.

Welche Strukturreformen sind nötig, um solche Blasen zu vermeiden?

Ich habe kein fertiges Rezept für die Regulierung der Finanzmärkte, aber vor allem sollte sie grenzüberschreitende Kapitalflüsse erfassen. Bisher haben wir nach jeder Krise neue Regeln oder Standards ausgearbeitet, nur um festzustellen, dass sie die letzte Krise angehen, aber nicht die nächste. Die Märkte sind innovativ, die Politik läuft immer hinterher. Wir müssen diesen Ansatz ändern und vielleicht ausdrücklich festlegen, was Märkte dürfen und was nicht, statt ihnen Freiheit einzuräumen und dann für die daraus entstehenden Risiken Regulierungen zu suchen. Und wenn Entwicklungsländer Krisen vermeiden wollen, müssen sie den Zufluss von Kapital steuern und die Anhäufung hoher Schulden, Aufwertungen und externe Defizite vermeiden. Während des letzten Booms haben das nur wenige Länder versucht. Das Problem ist, dass Regierungen Blasen lieben – sie mögen Kapitalzuflüsse. Solange das gut läuft, stehen sie nicht unter Druck etwas zu unternehmen, und wenn es schief geht, können sie kaum noch etwas tun.

Im letzten Jahrzehnt ist aber Kapital netto von Süd nach Nord geflossen, oder?

Nicht wenn man konventionelle Transfers betrachtet, also ohne die der staatlichen Zentralbanken. Privates Kapital ist von Nord nach Süd geflossen, und Regierungen im Süden haben es zurück in den Norden geschafft, vor allem in die USA. Für die Hypothekenblase ist die Politik des billigen Geldes verantwortlich. Doch dass China und manche Ölstaaten riesige Reserven in niedrig verzinste Papiere der US-Regierung angelegt haben, hat die Blase gefördert.

Das Gespräch führte Bernd Ludermann.


Yilmaz Akyüz
berät internationale Organisationen und Regierungen in Fragen der Entwicklungs-, Handels- und internationalen Finanzpolitik. Bis 2003 war er für die UN-Handelskonferenz (UNCTAD) tätig, unter anderem als Leiter der Abteilung für Globalisierung und als Chefökonom.

welt-sichten 11-2008