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Nicht unbedingt befreiend

Pambazuka (Oxford, Kapstadt, 2.10.2008): Henning Melber kritisiert in der 400. Ausgabe des wöchentlich erscheinenden Internet-Dienstes die in der europäischen Dritte-Welt-Bewegung der 1960er Jahre weit verbreitete Glorifizierung des bewaffneten Kampfes, mit der man seine Solidarität mit den „Verdammten dieser Erde“ auszudrücken glaubte. Der Direktor der Dag Hammarskjöld-Stiftung, der seit 1974 Mitglied der namibischen Befreiungsorganisation SWAPO ist, bezeichnet insbesondere Jean-Paul Sartres Argumentation als einseitig. Der französische Existenzialist beschreibt in seinem Vorwort zu Frantz Fanons 1961 erschienenen Buch, das als Manifest des Antikolonialismus gilt, Gewalt als reinigende Kraft, die die Unterdrückten zu gleichberechtigten Bürgern mache.

Fanon habe den exzessiven postkolonialen Autoritarismus angeprangert, den er in Westafrika erlebt hatte, so Melber. Er habe deutlich das undemokratische Verhalten der afrikanischen Eliten im Zuge der Entkolonialisierung kritisiert, die ihre Machtfülle zur Sicherung von Privilegien missbrauchten. Seine frühen Warnungen seien jedoch weithin unbeachtet geblieben. Erst in den 1990er Jahren, als die Unzulänglichkeiten der revolutionären Bewegungen nicht länger ignoriert werden konnten, seien seine Analysen wieder in den Blickpunkt gerückt. Simbabwe zeige auf traurige Weise, dass das Leben unter einer aus der Befreiungsbewegung hervorgegangenen Regierung nicht automatisch besser ist als unter der Kolonialmacht, schreibt Melber. Aber auch in Namibia seien die von der SWAPO verübten schweren Menschenrechtsverletzungen heruntergespielt worden. Im Unterschied zu den beiden Nachbarländern habe die Entwicklung in Südafrika besser verlaufen können, denn die von der ANC-Regierung eingesetzte Wahrheitskommission habe die von den eigenen Mitgliedern begangenen Menschenrechtsverletzungen in einem offenen Verfahren behandelt. Deren Abschlussbericht weise allerdings Lücken auf.

Seit der Französischen Revolution sei bekannt, dass aus bewaffneten Befreiern Unterdrücker werden, so Melber. Die Widerstandsorganisationen müssten oft brutale Überlebenstechniken anwenden, die nach dem Sieg über die Unterdrücker bei den neuen Herrschern fest verwurzelt blieben. Laut Melber wurde Nelson Mandela möglicherweise deshalb zur globalen Ikone, weil ihn die langen Jahre seines Gefängnisaufenthaltes von den Intrigen und Machtspielen ferngehalten hatten, wie sie in einer Befreiungsorganisation verbreitet sind.

Mandela habe sich Mitgefühl und Toleranz bewahrt, was ihm in einem Leben des Kampfes und Exils vielleicht nicht gelungen wäre. Einmal an der Macht, neigten die Befreiungsbewegungen dazu, dies als „Ende der Geschichte“ zu betrachten. Jede politische Alternative, die nicht aus ihrem inneren Kern stamme, werde zurückgewiesen: „Diese Einstellung erklärt auch die Komplizenschaft der Regierungen von Angola, Mosambik, Namibia und Südafrika mit dem Mugabe-Regime.“


Karl Otterbein

welt-sichten 12-2008/01-2009