Lateinamerikas Geschichte „von unten“
Jürgen Mittag/Georg Ismar (Hg.)
El pueblo unido? Soziale Bewegungen und politischer Protest in der
Geschichte Lateinamerikas
Westfälisches Dampfboot,
Münster 2009, 576 Seiten, 39,90 Euro
Soziale Bewegungen in Lateinamerika sind wieder im Aufschwung. Als Beleg für das Interesse unter Sozialwissenschaftlern kann der vorliegende umfangreiche Sammelband dienen. Er umfasst insgesamt 22 Länder- und Themenbeiträge, die das zyklische Auf und Ab sozialer Bewegungen in Lateinamerika des 20. Jahrhunderts beleuchten. Darin werden die Hintergründe für das Auftauchen (und das Verschwinden) sowie die politische Bedeutung dieser Bewegungen detailreich analysiert. Nicht zwingend entstehen sie aus extremer Armut, sondern eher in Umbruchsituationen, aus Enttäuschung über „die Politik“ oder durch vorenthaltene Partizipation an den Früchten der Konsumgesellschaften. Sie entstanden und wuchsen vor allem dort, wo es eine Chance auf die Durchsetzung gemeinsamer Ziele gab.
Entstaatlichungs- und Deindustrialisierungsprozesse führten in den 1980er und 1990er Jahre zum Niedergang einst ruhmreicher Gewerkschaften wie der Central Obrera Bolivana in Bolivien. Hatten über eine längere Phase des 20. Jahrhunderts Bauern-, Arbeiter -, Studenten- und Stadtteilorganisationen zu den Speerspitzen der sozialen Bewegung gehört, so sind die neuen sozialen Bewegungen eher bestimmt durch Indigene, Landlose, Frauen-, Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten oder durch Arbeiterinnen und Arbeiter, die ihre bankrotten Fabriken übernehmen, etwa in Brasilien und Argentinien. Stärker als früher pochen sie auf Autonomie und pflegen einen globalisierungskritischen Diskurs. Kein anderer Kontinent ist stärker durch soziale Gegensätze geprägt als Lateinamerika; aber auch auf keinem anderen Kontinent konnten soziale Bewegungen mehr Einfluss entwickeln.
Nach dem Abtritt der Militärdiktaturen in den 1980er Jahren waren die Hoffnungen der armen Unterschichten und verarmten Mittelschichten auf eine demokratische Erneuerung und Verbesserung ihrer Lebensbedingungen gerichtet. Heute finden sich in den meisten Ländern Lateinamerikas Regierungen, die unterstützt von sozialen Bewegungen an die Macht gekommen sind und sich mehr oder weniger als linksgerichtet verstehen. Doch auch ihnen will die Umverteilung nicht so richtig gelingen, obgleich bis zu Beginn der internationalen Finanzkrise im Herbst 2008 die Volkswirtschaften dank der hohen Weltmarktnachfrage nach Rohstoffen jeder Art boomten. So ist gerade unter den Mittelschichten Lateinamerikas nicht nur eine Ernüchterung, sondern zum Teil eine tiefe Enttäuschung über „ihre“ Regierung erwachsen.
Werden die neuen und alten sozialen Bewegungen künftig einen Beitrag zur Erneuerung der Parteienlandschaft leisten oder eher populistischen Politikern den Steigbügel halten? Bei den Präsidentschaftswahlen der vergangenen Jahre konnten sich in 14 lateinamerikanischen Ländern Mitte-Links- und Linksregierungen etablieren, doch gleichzeitig verlor manche Basisbewegung an Bedeutung. Sollten in den nächsten Jahren wieder eher rechtsgerichtete Präsidenten gewählt werden, dürfte auch die „Re-Mobilisierung sozialer Bewegungen zur Verteidigung der Errungenschaften“ wieder auf der Tagesordnung stehen. Und nicht nur zur Verteidigung, möchte man hinzufügen. Es ist dauerhaft angezeigt, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und den Druck von unten aufzubauen. Auf das segensreiche Wirken einer paternalistischen Regierung sollte sich niemand verlassen.
Die Autorinnen und Autoren bewerten die Rolle der sozialen Bewegungen überwiegend positiv, trotz Rückschlägen, internen Konflikte sowie Versuchen der Instrumentalisierung von oben und außen. Sie sind überzeugt, dass sie auch künftig eine „herausragende Rolle auf dem langen Weg zu einer gerechteren Gesellschaft spielen“ werden. In seinem Fazit teilt der Soziologe Dieter Boris diese Einschätzung. Zugleich empfiehlt er aber, soziale Bewegungen in ihren Wirkungen auf Demokratie und Entwicklungsprozesse nicht zu verklären.
Dieser Sammelband ist ein beachtens- und studierenswerter Beitrag zu einer Geschichte Lateinamerikas „von unten“. Der Beitrag über Brasilien sollte allerdings bei einer Neuauflage gründlich überarbeitet werden.
Werner Würtele
