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Zu idyllisch: Die Bauern und die Globalisierung

Silvia Pérez-Vitoria
Bauern für die Zukunft. Auf dem Weg zu einer globalen Bewegung
Rotpunktverlag, Zürich 2007
254 Seiten, 22 Euro


Bei aller Sympathie für die Sache der Bauern, aber das geht zu weit. Die französische Soziologin und Filmemacherin Silvia Pérez-Vitoria liefert mit diesem Buch eine maßlose Verklärung des Bauerntums. Sie präsentiert ein romantisches Bild der bäuerlichen Familie, das große Ähnlichkeit mit der Blut-und-Boden-Ideologie hat, jetzt nur als linke Theorie adaptiert. Der Bauer und die Bäuerin verkörpern nach Auffassung der Autorin Werte, die jenseits der globalisierten Warenlogik des Kapitalismus stehen. Sie wollten keine Gewinne anhäufen, sondern „schlicht am Leben bleiben“. Dies führe zu einer Widerständigkeit, die zur Herausforderung für das gesamte System und die Globalisierung wird. Der  landwirtschaftliche Strukturwandel, der die Zahl der Beschäftigten und Betriebe in allen Industrieländen dramatisch schrumpfen ließ, scheint laut Pérez-Vitoria nicht nur vermeidbar gewesen zu sein, sondern ist ihrer Ansicht nach sogar ein an den Bauern verübtes Verbrechen. Weltweit rechnet Pérez-Vitoria noch drei Milliarden Menschen der Familienlandwirtschaft zu.

Diese werde die vorherrschende Produktionsweise bleiben. Den Stand der Bauern definiert sie als „Klasse der Überlebenden“. Ihre Suche nach „Gleichgewicht und Sicherheit“ stehe in einem diametralen Gegensatz zu einer Gesellschaft, die Wandel, Wachstum, Konsum und Entwicklung favorisiert. Das sind atemberaubende Behauptungen, die sie durch nichts zu belegen versucht. Nun muss Pérez-Vitoria noch die Organisationen ausmachen, denen sie die Eigenschaften der Bauern zuordnet, und schon hat sie die revolutionäre Weltbewegung: Via Campesina, die zapatistische Bewegung, die Bewegung der Landlosen. Das Naturverständnis dieser Organisationen führe dazu, dass sie die Errungenschaften der Laborwissenschaftler ablehnen und auf traditionelle und ökologische Anbaumethoden setzen. Sie wehren sich gegen die Fremdbestimmung durch das Agrobusiness. Dadurch ergibt sich ihre Distanz zum Weltagrarhandel, eine Feindschaft zur Welthandelsorganisation (WTO) und zur Agrarliberalisierung sowie zum Vordringen der Supermarktketten.

Auch die staatlichen Programme zur Modernisierung der Landwirtschaft mit ihren Kontrollen der Bauern mittels öffentlicher Bezuschussung von Kleinkrediten und Beratung werden kritisch gesehen. Das Selbstbestimmungsrecht der Länder über ihre Agrarpolitik und das der Bauern über ihre Anbaustruktur und -methoden muss nach Ansicht der Autorin gewährleistet sein: Ein Land soll das erzeugen, was es braucht, und den Bedarf nicht über Ex- und Import decken.

Zum Schluss streift Pérez-Vitoria die Geschichte der Bauernrevolten weltweit und die Diskussion, ob Bauern nun konservativ oder anarchistisch sind, findet dann aber die Bewertung müßig. Die Zukunft sieht sie zuversichtlich: Die Bauern werden siegen. Sie wirtschaften noch mit der Natur und müssen sich nicht allzu sehr umstellen, wenn Energie knapp wird und der Klimawandel kommt. Dabei meint sie die Bauern, die Subsistenzwirtschaft betreiben. Umstellen müssen sich nur die anderen, die sich auf Modernisierung eingelassen haben. Biolandwirtschaft, regionale Herkunftszeichen und Fair Trade kommen auch nicht gut weg – denn das sei nur der alte Stiefel in etwas verändertem Gewand: Die Gesetze von Konkurrenz, Profit und Konzentration beherrschten auch diese Nischen.


Rudolf Buntzel

welt-sichten 11-2008