Schwere Lektüre zum Kampf gegen Aids
Viviane Brunne
HIV und AIDS in Südafrika – Die
Public-Private Partnership-Strategie
Nomos-Verlag, Baden-Baden 2008,
515 Seiten, 69 Euro
Öffentlich-private Partnerschaften (Public Private Partnership, PPP) werden seit 1999 als Instrumente der Wirtschaftsförderung und Entwicklungszusammenarbeit genutzt. Die Aids-Präventionsprogramme von Autokonzernen wie DaimlerChrysler und BMW in Südafrika fanden weit über die Fachöffentlichkeit hinaus Anerkennung und Interesse. In ihrer Dissertation geht die Politikwissenschaftlerin und Aids-Expertin Viviane Brunne nun der Frage nach, ob diese Programme tatsächlich dazu beitragen konnten, der Pandemie Einhalt zu gebieten und ihre Auswirkungen einzudämmen. Das Buch richtet sich an alle, die einen wissenschaftlich fundierten Referenzrahmen für diese Bewertung suchen.
Die Autorin beschreibt zunächst die Entwicklung der Aidsepidemie in Südafrika und ihrer Folgen von den ersten Fallberichten bis zum Jahr 2005. Sie analysiert die gesellschaftlichen Auswirkungen mit einem besonderen Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung. Bemerkenswert ist ihre Dokumentation der Antworten auf die Ausbreitung des HI-Virus. Sie beginnt mit der Ausgrenzungs- und Barrierepolitik der Apartheidregierung, beschreibt die Verdrängung der Tatsachen unter der Regierung von Thabo Mbeki und erläutert die besondere Rolle von zivilgesellschaftlichen Organisationen wie der „Treatment Action Campaign“, die mit ihrer Advocacy-Arbeit und ihren gerichtlichen Erfolgen gegen Staat und Wirtschaftsunternehmen grundlegende Veränderungen in den Antworten auf HIV und Aids bewirkt haben, die weit über Südafrika hinausgehen.
Spannend und lehrreich sind Beschreibungen von einzelnen PPP-Projekten mit internationalen, nationalen und lokalen Beteiligten. Sie beruhen auf einem breiten Quellenstudium sowie einer Befragung im Rahmen einer Feldstudie im Jahr 2002. Unklar ist allerdings, inwieweit die Fallbeispiele für PPPs in Südafrika repräsentativ sind und verallgemeinernde Aussagen zulassen. Und die Zivilgesellschaft, etwa die Beiträge von Religionsgemeinschaften und Kirchen, kommt deutlich zu kurz.
Laut Brunne variieren die Faktoren, die sich für PPPs als fördernd oder hinderlich erwiesen haben. Begünstigend wirkten sich auf nationaler Ebene freundschaftliche und kulturelle Nähe der beteiligten Partner, der Zwang zu Veränderungen angesichts der raschen Ausbreitung des HI-Virus sowie eine kritische Zivilgesellschaft und Medien aus. Hemmend kamen die Apartheidvergangenheit, die ambivalente Haltung der Regierung sowie eine geringe gesellschaftliche Strategiefähigkeit zum Tragen. Auf lokaler Ebene waren PPPs erfolgreich, wenn ihre Initiatoren konstruktiv mit Konflikten umgehen konnten und eine positive Einstellung zu Lernprozessen hatten.
Zwei Fragen bleiben am Ende des Buches. Ist das von Brunne vorgelegte empirisch-theoretische Modell, das den Anspruch erhebt, PPPs in Südafrika besser steuern zu können, dort immer noch relevant und anwendbar, obwohl seit Ende der Forschungsarbeiten zum Beispiel antiretrovirale Medikamente eingeführt wurden und politische Veränderungen eingetreten sind? Und inwieweit lässt es sich auf einen anderen sozialen oder politischen Kontext übertragen, etwa in China oder Osteuropa? Hier teile ich den Optimismus von Viviane Brunne nur bedingt. Mir scheint, dass man besser von Beginn an auf der Grundlage von Brunnes Arbeit eine wissenschaftliche Begleitung und Wirkungsbeobachtung in PPP-Projekte einbringen sollte.
Das Fachbuch ist keine leichte Lektüre. Grafiken, Abbildungen und Tabellen, die die Übersichtlichkeit erhöhen, sind rar. Wer schnell eine Antwort auf die Kernfrage nach den Faktoren für die Wirksamkeit von PPPs sucht, wird sich vermutlich verlieren. Es wäre schön, wenn die Autorin und der Verlag die Fülle von wichtigen Informationen leichter verdaubar machen könnten. Die sind nämlich für alle wichtig, die in der internationalen Entwicklungsarbeit am Kampf gegen HIV und Aids beteiligt sind.
Klemens Ochel
