„Keiner weiß, wie ernst die Konzerne es meinen“
Immer mehr große Unternehmen verkaufen fair gehandelte Produkte
Fair gehandelte Waren wie Lebensmittel oder Kleidung gibt es längst nicht mehr nur in Eine-Welt-Läden, sondern zunehmend auch in Supermärkten und Kaufhäusern. Seit Oktober bietet auch der Kaffeemulti Tchibo eine mit dem „Transfair“-Siegel versehene Kaffeesorte in seinen Filialen an. Thomas Speck, der Geschäftsführer der Gepa, des nach eigenen Angaben größten Hauses für Fairen Handel, erläutert, was dieser Trend für den Fair-Trade-Markt bedeutet.
In den Supermärkten gibt es immer mehr Anbieter von „Transfair“-Produkten. Jetzt bringt die Gepa eine neue Produktlinie „Weltladen exklusiv“ auf den Markt. Was hat es damit auf sich?
Wir haben diese Produktlinie entwickelt, um speziell die Weltläden zu unterstützen. Es handelt sich dabei um besonders hochwertige Produkte, die – ähnlich wie es das beim Bio-Handel gibt – nur im Fachgeschäft zu erhalten sind. „Weltladen exklusiv“ hat ein eigenes Design und stellt unsere Handelspartner aus dem Süden besonders in den Vordergrund.
Geht es Ihnen auch darum, das Gepa-Profil als Fairtrade-Anbieter zu schärfen?
Es fällt uns nicht wirklich schwer, uns gegenüber anderen Lizenznehmern von „Transfair“ abzuheben. Ein wesentlicher Unterschied zu anderen Anbietern ist, dass wir zu hundert Prozent Fairtrader sind. Bei uns ist es eben nicht so, dass wir nur das eine oder andere Produkt nehmen und von Transfair siegeln lassen, während andere Waren ganz konventionell auf dem Weltmarkt eingekauft werden, wie das bei anderen Lizenznehmern der Fall ist. Zum anderen sind wir eine Non-Profit-Organisation, die ihren Erlös vollständig in den fairen Handel reinvestiert. Und wir sind mit der Bewegung – also mit den Aktionsgruppen, den Weltläden, den kirchlichen Gruppen – eng verbunden, aus der der Faire Handel vor über dreißig Jahren entstanden ist.
Kann die Grundidee eines „alternativen Handels“ aufrecht erhalten werden, wenn Multis wie Tchibo und Nestlé – die „alten Feinde“ der Solidaritätsbewegung – in den Fairen Handel einsteigen?
Das wird von der weiteren Entwicklung abhängen. Es ist ja erst wenige Wochen her, seit Tchibo und Nestlé eingestiegen sind und nun ihrerseits neben den anderen, eher mittelständisch geprägten Lizenznehmern von Transfair eine Auswahl ihrer Produkte mit dem Fairtrade-Siegel verkaufen. Einerseits ist es natürlich schön, wenn immer mehr Firmen einsteigen. Aber andererseits weiß im Moment noch keiner, wie ernst die großen Konzerne es wirklich meinen. Bleiben sie auch in kritischen Zeiten dabei, etwa wenn der Weltmarktpreis für Kaffee wieder nach unten geht? Oder werden sie dann eine Senkung des festgelegten Mindestpreises fordern?
Angesichts der enormen Marktausweitung im Fairen Handel in den letzten Jahren überdenkt die internationale Zertifizierungsorganisation FLO derzeit ihre Grundsätze. Worum geht es bei dieser Überprüfung?
Wir finden es sehr wichtig, dass angesichts der Marktdynamik innegehalten wird, um zu überlegen: Wo will ich in den nächsten zehn Jahren hin? Es geht um entscheidende Fragen: Wie wird zertifiziert, wie werden Standards festgelegt, wo bleiben die Produzenten? Wir als Gepa bringen unsere Anliegen vor allem über den Europäischen Dachverband der Weltläden bei der FLO und ihrer deutschen Tochter Transfair ein. Wir können durchaus für uns beanspruchen, dass wir in der Vergangenheit einige Dinge positiv beeinflusst haben. So haben wir verhindert, dass die FLO auch Kaffee aus Plantagen als „fair“ zertifiziert. Da haben wir uns mit unserem Fokus auf die Kleinproduzenten durchsetzen können. Auch jetzt bei dem „Strategic Review“ geht es darum, wie der Einfluss der Produzenten gestärkt werden kann. Das unterstützen wir.
Sie befürchten also nicht, dass Ihre Stimme als gemeinnützige Organisation untergehen wird – jetzt, da auch die Multis in das Geschäft einsteigen?
Nein, ich glaube nicht, dass unsere Stimmen und Positionen untergehen. Noch immer liefern die ursprünglichen Fairtrader mit Vollsortiment schätzungsweise mindestens 25 Prozent der Produktion weltweit, das ist kein geringer Anteil. In Deutschland entfällt sogar immer noch die Hälfte des Marktes für Fairen Handel auf uns. Wir sind also nicht unwichtig, nur eben nicht mehr so wichtig wie noch vor zehn Jahren.
Das Gespräch führte Bettina Stang.
Thomas Speck
ist Geschäftsführer der Gepa, des großen Importhauses für faire Waren aus dem Süden mit Sitz in Wuppertal.
Perspektiven für den Fairen Handel
Wie kann der „Faire Handel“ zu einem gerechteren Welthandel beitragen? Caritas Schweiz hat dazu die Studie „Die Zukunft des Fairen Handels“ vorgelegt. Die Autoren fordern von den Industriestaaten, sich auf zwischenstaatlicher und überstaatlicher Ebene für mehr Gerechtigkeit bei den Produktions- und Handelsregeln zu engagieren. Zu diesem Zweck müsse auch darüber nachgedacht werden, die Vorgaben der Welthandelsorganisation (WTO) „entwicklungsfreundlich zu revidieren“. Die Studie sieht Unternehmen in der Pflicht, sich über eine eigens definierte und oft als Feigenblatt kritisierte Unternehmensverantwortung (CSR) hinaus zu engagieren und somit einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung zu leisten.
Der Fair Trade-Bewegung sei es bisher nicht gelungen, sich auf allgemein verbindliche Kriterien und Grundsätze für einen ökologisch und sozial verträglichen Handel zu einigen. Ein Regelwerk sei aber wichtig. Es müsse mit hohen Standards für Qualität bürgen und benachteiligte Kleinproduzenten einbeziehen. Bisher wird in Frankreich, Italien und Belgien an einer Fairhandels-Norm gearbeitet. In Frankreich gab es bereits einen Entwurf, der aber am Widerstand einzelner Handelsakteure gescheitert ist. Für die Autoren ist eine Regelung dennoch auch im Rahmen der EU „früher oder später unabwendbar“.
Caritas Schweiz macht Vorschläge für grundsätzliche Standards in den Bereichen Handelsbeziehungen, Arbeitsrecht und ökologische Produktion. Die Studie verweist darauf, dass Entwicklungsakteure und Fair Trade-Organisationen bisher kaum kooperieren, ein Dialog aber für beide Seiten lehrreich wäre.
Der Anteil fair gehandelter Produkte am Welthandel nahm der Studie zufolge 2007 um 47 Prozent zu und erreicht in einzelnen Segmenten bis zu fünf Prozent. Insgesamt lag er allerdings bei nur 0,03 Prozent. Insbesondere Baumwollprodukte, Fruchtsäfte, Zucker, Bananen, Wein und Blumen verzeichnen starke Zuwachsraten.
(fe)
Caritas Schweiz (Hg.)
Die Zukunft des Fairen Handels
Caritas-Verlag, Luzern 2008
182 Seiten, 25 sFr
