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Wege aus der Isolation

Notker Wolf, Corinna Mühlstedt
Im Schatten des großen Drachen.
Begegnungen mit Chinas Christen
Kreuz Verlag, Stuttgart 2008
159 Seiten,  16,95 Euro


Die Olympischen Spiele 2008 haben China in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Notker Wolf, Abt­primas der Benediktiner, und die ARD-Journalistin Corinna Mühlstedt lenken mit ihrem Buch die Aufmerksamkeit auf die Situation der chinesischen Christen, über die im Westen nur wenig bekannt ist. In kurzen, mit zahlreichen Schwarzweiß-Fotos bebilderten Kapiteln schildern und reflektieren sie ihre Eindrücke von Reisen in das Reich der Mitte seit 1985. Begegnungen und Gespräche mit Gemeindegliedern, Priestern, Pfarrerinnen und Pfarrern sowie mit Beamten der staatlichen Religionsbüros vermitteln ein differenziertes Bild der Christenheit im heutigen China.

Manche Begegnungen lassen zudem die Bedrohungen erahnen, denen die Gemeinden während der Kulturrevolution ausgesetzt waren. Schon 1950 hatte die kommunistische Partei die Unabhängigkeit der chinesischen Christen von ausländischen Missionaren gefordert. Die Protestanten reagierten mit der „Patriotischen Drei-Selbst-Bewegung“: Selbstverwaltung, Selbstfinanzierung, selbständige Verkündigung des Glaubens. So konnten sie bis zur Kulturrevolution überleben, in der die Partei China unter anderem in einen religionslosen Staat umwandeln wollte. Eine Zeit der Verfolgung und der Isolation von der weltweiten Ökumene begann. Das liegt inzwischen lange zurück: „Im Blick auf die Kirche erleben wir in der Volksrepublik China die beste Zeit, die wir je hatten“, sagt die Präsidentin des Chinesischen Christenrats Cao Shengjie im Gespräch mit Corinna Mühlstedt.

Notker Wolf beleuchtet die kulturellen und historischen Wurzeln für das Verhältnis zwischen Staat und Kirche in China. Aus der Perspektive einer Geschichte, in der die Kaiser Herren über die Religion waren, mag es verständlich sein, dass der Staat seine Kontrolle über die Religion nicht als Ausdruck von Unfreiheit betrachtet. Aus westlicher Sicht hingegen wirkt das befremdlich. Wolf reagierte mit einem Angebot zum Dialog. Er lud den Leiter eines Religionsbüros zu den Benediktinern nach St. Ottilien ein, um ihm das europäische Verständnis von Religionsfreiheit näherzubringen. Seitdem hat eine Reihe chinesischer Delegationen das Kloster besucht.

Inzwischen haben die Christen in China ihre Spielräume erweitert. Sie feiern nicht nur ihre Gottesdienste, sondern sind auch sozial engagiert und erwerben damit gesellschaftliche Anerkennung. Beispiele dafür sind das kommunale Krankenhaus in Meihekou, in dem Benediktinerinnen mit den örtlichen kommunistischen Behörden zusammenarbeiten, oder die Amity Foundation, eine auf die Initiative des protestantischen Bischofs Ting zurückgehende Hilfsorganisation, die sich um die Armen in China kümmert.

Die Öffnung Chinas seit den 1980er Jahren erschließt den Kirchen neue Möglichkeiten, nach Zeiten der Isolation und Verfolgung wieder mit der Ökumene in Verbindung zu treten. Es ist wichtig, auf die Christen in China, aber auch auf die staatlichen Religionsbehörden offen, lernbereit und einfühlsam zuzugehen. Die Reisen von Wolf und Mühlstedt sind gute Beispiele dafür. Ihr Buch sei allen zur Lektüre empfohlen, die sich auf eine Chinareise vorbereiten und eine erste Orientierung über das Leben der Christen in diesem rätselhaften und zugleich faszinierenden Land suchen.


Rudolf Ficker

welt-sichten 11-2008