Von „Hofmohren“ und Sklavenkindern
Walter Sauer (Hg.)
Von Soliman zu Omofuma.
Afrikanische Diaspora in Österreich
17. bis 20. Jahrhundert
Studien Verlag, Innsbruck 2007
270 Seiten, 29,90 Euro
Keine Migrantengruppe ist in Österreich so häufig in den Medien präsent wie Afrikanerinnen und Afrikaner. In Bezug auf ihre Migrationsgeschichte bestehen jedoch nach wie vor Wissenslücken. Der vorliegende Sammelband von Walter Sauer stellt diese Historie nun erstmals systematisch und umfassend zusammen. Ziel der Autorinnen und Autoren ist es, in der Vergangenheit nach Ursachen und Erklärungen für aktuelle Probleme zu suchen. Die Nachzeichnung der Migrationsverläufe nach Österreich seit dem 17. Jahrhundert macht Integration, aber auch Rassismus und Diskriminierung sichtbar.
Sieben chronologisch geordnete Beiträge arbeiten die Geschichte der afrikanischen Diaspora auf. Migrationsszenarien wie Kriegsgefangenschaft, Versklavung, Studienmigration, Flucht und Asyl werden anhand einzelner Lebensgeschichten dargestellt. Dies lässt die Geschichte anschaulich und greifbar werden. Walter Sauer und Andrea Wiesböck stellen zunächst kurze Biographien aller Personen „mohrischer“ Herkunft im Wien des 17. und 18. Jahrhunderts vor.
Diese archivarische Fleißarbeit macht einen interessanten Wandel erkennbar. Die Abschaffung der Sklaverei in der Mitte des 18. Jahrhunderts verbesserte den rechtlichen Status der in Wien lebenden Afrikaner, die nun entlohnt wurden und auch private Haushalte führen durften. Doch neben den ersten Anzeichen der Emanzipation steht die soziale Diskriminierung: Selbst getauften Afrikanerinnen und Afrikanern wurde ein christliches Begräbnis verwehrt. Christine Sulzbacher untersucht die Stereotypen, mit denen die Österreicher ihren afrikanischen und afroamerikanischen Mitbürgern im 19. und 20. Jahrhundert begegneten. Afrikanerinnen und Afrikaner leisteten Dienst in herrschaftlichen Häusern als exotische Repräsentationsobjekte („Hofmohren“). Auch waren sie nützlich für die Kirche, wo sie als werdende Missionare Spenden für die Anti-Sklavereibewegung sammeln sollten. Darüber hinaus wurden sie in der österreichischen Unterhaltungsindustrie sowie im Zirkus oder im Varieté als exotische Artisten eingesetzt.
Weitere Aufsätze thematisieren den Mythos „Angelo Soliman“, der bekanntesten Persönlichkeit afrikanischer Herkunft in Österreich, sowie die Situation ägyptischer Studenten in Österreich von 1830 bis 1945. Herwig Czech beschäftigte sich mit der Diskriminierung und Verfolgung von Afrikanern im Nationalsozialismus und Hamid Lechhab geht auf die Geschichte marokkanischer Besatzungskinder im Vorarlberg nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Zum Schluss wirft der Herausgeber noch einmal einen Blick auf die afro-österreichische Diaspora heute. In allen Beiträgen werden detailliert und gewissenhaft historische Quellen ausgewertet, für die sicherlich umfangreiche Archivrecherchen nötig waren. Fragmente von verwendeten Grundlagentexten sind ebenfalls abgedruckt. Sie schildern die Taufe des „Mohren Balthasar“ in Wien 1629, das Leben des Sklavenkindes Musa Said Saad mehr als 200 Jahre später und den tragischen Tod des nigerianischen Flüchtlings Marcus Omofuma in Polizeigewahrsam im Jahr 1999.
Kathrin Kissau
