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Harter Alltag im Farbigen-Ghetto

Steffen Jensen
Gangs, Politics & Dignity in Cape Town
James Currey, Oxford 2008, 212 Seiten, 25,99 Euro


Viele Farbige in Südafrika finden, dass sich für sie nach dem Ende der Apartheid nicht viel geändert hat. Früher wurden sie von den Weißen unterdrückt, heute werden sie von den Schwarzen benachteiligt. Laut Steffen Jensen haben sogar schwarze Verbrecher einen besseren Ruf als ihre farbigen Kollegen: Dem schwarzen Gangster – Tsotsi – bringt mancher Südafrikaner klammheimliche Verehrung entgegen, während der farbige Ganove – Skollie – als bloßer Abschaum gilt. Das habe auch mit dem unterschiedlichen kulturellen und historischen Hintergrund der Gangsterbanden zu tun, erklärt Jensen: Die Wurzeln schwarzer Gangs reichen teilweise bis in den Kampf gegen das Apartheidregime zurück, während die farbigen Banden eben reine Kriminelle sind.

Als Hochburgen des Verbrechens in Südafrika gelten vor allem die Schwarzensiedlungen am Rande von Metropolen wie Johannesburg oder Kapstadt. Aber auch die Farbigen wurden während der Apartheid aus den Innenstädten vertrieben und – von anderen Bevölkerungsgruppen getrennt – in Townships umgesiedelt. Dort kämpfen sie heute mit den gleichen Problemen wie die Schwarzen.

Eines dieser Townships ist Heideveld auf den sogenannten Cape Flats, der Ebene südöstlich von Kapstadt, auf die Schwarze und Farbige während der Apartheid verfrachtet wurden. Dort ist Steffen Jensen, Mitarbeiter des Zentrums für Folteropfer in Kopenhagen und der Witwatersrand-Universität in Johannesburg, zwei Jahre lang der Frage nachgegangen, wie die Menschen unter prekären wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in Würde zu leben versuchen, welche Rolle dabei (für Männer) Verbrechen und Gang-Mitgliedschaft spielen und wie die übrige Bevölkerung mit dem Bandentum umgeht. Laut Jensen zeugen die Gangs der Cape Flats vom Zusammenbruch der sozialen Ordnung nach der Vertreibung aus dem Zentrum Kapstadts. Er beschreibt, wie junge Männer sich zum Zwecke der Selbstbehauptung zu Gruppen zusammenschließen, wie diese Gruppen dann zu Gangsterbanden mutieren – auch weil ihnen von Beginn an von außen dieser Charakter zugeschrieben wird – und wie die Konflikte zwischen verschiedenen Banden eskalieren. Der Krieg gegen andere Gangs, Kämpfe mit der Polizei, Gefängnisaufenthalte sowie sexuelle Gewalt gegen Frauen – all das bietet laut Jensen Bandenmitgliedern die Gelegenheit, die eigene ärmliche Herkunft sowie Perspektiv- und Machtlosigkeit zu kaschieren und sich als Mann zu fühlen. Jedoch ändere sich das spätestens dann, wenn Banden beispielsweise ernsthaft ins Drogengeschäft einsteigen: Dann gilt es, Ärger mit der Polizei zu vermeiden, weil das dem Geschäft schaden würde.

Wichtig für die Identität einer Gang ist der Machtanspruch auf ein bestimmtes Territorium. Das treibt mitunter skurrile Blüten: Jensen beschreibt, wie in einer Heidevelder Nachbarschaft ortsfremde Räuber eine alte Frau überfielen, von Mitgliedern der lokalen Gang aber gestellt wurden. Die gaben der Frau ihre Sachen zurück, nur um wenige Tage später selbst ihr Haus auszurauben.

Jensen zeigt, wie die Apartheidpolitik der räumlichen Trennung von unterschiedlich privilegierten Bevölkerungsgruppen bis heute in den Farbigensiedlungen wie Heideveld ihre Fortsetzung findet: Die jeweils eigene Seite gilt als friedlich und „normal“, während von „außen“ Unsicherheit und Störung drohen. So grenzen sich die Heidevelder Mittelklassebezirke von den armen Nachbarschaften ab. Dort wiederum markieren die Bewohner die Grenze zwischen ihrem Haus und der Kirche als Orten des Friedens einerseits und der Straße, auf der Gangster ihr Unwesen treiben, andererseits. Jensen beschreibt das als Strategie der Heidevelder, ihren Anspruch auf ein würdevolles Leben mit der harten Township-Realität in Einklang zu bringen.

Jensen gehört zu den Sozialwissenschaftlern, die keine Scheu haben, sich auf Augenhöhe mit den Menschen einzulassen, denen ihr Forschungsinteresse gilt – auch wenn man denen eigentlich lieber nicht im Dunkeln begegnen will. Andererseits verliert er nie die Distanz, die erforderlich ist, um zu plausiblen Schlussfolgerungen zu gelangen. Sein Buch ist eine lehrreiche und zugleich spannende ethnographische Studie über das Leben in einer Vorstadt Kapstadts, die zeigt, wie zerstörerisch die Apartheid bis heute auf die Gesellschaft und den sozialen Zusammenhalt nachwirkt. Wer grundsätzliche Aussagen zur Bandenkriminalität in Südafrika sucht, wird darin allerdings nicht fündig. Ein weiterer Wermutstropfen ist, dass Jensens Feldforschung zehn Jahre zurückliegt, so dass der Leser sich hin und wieder fragt, ob und wie sich die Situation in Heideveld seitdem verändert hat.


Tillmann Elliesen

welt-sichten 11-2009