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Die halbe Wahrheit

Ilan Pappe
Die ethnische Säuberung Palästinas
Zweitausendeins, Frankfurt/Main 2007
416 Seiten, 22 Euro


Ilan Pappe gehört zu den neuen Historikern in Israel, die seit den 1980er Jahren an den Gründungsmythen des jüdischen Staates rütteln. Mit seinem neuesten Buch tritt er der staatstragenden Erzählung entgegen, bei der Flucht und Vertreibung der arabischen Bewohner Palästinas habe es sich um einen Kollateralschaden des Krieges von 1948 gehandelt. Pappe will zeigen, dass die Vertreibung nicht ein Resultat, sondern das Hauptziel des Krieges war, und benutzt dafür bewusst den in den 1990er Jahren im Zuge des jugoslawischen Bürgerkrieges entstandenen Begriff der ethnischen Säuberung. Antriebskraft waren laut Pappe die zionistische Ideologie im Allgemeinen und der „Plan Dalet“ im Besonderen, der, wie er schreibt, „am 10. März 1948, einem kalten Mittwochnachmittag“, von elf altgedienten zionistischen Führern und jungen jüdischen Offizieren ausgeheckt worden sei.

Abgesehen von der Frage, ob es sinnvoll ist, den politisch vorbelasteten Begriff der „ethnischen Säuberung“ auf einen anderen Konflikt zu übertragen: Der Autor dreht die gängige staatliche Erzählweise einfach um. Die Guten werden die Schlechten, die Opfer zu Tätern. Differenzierte Grauzonen gibt es nicht. Das Ärgerliche an diesem Buch ist nicht die beklemmende Beschreibung, mit welcher Härte und Brutalität die Juden ihre Staatsgründung auf Kosten der arabischen Bevölkerung durchgesetzt haben, sondern die systematische Ausblendung aller Bedrängnisse, denen die jüdische Seite damals ausgesetzt gewesen war. Es ist sozusagen die halbe Wahrheit, die sich im Willen, mit „dem Zionismus“ abzurechnen, noch nicht einmal bemüht, die Erfahrung des Holocaust einzubeziehen.

Pappes Umgang mit dem „Plan Dalet“ ist dafür exemplarisch. Das Dokument ist nämlich keineswegs eine sensationelle Neuentdeckung. Der israelische Historiker Benny Morris hatte es als Vorbereitung auf eine drohende Invasion der arabischen Nachbarländer interpretiert. Pappe sieht den Plan dagegen ohne Kontext und nimmt ihn als entscheidendes Beweisstück für den Vertreibungswillen der Zionisten. Warum der Massenexodus der Palästinenser mit dem Waffenstillstand sofort zum Erliegen kam und warum die immerhin ein Fünftel der israelischen Bevölkerung stellende arabische Minderheit nicht ebenso der „ethnischen Säuberung“ zum Opfer fiel, bleibt dahingestellt.

Pappe geht es um eine „schmerzhafte Reise in die Vergangenheit“. Er will eine „bessere Zukunft für uns alle, Palästinenser wie Israelis“, schaffen. In Israel wird ihm das offensichtlich nicht gedankt; seit einem Jahr lebt er in Großbritannien. Insofern ist sein bitterer, anklagender Ton verständlich. Ein differenzierterer, weniger politisch motivierter Blick und ein ausgewogenes Urteil hätten dem Buch gleichwohl gut getan und vielleicht seinen Zielen einen besseren Dienst erwiesen.

Jörg Später

welt-sichten 12-2008/01-2009